«Ich war nicht ich – ich war mein Job»
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 28.08.2009 3 Kommentare
Mehrmals in seiner Laufbahn hat Josef Engler* Aufgaben von anderen «geerbt»: Bei ihm wusste man, dass alles in guten Händen war, seine Gewissenhaftigkeit und sein Fleiss waren beispielhaft. Engler wäre es nie in den Sinn gekommen, Nein zu sagen. Schliesslich erhielt er Anerkennung für das, was er leistete – und diese Anerkennung war sein Antrieb. Heute, nach allem, was geschehen ist, sagt der 52-Jährige: «Ich habe nie unterschieden zwischen mir und meinen Aufgaben. Ich war nicht ich – ich war mein Job; dafür habe ich mich aufgeopfert.»
Migräne und Schwindel
Lange Zeit reihte Engler dank seinem Perfektionismus und seinen hohen Anforderungen an sich beruflich Erfolg an Erfolg. Die Umschulung vom Tonaufnahmetechniker zum Informatiker bewältigte der gelernte Radioelektroniker im Alter von knapp dreissig Jahren problemlos; es war die Zeit, als die PTT/Telecom verzweifelt Informatiker suchte. Engler machte sich rasch einen Namen in der Anwendungsentwicklung, er übernahm die Verantwortung für Mutationen in der Auftragsabwicklung – ein komplexe Aufgabe, die ihm immer längere Arbeitstage abverlangte. Oft stempelte er um halb sieben ein und blieb bis in die Abendstunden am Bildschirm sitzen.
Die häufigen Schwindelgefühle und Migräneanfälle empfand Engler als lästige Unterbrechungen. Er ignorierte sie, solange es ging, oft brauchte er Medikamente, «um die Sache in den Griff zu bekommen». Seine Leistung wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Mitte der Neunzigerjahre erbte Engler eine neue Funktion an der Schnittstelle zweier Informatiksysteme, er arbeitete mal in Ostermundigen, mal in Freiburg. Ende der Neunzigerjahre kam es zur grossen Reorganisation, Engler hätte nach Bern wechseln müssen. Da er dort keine Perspektiven sah, wechselte er nach 13 Jahren in eine neue Abteilung, die sich um die Sicherheit der Grossrechner kümmerte. «Die neue Arbeit stellte hohe Ansprüche», sagt Engler lakonisch, «ich selber legte die Messlatte mit meinem Perfektionismus aber noch viel höher.» Dass sich der Vater dreier damals schulpflichtiger Kinder nebenberuflich sozial engagierte, trug nicht gerade zur Entspannung der Situation bei.
Softdrogen und Medikamente
Nach zwei, drei Jahren musste Engler sich eingestehen, dass seine Leistungsfähigkeit nachliess. Er brauchte mehr Energie und mehr Zeit, um das gewohnte Pensum zu bewältigen – und er erholte sich schlechter. «Ich litt unter permanenter Müdigkeit. Um die langen Arbeitstage zu bewältigen, griff ich zu Softdrogen wie Kaffee und Vitamintabletten.» War er früher mit fünf bis sechs Stunden Schlaf ausgekommen, reichten plötzlich auch sieben oder acht Stunden nicht mehr zur Regeneration. Tagsüber litt Engler unter Verdauungsbeschwerden, Migräne und Schwindel wurden «zu treuen Begleiterinnen», die Dosierung der Schmerzmittel musste kontinuierlich erhöht werden.
Was Engler nebst der täglichen Arbeit und den gesundheitlichen Problemen zusätzlich zu schaffen machte, war die grosse Unruhe im Unternehmen: Wöchentlich gab es neue Gerüchte über Reorganisationen, vier von fünf Standorten wurden von Freiburg nach Bern verlegt, es kam zu vielen Wechseln und ersten Abbauschritten.
Jobverlust und Klinikaufenthalt
Im Juli 2003 wurde klar, dass Engler nur noch bis Ende Jahr bleiben konnte und danach ins Arbeitsmarktzentrum übertreten musste. «Ich hatte mich so sehr mit der Arbeit identifiziert, dass ich diesen Tiefschlag nur schwer verdauen konnte», erinnert sich der 52-Jährige. Nach einigen Monaten spürte er allerdings auch Erleichterung, dass er die Verantwortung vorübergehend abgeben konnte. «Ich war damals so naiv zu glauben, in kurzer Zeit beginne ein neues Kapitel in meiner Karriere.»
Es kam anders. Im Januar 2004, zwei Wochen nach seinem letzten Arbeitstag, diagnostizierte Englers Arzt eine Depression und verordnete Psychopharmaka. Engler versuchte, sich aufzuraffen. Er entdeckte die wohltuende Wirkung von Spaziergängen in der Natur und begann mit Krafttraining. Ein Bekannter bot ihm an, er könnte in einem 30-Prozent-Pensum die Buchhaltung in dessen Informatik-Dienstleistungsbetrieb besorgen. Engler stürzte sich mit dem bekannten Perfektionismus in die neue Aufgabe. Anfang 2005 wurde klar, dass sich seine Gesundheit nicht besserte. Nach der Konsultation eines Psychiaters trat Engler in die psychosomatische Abteilung einer Klinik ein.
Er empfand das in diesem Moment nicht als Niederlage, sondern als «grosse Erleichterung». «Dort fühlte ich mich zum ersten Mal verstanden. Ich begriff, wie Perfektionismus, Stress, Verspannungen und Migräne zusammenhingen; und ich kam in Kontakt mit vielen anderen erfolgreichen Berufsleuten, die krank geworden waren, weil sie den eigenen Ansprüchen nie hatten genügen können.»
Trinken, bevor man Durst hat
Nach fünf Wochen stationärer Therapie fühlte sich Engler wesentlich besser, er kämpfte aber auch gegen die regelmässig auftretenden Versagensgefühle. «Ich habe mich selber immer als sehr leistungsstark wahrgenommen», erinnert er sich, «deshalb war es sehr frustrierend, nach jeder halben Stunde Anstrengung eine Stunde Pause einlegen zu müssen.» Gleichzeitig wusste er, dass es anders nicht mehr ging. «Mein Psychiater hatte mir klar gemacht: So wie ein Marathonläufer trinken muss, bevor er den Durst spürt, muss ich Pausen einlegen, bevor die Kopfschmerzen einsetzen.»
Zwischen Therapie und Bewerbung
Sein ehemaliger Arbeitgeber zeigte sich grosszügig; der Sozialplan wurde um ein halbes Jahr verlängert; als er Ende Juni 2005 auslief, deckten Taggelder der Invalidenversicherung die Lohnausfallkosten. Es war ein nahtloser Übergang vom «Case Management» des Swisscom-Arbeitsmarktzentrums zum Wiedereingliederungsprogramm der IV. Engler sagt, er sei dankbar, dass man ihn nicht habe fallen lassen und dass er in dieser Phase keine existenziellen Sorgen gehabt habe. Gleichwohl habe er in dieser Zeit in einem «furchtbaren Spannungsfeld der Ansprüche» gelebt, was für jemanden, der immer allen Ansprüchen genügen wollte, sehr quälend sei: Hier die Therapieversuche und die Ermahnung, sorgfältig auf die Signale seines Körpers zu hören; da die Auflagen der IV, die ihn drängten, sein Arbeitspensum rasch auf 50 Prozent zu steigern.
Nach einem Jahr liefen die Wiedereingliederungsmassnahmen der IV aus, ohne dass Engler den Schritt zurück in die Berufswelt geschafft hätte. Es folgte ein halbjähriger Aufenthalt in einer beruflichen Rehabilitationsstätte für Menschen mit psychischer Behinderung. Im Juli 2007 dann die Diagnose: Englers maximale Produktivität lag zwischen 10 und 15 Prozent; damit liess sich unmöglich den Lebensunterhalt verdienen. Engler erhielt keine Taggelder mehr, finanziell kam die Familie nur über die Runden, weil seine Frau Teilzeit arbeitete und die Swisscom sich mit einer Rentenbevorschussung grosszügig zeigte.
Ansonsten konzentrierte sich Engler darauf, sich Gutes zu tun. Spaziergänge, Veloausflüge, medizinische Trainings-Therapie und regelmässige Massagen trugen dazu bei, dass sich sein Gesundheitszustand verbesserte. Im Sommer 2008 kam der nächste Tiefschlag in Form einer Teilberentung: «Der Gutachter der IV hatte nach einem Gespräch von 1,5 Stunden befunden, ich könne 60 Prozent als Informatiker arbeiten.» Engler erhielt eine halbe Rente von der IV und auf rund 80 Bewerbungen ebenso viele Absagen von potenziellen Arbeitgebern, obwohl die Profile in einigen Fällen auf ihn zugeschnitten waren. Immerhin: Einer der Stellenvermittler bot Englers Frau ein 50-Prozent-Pensum an.
Der lange Weg zurück
Dank dem Kontakt zum Berner IT-Personalberatungsbüro P3B verbesserte sich die Situation schliesslich: Ende Juni 2009 konnte Engler eine befristete 30-Prozent-Stelle als Operateur antreten. Seither arbeitet er an vier Tagen pro Woche drei Stunden und nimmt dafür täglich drei Stunden Arbeitsweg in Kauf. Im ersten Monat sei er begeistert gewesen, wieder arbeiten zu können, sagt Engler; wieder eine Aufgabe in einem Team zu haben und zu spüren, dass seine Fähigkeiten nach wie vor gefragt waren, habe ihm gut getan.
Im zweiten Monat sei er dann aber «auf die Welt gekommen»: abends habe er Schlaftabletten gebraucht, tagsüber seine Grenzen zu spüren bekommen. Wenn er um 13 Uhr nach Hause komme, sei er «sehr erschöpft»; es sei frustrierend zu sehen, dass ein so kleines Pensum einen solchen Energieverschleiss nach sich ziehe.
Ende September läuft seine Anstellung aus. Was er dann macht und ob er je wieder ein höheres Pensum wird bewältigen können, weiss Engler nicht. Er könnte sich auch vorstellen, künftig sein schmerzhaft am eigenen Leib erworbenes Wissen in Sachen Burnout weiterzugeben. «Ich empfehle allen, regelmässig eine persönliche Bilanz zu erstellen und rechtzeitig die Konsequenzen zu ziehen», sagt Engler. «Man sollte sein Leben verändern, bevor einen das Leben verändert.»
* Name geändert (Der Bund)
Erstellt: 28.08.2009, 11:31 Uhr
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3 Kommentare
Kenne ich. Ich war selbständig, kein Sozialplan. Aber ansonsten sehr, sehr ähnlich. Und, wir wissen, dass uns die Aufgaben immer und immer wieder aufsaugen werden. Hier blicke ich der 6. IV Revision mit Unbehagen entgegen. Was, wenn ich gezwungen werde, mich dem wieder auszusetzen. Als Spielball meiner selbst, damit kann ich leben. Selber schuld, halt. Aber als Toy für Politiker? Antworten
In der Regel passiert einem so etwas, wenn man sich zu sehr mit dem Job identifiziert und sich über den Job definiert.Hier ist die Gesellschaft nicht ganz unschuldig;indem man niemand ist,wenn man nicht arbeitet, egal ob gewollt oder nicht!Bei Männern ist dies ausgeprägter als bei Frauen,welche sich bei AL zu Hause mit dem Haushalt beschäftigen können.Männern fällt bei AL die Decke auf den Kopf. Antworten
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