«Hören wir auf, von Missbrauch zu sprechen»

Von Andrea Hauri*. Aktualisiert am 25.03.2010 11 Kommentare

Die kindliche Sexualität ist nicht mit jener von Erwachsenen gleichzusetzen. Namhafte Persönlichkeiten wie etwa Adolf Muschg gehen der Soziologin Andrea Hauri deutlich zu weit.

Andrea Hauri: «Der Fokus sollte schnell auf die Kinder gerichtet werden.»

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Bild: Keystone

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Die Soziologin und Sozialarbeiterin Andrea Hauri (35) leitet seit 2007 den Fachbereich Kindesschutz der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

Eine Welle von Fällen systematischer sexueller Gewalt an Kindern in religiösen, privaten sowie staatlichen Heimen und Schulen wurde in den letzten Wochen nicht nur, aber auch in der Schweiz bekannt. Namhafte Persönlichkeiten haben sich mit einer täterfreundlichen und die sexuelle Gewalt verharmlosenden Haltung in die öffentliche Debatte eingeschaltet. Es wurde über Reformpädagogik gestritten, Platon zitiert, und Strukturfragen wurden diskutiert. Es ist genug.

Reden wir von den Kindern, den Jugendlichen, jenen, die Opfer wurden und es werden könnten. Wenden wir den Blick endlich auf das Kind, das in der Berichterstattung bislang weitgehend ausser Acht gelassen wurde und vorwiegend als Ding, als Objekt sexueller Befriedigung in Erscheinung getreten ist. So meint Psychoanalytiker Peter Passett, es als problematisch erachten zu müssen, dass die Kinderpornografie grundsätzlich verboten sei. Angemessen fände er es, wenn Pädophilen Material zur Verfügung gestellt würde, das ohne sexuelle Gewaltanwendung an Kindern zustande gekommen ist, etwa indem Kinderfotos mittels Computeranimation zu pornografischen Bildern verändert würden.

Schutz der Persönlichkeit

Er sollte wissen: Der grösste Teil sexueller Übergriffe an Kindern wird durch Personen verübt, die sich keineswegs ausschliesslich zu Kindern, sondern ebenso zu Erwachsenen sexuell hingezogen fühlen und die damit ihre sexuelle Befriedigung entsprechend problemlos legal finden können. In kinderpornografischem Material wird zudem meistens grausamer sexueller Missbrauch an Kindern dargestellt. Kinder haben nicht nur das Recht, vor jeglicher Form von Gewalt geschützt zu werden, sondern auch ein Recht auf den Schutz ihrer Persönlichkeit und Intimsphäre.

Selbst wenn ein Kind bei der Herstellung pornografischen Materials nicht direkt sexuell ausgebeutet werden sollte, so verletzt die Tatsache, dass veränderte Bilder von ihm durch das Internet in unkontrollierbarer Weise über Jahrzehnte immer wieder auftauchen können, dennoch die Integrität und Würde des Kindes in inakzeptabler Weise.

Ungleiche Sexualität

Kinder haben eine Sexualität bereits von Geburt an, dies im Sinne der Fähigkeit zu sinnlich-lustvollen Erfahrungen. Doch die kindliche Sexualität ist in keiner Weise mit jener von Erwachsenen gleichzusetzen. Kinder entdecken durch sinnliches Experimentieren ihren Körper und lernen schrittweise auch dessen sexuelle Funktionen kennen. Deshalb soll Kindern durchaus Raum zum Experimentieren mit sich selbst oder mit in etwa Gleichaltrigen gewährt werden. Werden Kinder jedoch mit der Erwachsenensexualität konfrontiert, noch dazu, wenn dies im Rahmen eines Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnisses geschieht, so kann dies äusserst negative Folgen bis hin zu Traumatisierungen haben. Erwachsene, die Kinder für die eigene Lustbefriedigung missbrauchen, zerstören die künftige Vertrauens- und Bindungsfähigkeit der Kinder wissentlich. Aus diesem Grund sind sexuelle Handlungen mit Kindern für Erwachsene verboten, zu Recht.

Das sehen – und die Diskussionen zeigen es erschreckend deutlich – offenbar nicht alle so. Der Schriftsteller Adolf Muschg verweist auf die Antike und den Wandel in der Beurteilung von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern, um dadurch die heutige Kriminalisierung und moralische Verurteilung von sexuellen Handlungen mit Kindern zu relativieren. Heute sind die negativen, vor allem psychischen Folgen von sexuellen Handlungen mit Kindern jedoch wissenschaftlich belegt, was in der Antike zweifellos nicht der Fall war. Die Gesellschaft hat sich glücklicherweise weiterentwickelt, und Vergleiche unserer heutigen Normen und Werte mit der Antike, einer Gesellschaft, die Frauen, Sklaven und Kinder als Objekte und Besitz weniger Männer betrachtet hat, sind unangebracht.

Grenzen müssen gezogen werden

Auch Muschgs Äusserung, dass zwischen sexueller Gewalt und angemessener Zärtlichkeit keine Trennung möglich sei, ist unhaltbar. Wer Grenzen nicht definiert, weiss auch nicht, wann sie überschritten sind. Muschg lastet die Verantwortung für sexuelle Gewalt an Kindern nicht dem Täter als Individuum an, sondern schiebt sie der menschlichen Grundverfassung zu. Damit geht Muschg eindeutig zu weit. Wer Kinder sexuell ausbeutet, ist als erwachsenes Individuum vollumfänglich dafür verantwortlich. Sexuelle Gewalt darf in keiner Weise legitimiert werden. Auch heute noch werden nur die wenigsten Sexualdelikte an Kindern angezeigt. Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren, fühlen sich oft schuldig und schämen sich, darüber zu sprechen. Den Opfern fehlt in den meisten Fällen ein Leben lang die Anerkennung ihres Leidens an den Folgen der sexuellen Übergriffe. Deshalb sind die erwähnten Äusserungen gegenüber Menschen, die in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebt haben, respektlos und demütigend.

Wichtig wäre es, darüber zu diskutieren, wie präventive Massnahmen für Heime, Schulen, Kirchen und Sportverbände gegen sexuelle Gewalt aussehen und darauf zu drängen, dass solche umgesetzt werden müssen. Beginnen wir jetzt damit und hören wir auf, über Missbrauch zu sprechen. Kinder können weder ge- noch missbraucht werden. Sie sind Subjekte, nicht Objekte in dieser Gesellschaft. Kindern kann Gewalt angetan werden – und dies ausgerechnet von Erwachsenen, die für deren Schutz und gesunde Entwicklung Verantwortung tragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2010, 10:15 Uhr

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11 Kommentare

Meier Werner Beda

25.03.2010, 10:54 Uhr
Melden

Zitat artikel: "Heute sind die negativen, vor allem psychischen Folgen von sexuellen Handlungen mit Kindern jedoch wissenschaftlich belegt." Wie verhält es sich eigentlich mit den wissenschaftlichen Untersuchungen bezüglich der Indoktrination von bei Kindern mit religiös-puritanischen Sexmoralvorstellungen? Wieviele Jugendliche fürchten deshalb heute noch ewige Höllenstrafe und Verdammnis? Antworten


Claus-Schenker Barbara

25.03.2010, 10:30 Uhr
Melden

Liebe Frau Hauri Herzlichen Dank für Ihre klaren und treffenden Worte! Antworten



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