Leben
«Hatte Jesus einen Job? Na also»
Von David Hesse. Aktualisiert am 07.04.2012
Tom Hodgkinson
Tom Hodgkinson (geboren 1968) studierte englische Literatur in Cambridge und gründete 1993 die Zeitschrift «The Idler».
Seine Bücher «Anleitung zum Müssiggang» (2005) und «Leitfaden für faule Eltern» (2009) wurden Bestseller. Sein aktuelles Werk «Schöne alte Welt» (www.zweitausendundeins.de) widmet sich dem Müssiggang in Haus und Garten.
Hodgkinson lebt mit seiner Partnerin und drei Kindern auf einem Bauernhof in Devon und in London. Am 15.?April liest er im Zürcher Schauspielhaus.
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Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Ich bin froh, Sie zu erreichen. Erst hiess es, Sie seien zu beschäftigt für ein Interview.
Das ist mein Problem. Seit ich angefangen habe, mich ernsthaft mit dem Faulenzen zu beschäftigen, fehlt mir die Zeit zum Faulsein. Kommt hinzu, dass man viele Ideen kriegt, wenn man faulenzt. Dinge, die angepackt werden müssen. Und schon hat man wieder zu tun.
Sie Armer.
Lachen Sie nicht. Im Januar hatte ich einen Nervenzusammenbruch wegen Überarbeitung.
Das tut mir leid. Was hat Sie so beansprucht?
Die Eröffnung unseres Londoner Kulturzentrums, der Faulenzer-Akademie für Philosophie, Gartenbau und Heiterkeit.
Dort lernt man das Nichtstun?
Es ist eigentlich ein Buchladen, in dem man Kaffee trinken, aber auch Unterricht nehmen kann. Wir bieten alles an, was im offiziellen Lehrplan keinen Platz mehr findet: Latein, Handschrift, griechische Philosophie, Theologie. Und ja, einmal im Monat gebe ich Tipps zum Faulenzen. Nach dem Unterricht wird gefeiert. Diese Woche hatten wir Mittelalterabend mit Bier und Musik.
Klingt nett. Herr Hodgkinson, was sagen Sie als Fachmann: Sind wir Schweizer verrückt, weil wir uns sechs Wochen Ferien verweigern?
Ich glaube sehr an die Demokratie. Wenn die Mehrheit der Schweizer das so beschlossen hat, werde ich mir kein Urteil anmassen. Meine Ideologie des Faulenzens sollte, wie alle Ideologien, niemandem aufgezwungen werden.
Aber zeigt sich hier nicht die Leistungsfixiertheit, die Sie kritisieren?
Wahrscheinlich schon. Aber es gab wohl gute Gründe zur Ablehnung. Gesetze sind etwas Zwiespältiges. Die französischen Pläne zur 35-Stunden-Woche etwa waren zu rigide. Man wollte den Leuten verbieten, mehr als 35 Stunden zu arbeiten. Das ist doch bescheuerter Sozialismus. Wer 70 Stunden die Woche arbeiten möchte, der soll das tun können.
Nur empfehlen würden Sie es nicht?
Nein. Im Übrigen halte ich nicht viel von Gewerkschaften. Sie vergolden nur die Ketten der Arbeitnehmer. Einen oder zwei Tage mehr Ferien, darum geht es doch nicht! Mit meinen Büchern will ich jenen Leuten Mut geben, die ganz von der Lohnarbeit wegkommen wollen.
Meinen Sie das ernst?
Klar. Wissen Sie, was eine gute Zeit war in Europa? Die Zeit um 1500. Damals hat das Christentum der Überarbeitung aktiv vorgebeugt. Da gab es Tage, an denen kein Handel getrieben werden durfte, etwa an den zwölf Tagen nach Weihnachten. Es gab Tage, an denen nicht gekämpft wurde. Und es gab tonnenweise Feier- und Festtage. In der Nacht wurde sowieso nicht gearbeitet.
Also doch Faulenzergesetze.
Nein. Damals ging es eher um Werte als um Ordnungsbussen. Musse war wichtiger als Arbeit.
Heute fehlt diese Einsicht?
Ja. Ich rege mich schrecklich auf über die Moderne. Über all die dummen Ablenkungen, die uns davon abhalten, wirklich leidenschaftlich zu leben. Ja, das moderne Leben ist Bockmist.
Was ist denn so schlimm an moderner Lohnarbeit?
Gott, das habe ich hinter mir. Es war so schrecklich langweilig. Ich habe das einfach nicht ausgehalten, an einen Schreibtisch gekettet zu sein. Sagen Sie jetzt nicht, das sei pubertär.
Ich sage doch gar nichts.
Aber es ist so: adoleszent! Ich will ins Feld hinausrennen. Im Stadtpark Bier trinken, den ganzen Nachmittag. Ich sage nicht: Niemand darf arbeiten. Doch ich will Alternativen aufzeigen. Wenn du keinen Vollzeitjob bei einer grossen Firma machen willst, dann gibt es Wege, das Leben anders zu gestalten.
Viele wären froh, sie hätten überhaupt einen Job. In Ihrer Heimat Grossbritannien liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 22 Prozent.
Davon profitieren die Unternehmen: lauter verzweifelte, junge Leute, die bereit sind, jeden noch so schlecht bezahlten Job anzunehmen. Wenn man ihnen aber wirklich helfen wollte, müsste man ihnen eine Lehre geben, Wissen und Rüstzeug, um selber Verantwortung zu übernehmen. Billigjobs an der Supermarktkasse sind nicht die Lösung. Die machen unselbstständig und schwach.
Leicht gesagt mit vollem Bauch.
Dann interviewen Sie doch einen verdammten Arbeitsmarktexperten. Die Leute waren früher unabhängiger. Heute lernen unsere Kinder gleich nach der Geburt: Finde einen Job, das ist alles, was zählt, der Rest kommt von selbst. Unsinn! Wir können nicht mit Geld umgehen, nicht ohne Peitsche arbeiten, keine Verantwortung übernehmen. Daran ist das Jobmantra schuld. Wir haben eine Gesellschaft von Riesenbabys geschaffen. Wir hängen an der Brust der Arbeitgeber. Wenn wir gefeuert werden, sitzen wir draussen in der Wildnis und weinen. Hätten wir gelernt, wie man mit Wildnis umgeht, ginge es uns besser. Wir sind alle kläglich schwach.
Sollen uns Ihre Bücher stärken?
Genau. Es wäre toll, wenn meine Kinder nie einen Job zu machen brauchten.
Sie selber haben eine teure Privatschule und die Eliteuni Cambridge besucht. Das muss man sich leisten können.
Sie glauben, Müssiggang sei ein Privileg der Reichen? Nun, nicht alle Privilegierten sind schlecht. Viele Reiche tun Gutes für die Welt. Grundsätzlich aber glaube ich: Jeder kann ein Bohemien sein. Oscar Wilde oder John Lennon waren keine Aristokraten. Faulheit ist für alle.
Müssen wir nicht verhungern, wenn wir alle faul sind?
Es machen ja nicht alle mit. Als ich mit meiner Zeitschrift «The Idler» anfing, dachte ich: So eine tolle Idee, die ganze Welt wird mit mir einig sein! In ein paar Jahren werden alle ein freies, faules Leben führen. Doch das ist nicht passiert. Im Gegenteil: Seit 1993 ist der Arbeitsdruck noch schlimmer geworden.
Und so bleibt Nichtstun ein Privileg.
Ich habe keinen Gesellschaftsentwurf. Was ist besser: das aktive oder das kontemplative Leben? Ich geniesse einfach die Debatte. Es gab zu jeder Zeit kleine Bewegungen ausserhalb der Norm. Die Epikuräer in ihren Gärten. Sokrates, der zum Markt ging und ausrief: So viele Dinge, die ich nicht brauche! Jesus und seine Jünger. Hatte Jesus einen Job? Na also. Die Aufgabe der Bohemiens ist es, die Menschen daran zu erinnern, dass es andere Lebensformen gibt: Stell den Blackberry ab! Geh nicht zur Arbeit!
Und: Sag adieu zu der Arbeitsmoral, die den Westen reich gemacht hat?
Mit dieser Moral haben wir viel erreicht. Aber auch viel verloren. Den Bezug zu Arbeit und Handwerk. Früher haben wir Kathedralen gebaut – heute bauen wir Autobahnen. Alle reden nur von Geld und Jobs, Konservative wie Sozialisten. Doch wir brauchen mehr: Schönheit, Liebe, Schmerz. Es geht da nicht nur um Glück, auch um richtiges Unglück.
Täte uns weniger Wohlstand gut?
Wer sagt denn, dass wir verarmen, wenn wir faul sind? Längere Arbeitszeiten führen auch nicht automatisch zu mehr Produktivität. Teilzeitarbeit wäre eine Lösung. Zwei Tage die Woche arbeiten für Miete und Essen, und in der restlichen Zeit widmen wir uns Wasserfarben.
Und auf die Krise pfeifen wir?
Die meisten Menschen schuften für die Profite einer Firma. Nicht für sich.
Verkaufen sich Ihre Bücher eigentlich auch in Asien?
Ja, sie sind ziemlich erfolgreich in China, Thailand und Südkorea.
Aber Ihr «Leitfaden für faule Eltern» ist doch die Antithese zu den strengen Erziehungsmethoden Asiens?
Oh, ich habe viel Verständnis für die Tigermütter. Das Erziehungssystem in England ist Mist. Es ist viel zu kindfixiert. Zu viel Reformpädagogik, zu viel Steiner. Kinder sollten an der Schule Dinge lernen, nicht ihrer Persönlichkeit Ausdruck verleihen. Wir unterrichten die Kinder zu Hause in Latein, weil sie das in der Schule nicht mehr beigebracht bekommen.
Moment, Sie fordern doch, Kinder mehr sich selbst zu überlassen?
Na ja, die Tigermütter gehen zu weit. Der Druck auf die Kinder ist immens.
Kann sich Europa Faulenzerei leisten, wenn Asien es zu überflügeln droht?
Ich finde es toll, dass so viele Asiaten hart arbeiten wollen. Ich freue mich, ihnen dabei zuzusehen.
Von der Hängematte aus?
Ja. Wenn ich auch hart arbeiten wollte, könnte ich das ja tun. Wenn die Chinesen iPads bauen wollen für 3 Dollar die Stunde, sollen sie.
Manche haben keine Wahl.
Es liegt sicher nicht an mir, den Chinesen zu sagen: Faulenzt! Oder: Kehrt zurück in die Reisfelder eurer Ahnen! Auch wenn ich denke, dass sie viel glücklicher wären mit selbstversorgender Landwirtschaft.
Welche Länder faulenzen denn am besten?
Bis vor kurzem hätte ich gesagt Griechenland und Spanien.
Sehr witzig.
Mexiko? Na, die haben auch Probleme. Afrika vielleicht? Dort halten viele Leute Arbeit für vulgär. Die indischen Einwanderer, die in Afrika oft Supermärkte führen, werden bedauert, weil sie den ganzen Tag Dinge verkaufen müssen.
In Indien mehrt sich der Wohlstand – in weiten Teilen Afrikas herrscht Elend. Dann machen es die Inder also richtig?
Wenn Sie meinen. Sehen Sie, ich selbst verwandle mich ja gerade in einen bourgeoisen Buchladenbesitzer.
Ihre Bücher gibt es auch als E-Books. Hilft Technologie beim Faulenzen?
Nein. Technologie raubt nur Zeit. Viele Utopisten glaubten, bald würden die Maschinen für uns arbeiten und wir könnten in der Wiese sitzen und Wein trinken. Und heute? Die Einzigen, die in der Wiese Wein trinken, sind Landstreicher.
Würde es uns nicht schwermütig machen, dieses dauernde Weintrinken in der Wiese?
Stimmt. Faulheit und Melancholie liegen nah beieinander. Auch ich bin häufig ziemlich traurig. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.04.2012, 20:13 Uhr
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