Hat das Vorbild ausgedient?
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 03.08.2011 2 Kommentare
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Je fremder die Jugend erscheint, desto intensiver wird sie untersucht. Dabei fragen die einschlägigen Institute immer wieder nach den Vorbildern. Die Antworten zeigen ein verblüffendes Doppelgesicht. Einerseits werden die geläufigen guten Menschen genannt: Mutter Teresa, Nelson Mandela, der Dalai Lama, unerreichbare Lichtgestalten, die Friedfertigkeit, Hilfs- und Opferbereitschaft verkörpern. Zum anderen tauchen Stars aus der Sport-, Pop- oder Medienszene auf: Roger Federer, Stefan Raab, Heidi Klum, Tokio Hotel. Erfolgstypen, ebenfalls unerreichbar, aber durch mediale Dauerpräsenz auch wieder irgendwie vertraut.
Beide Vorbildtypen wirken wie erwartet, oder auch: wie hineingefragt in die Jugend. Darüber, wie sie tickt, sagen solche Antworten wenig aus. Ob junge Leute heute wirklich Vorbilder haben, bekommt man durch solche Umfragen nicht heraus. Unsystematische Versuche im privaten Umfeld rufen Verwirrung hervor, schon das Wort berührt seltsam, scheint fremd, vor allem: unnötig.
Der Vater hat abgedankt
Es sind eher die Erwachsenen, Eltern, Lehrer, Psychologen und Jugendforscher, die davon ausgehen, dass für eine gesunde Entwicklung Vorbilder nötig seien. Und die darauf schauen, dass potenzielle Vorbilder, etwa Fussballstars, sich auch vorbildlich benehmen, nicht saufen, nicht raufen. Seit Freud den Begriff der «Identifizierung» geprägt hat, gilt es als unabdingbar, dass der Mensch zu sich selbst nur findet, wenn er sich zuvor an Idealfiguren orientiert hat. In Freuds patriarchalischer Welt ist das natürlich der Vater.
Historisch betrachtet, stimmt das auch. In vormodernen Zeiten wurde der Sohn eines Schmieds wieder Schmied. Eine Wahl hatte er nicht, weder, was seinen Platz im Leben anging, noch, an wem er sich orientieren sollte. Erst die Freiheiten der Moderne – Berufswahl, Aufstieg, Mobilität, aber auch die ständige Veränderung des Berufs selbst – verabschiedeten dieses über Jahrtausende gültige Modell. Heute taugen Väter und Lehrer kaum noch als Vorbild in Lebenstüchtigkeit, müssen sie sich doch von den Jungen das Handy erklären lassen. Das heisst nicht, dass sie auch in puncto Moral und Werten abgedankt hätten. Auch wenn es nicht cool ist: Unterschwellig wird viel von den Eltern übernommen (wie mancher Jugendliche später mit Verwunderung an sich selbst bemerkt).
Als das Abendland noch durchgängig christlich war, gab es allen gemeinsame Vorbilder: Jesus, die Heiligen, die Märtyrer. Die «Nachfolge Christi» war die Richtschnur für ein gottgefälliges Leben. Bis heute tun sich ideologisch geschlossene und autoritär geführte Gesellschaften leichter mit dem Vorbild. «Väterchen» Stalin oder der «Grosse Steuermann» Mao, in Nordkorea der jeweils regierende Kim, das sind gottähnliche Ideale; für praktische Zwecke mussten Aktivisten und Plansollübererfüller herhalten wie Stachanow in der Sowjetunion oder Hennecke in der DDR. Da geronn das Ideal zur Leistung, zur puren Zahl, der es sich anzunähern galt.
«Schlechtes Vorbild»
Der Kapitalismus gebar seine eigene Ideologie, seinen eigenen Mythos: Nichts ist unmöglich. «Vom Tellerwäscher zum Millionär» heisst er in der klassisch-amerikanischen Ausprägung, oder «A star is born» (der Star, der eben noch das hässliche Entlein in der dritten Tanzreihe war). Auch hier geht es um Leistung und Erfolg, nicht um Charakter und Persönlichkeit. Allenfalls spielen Qualitäten wie Ausdauer und Willenskraft eine Rolle, als Voraussetzungen, das Ziel auch zu erreichen. Amy Chuas Erziehungsfibel «Battle Hymn of a Tiger Mother» treibt dieses Denkmuster mechanistisch ins Extrem: Wer nur fanatisch genug schuftet, kommt ganz nach oben. Wenn acht Stunden Geigeüben nicht reichen, dann eben zehn.
Hier beisst sich das Glücksversprechen in den Schwanz: Jeder kann es weit bringen. Aber an der Spitze ist nicht für alle Platz. Diese Situation begreifen viele Jugendliche erstaunlich schnell und reagieren – bei aller äusseren Anpassung – mit Spott auf ein solches System. Auch für diese Haltung gibt es wieder Vorbilder. Etwa den deutschen Rapper Sido, der die Angst der Eltern, ihre Kinder könnten sich die falschen Vorbilder suchen und ihnen in Drogen und Kriminalität entgleiten, produktiv aufnimmt: «Ich bin all das, wovor deine Eltern dich immer gewarnt ham! / Doch ich hab Geld, hab Fraun, hab Spass und du musst immer noch Bahn fahrn! / Ich bin ein schlechtes Vorbild, na und wer sagt, was schlecht ist?»
Dieser Refrain des Songs «Schlechtes Vorbild» verknüpft raffiniert den Protest gegen die etablierte Elternwelt mit der Verheissung einer attraktiven Alternative. Es ist das Spiel mit Brutalität und Kriminalität, das im blutigen Ernst amerikanischen Gangsta-Rapper-Schicksale ein fernes Vorbild hat. Sido hat sich übrigens längst vom Mainstream einfangen lassen und wird dafür von harten «Aggro-Rappern» gründlich verachtet. Sein Protest erscheint so als blosse Pose.
Das haben auch Sidos Fans sicher gleich begriffen. Die heutige Jugend ist clever. Auch wenn sie der Unterhaltungsindustrie verfallen ist, durchschaut sie ihre Mechanismen und Manipulationen. Sie kann Fan sein und zugleich das Gemachte der Figur erkennen, die sie umschwärmt. Auch wer sich wie Paris Hilton kleidet und frisiert, weiss, dass es sich bei ihr um eine leere Hülle handelt, nicht um eine erstrebenswerte Existenz. Man kopiert diese Hülle, weil es das Einzige ist, was man von ihr wahrnimmt. Zwar nimmt der Zulauf zu den einschlägigen «Supertalent-» und «Topmodel-» Sendungen massenphänomenale Züge an; aber noch der begeistertste Teenie wird in einem vernünftigen Segment seines Hirns wissen, dass sein Leben nicht modelhaft verlaufen wird.
Zivilcourage - das wollen alle
Aber wie anders, nach welchen Vorbildern, überhaupt nach Vorbildern? Das ist die Frage. Die klassisch-bürgerliche, im Bildungsroman zementierte Vorstellung einer sich stetig vervollkommnenden Biografie arbeitet zwingend mit Vorbildern. Aber der heute gefragte «flexible Mensch» – was fängt der mit ihnen an? Und wie passt das Vorbild zur zweiten grossen und trügerischen Glücksverheissung des Spätkapitalismus (neben dem Erfolg für jeden), nämlich: Jeder ist einzigartig? Man muss sich nur finden und zu sich stehen («sich selbst sein» heisst die, sprachlich grässliche, schweizerische Formulierung dafür). Demnach wäre jeder sein eigenes Vorbild. Ein Widerspruch in sich.
Ist das Konzept eines Vorbilds für junge Menschen also passé, ist es durch kurzlebige, eher spielerisch behandelte, immer schneller wechselnde Instant-Rollenmodelle abgelöst worden? Es könnte sein. Die Elterngeneration gibt jedoch nicht auf und zieht immer neue Vorschläge aus dem Hut. Je hedonistischer sie die Jugend findet, desto stärker setzt sie auf altruistische Ideale. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Dominik Brunner, jener deutsche Banker, der an einer Münchner S-Bahn-Haltestelle starb, nachdem er Kinder vor aggressiven Jugendlichen geschützt hatte. Brunner – ein ideales Vorbild, steht er doch für selbstlosen, mutigen Einsatz für Schwächere. Für diese Werte ist er überdies gestorben, ein Märtyrer. In seinem Namen wurde eine Stiftung gegründet, die Menschen mit Zivilcourage auszeichnet. Aber auch dieses Vorbild bröckelte schnell, wie der Prozess gegen seine Totschläger zeigte. Brunner war ein trainierter Boxer und hatte als Erster auf die Jugendlichen eingeprügelt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2011, 10:06 Uhr
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2 Kommentare
Das Elternprogramm wird gespeichert in den Jahren von der Geburt bis Schule und es wird dann aufgeladen,kommt man in die Phase vom selber Elternwerden!Niemand kann da etwas dagegen tun,das Programm ist stärker! Ich wurde geschlagen von meiner Mutter und hatte nur Söhne deswegen,so bin ich der Gewalt ausgewichen,nie habe ich selber meine Söhne geschlagen!Vorbilder nützen da nichts!!! Antworten
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