Leben

Michèle Binswanger
Redaktorin Kultur


Hast du nicht genug getrunken, Schatz?

Aktualisiert am 29.03.2012 52 Kommentare

Wenn Paare in Gesellschaft die Anatomie ihrer Beziehung preisgeben, endet das meistens in grosser Peinlichkeit. Leider merken viele nicht, was sie ihren Mitmenschen zumuten.

Aus der letzten «Mad Men»-Staffel: Megan Draper singt für ihren Gatten das «erotischste Lied der Welt».


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Am Sonntag wurde die erste Episode der neuen «Mad Men»-Staffel auf Sky Atlantic ausgestrahlt. Zentrum der Folge war eine Überraschungsparty, welche Don Drapers neue Frau Megan anlässlich seines 40. Geburtstags schmeisst. Die Party findet ihren Höhepunkt, als Megan zum Mikrofon greift und für ihren Mann das «erotischste Lied der Welt» mit dem hübschen Titel «Zou bisou bisou» trällert, dazu vor seinen Geburtstagsgästen herumtänzelt und neckisch das Röckchen hebt. Don Drapers Begeisterung über die Darbietung hält sich in Grenzen.

Kollektive Peinlichkeit

Und wir leiden mit. Wer die Serie kennt, weiss zwar, dass Draper vor allem fürchtet, die Geburtstagsparty könnte seine gefälschte Identität gefährden. Aber die «Mad Men»-Macher haben die kollektive Peinlichkeit solcher Szenen meisterlich inszeniert: Die erstaunten, irritierten und leicht gequälten Reaktionen der geladenen Gäste sprechen Bände. Und jeder erwachsene und den Freuden gesellschaftlicher Anlässe nicht abgeneigte Mensch kennt es aus eigener Erfahrung. Paare, welche die Intimität ihrer Paarbeziehung in der Öffentlichkeit beziehungsweise vor Gästen zur Schau stellen, können ganz schön anstrengend sein. Leider entgeht den betroffenen Paaren allzu oft, was sie ihren Mitmenschen eigentlich zumuten.

Ein Beispiel. Jüngst war ich zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Man ass und trank und stiess an und irgendwann wurde der Kuchen mit den Kerzen hereingetragen und alle sangen: Happy Birthday. Das Gute an diesem Geburtstagsständchen ist, dass es nach 20 Sekunden bereits vorbei ist. Das dachte offensichtlich auch das besungene Geburtstagskind, das sich leicht in seinem Stuhl wand, derweil seine Frau mit dem erleuchteten Kuchen vor ihm stand und den Chor der Sänger anführte. Doch nach der ersten Strophe bog die Gattin nicht in die Zielgerade ein, um ihm unter Klatschen und Hurra der Gäste zum Geburtstag zu gratulieren, sondern bog in die zweite Runde.

Gell, Schatz?

«How old are you now?» Das Geburtstagskind versank noch etwas tiefer im Stuhl, was den anwesenden Gästen nicht verborgen blieb, offensichtlich aber der Frau, die nach der zweiten nämlich auch noch die dritte Strophe anstimmte. Der Gästechor summte zwar nur noch pro forma mit, aber sie schmetterte auch die dritte Strophe in ungebrochener Begeisterung, die für die anwesenden Gäste aber eher die Form von Aggression annahm, zusammengefasst in der Botschaft: Da musst du durch, Schatz!

Allerdings sind Paare, die sich besingen, immer noch besser als solche, die sich auf Dinnerpartys über ihre anwesenden Partner beklagen. Trotzdem ist die öffentliche Zurschaustellung einer partnerschaftlichen Intimität im Rahmen einer Gesellschaft für andere peinlich. Das gilt auch für die subtileren Formen dieses Verhaltens: Frauen, die vor anderen einen Fussel vom Jackett des Mannes wischen, oder ihn frontal anschauen, um ihm dann die Haare zurechtzustreichen, während der gerade die katastrophale Lage der Grossfinanz erläutert. Männer, die der Frau ins Wort fallen und ihre Geschichte fertig erzählen. Manchmal reicht aber auch schon ein: «Gell, Schatz?», zur Bestätigung von etwas eben Gesagtem.

Ein triefender Klumpen

Das ist ein bisschen ungerecht für die Paare. Schliesslich können sie nichts dafür, dass sie sich gut kennen, und eigentlich ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn das auch für das Umfeld ersichtlich ist. Doch vielen Paaren scheint gerade in Gesellschaft die Sensibilität dafür zu fehlen, dass nicht jeder es schätzt, ungefragte Einblicke in die Anatomie ihrer Beziehung gewährt zu bekommen.

Das Paarproblem reicht aber noch tiefer, wie sich aus dem Ratgeber-Blog «Frag Frau Freitag» entnehmen lässt. Gerade gestern schilderte sie die Sachlage folgendermassen: «Ich habe vor einiger Zeit damit aufgehört, Paare einzuladen, weil das nichts bringt. Paare sind mit Abstand das Langweiligste, was man sich als Gastgeber und den anderen Gästen zumuten kann. Sie kommen zusammen, sie sitzen zusammen, sie reden zusammen und wenn der Abend um ist, gehen sie wieder zusammen. Dabei sind beide darauf bedacht, ihr Flirten mit anderen so dezent wie möglich zu gestalten, um nicht nachher auf der Rückfahrt im Auto eine Szene zu riskieren. Viel Öderes kann ich mir kaum vorstellen, wüki!»

Sie schlägt weiter vor, dass Paare doch lieber in ein Restaurant essen gehen und dort über die Verdauungsprobleme ihrer Kinder diskutieren sollten – zumindest jene Paare, die zu einem «triefenden Klumpen» zusammengewachsen seien. Was meinen Sie? Kennen Sie solche Szenen auch? Dürfen Paare ihre Beziehung ausstellen? Und wenn ja, wo sind die Grenzen? Kommentare bitte unten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.03.2012, 12:30 Uhr

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52 Kommentare

Amon Scherrer

29.03.2012, 12:47 Uhr
Melden 272 Empfehlung 0

Schatz, ich glaube die meint uns mit diesem Artikel. Gell? Antworten


doris bühler

29.03.2012, 13:02 Uhr
Melden 94 Empfehlung 0

folgende drei dinge verraten am meisten über die biederkeit von menschen: ihre wohnungseinrichtung, wie sie heiraten und ihr verhalten in paarbeziehungen. wer einen rolf knie aufhängt steht ziemlich sicher auf sackhüpfen am hochzeitsfest und hat auch keine mühe seine frau in der öffentlichkeit principessa zu nennen! Antworten



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