Gottesstaat oder Sieg der Vernunft?
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 21.04.2011 67 Kommentare
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Wer sich einen Film aus den 60er- oder 70er-Jahren anschaut, dem fällt in der Regel etwas auf: Es wird geraucht wie verrückt. Männer jeden Alters und quer durch alle Schichten qualmen, die Frauen an ihrer Seite ebenso. Es wird während des Essens gepafft, im Büro und selbstverständlich auch nach dem Sex im Schlafzimmer. Damals debattierten Präventivmediziner noch ernsthaft darüber, ob Rauchen gesundheitsschädlich sei oder nicht (kein Witz), und Teenager wurden bei Rockkonzerten und selbst an Sportanlässen grosszügig mit Zigaretten-Gratismustern eingedeckt. Aus heutiger Sicht wirkt das irgendwie surreal.
Heute gibt es jedoch Parallelen in der Ernährungsfrage. Längst sollte uns allen klar sein, dass die Art und Weise, wie wir essen, uns dick und krank macht. Wenn sich unsere Enkelkinder dereinst Filme aus den Nullerjahren ansehen, werden sie sich wahrscheinlich ebenso wundern, womit wir uns die Bäuche vollgestopft haben. Auch heute gibt es aber seltsamerweise noch Mediziner, die ernsthaft einen Zusammenhang unserer Ernährung und den neuen Volkskrankheiten wie Diabetes und Fettsucht bestreiten.
Soll sich der Staat einmischen?
Doch inzwischen nimmt das Problem immer grössere Ausmasse an und wird auch volkswirtschaftlich relevant. Allen Sparappellen und neuen Modellen zum Trotz steigen die Gesundheitskosten weiter. Wie vor Jahrzehnten beim Rauchen wäre es daher angebracht, dass auch von staatlicher Seite Schritte unternommen werden, um die Qualität unserer Ernährung zu verbessern. Anstrengungen dieser Art werden jedoch sofort mit einem wütenden Geheul angeblich liberaler Mitbürger eingedeckt: Sie wittern dahinter eine totalitäre Gesinnung und bemühen reflexartig George Orwell’s Big Brother.
Die Grundannahme der Ökonomie lautet: Menschen reagieren auf Anreize. Das gilt für alle Lebensbereiche. Wenn man Boni-Systeme so konzipiert, dass Banker Millionen mit Schrottpapieren verdienen, dann kaufen sie Giftmüll, bis das System kollabiert. Wenn wir unser Ernähungssystem so gestalten, dass wir permanent mit kleinen, schmackhaften, aber kalorienreichen Häppchen konfrontiert werden, dann essen wir, bis wir platzen. Okay, es gibt da noch die Sache mit dem freien Willen. Aber ist es nicht sinnvoll, diesen freien Willen auch mit einem vernünftigen Anreizsystem zu unterstützen? Und wäre es nicht die noble Pflicht eines modernen Staates, genau solche Anreizsysteme zu schaffen?
Vorbilder dazu gibt es bereits. Hier ein paar Beispiele:
Der englische Starkoch James Oliver hat das Verbessern der Qualität des Essens in Schulküchen zu seiner persönlichen Mission gemacht. In britischen und amerikanischen Tagesschulen wurde den Kindern oft Junkfood der übelsten Sorte vorgesetzt. Auch dank dem Engagement von Oliver hat ein Umdenken eingesetzt.
Michelle Obama ist eine Partnerschaft mit dem grössten Detailhändler der Welt, Walmart, eingegangen. Mehr frisches Gemüse soll in die Läden kommen, und weniger Salz und Zucker in die Convenience Produkte.
In Philadelphia, vor kurzem noch die US-Stadt mit dem wenig schmeichelhaften Prädikat «dickste Stadt der USA», haben die Behörden einen energischen Kampf zur Verbesserung der Ernährung der Bewohner eingeleitet. Dazu gehören Steuern auf Süssgetränke und verbilligte Food Stamps – Unterstützung der Armen – wenn sie auf dem lokalen Gemüsemarkt einkaufen.
Generell müssen wir unser Anreizsystem so gestalten, dass Nahrungsmittel möglichst lokal produziert werden. Das macht uns gesünder, schont die Umwelt und schafft erst noch Arbeitsplätze. Wenn der Staat dabei hilft, ist das nicht totalitär und Vergleiche mit Taliban und ähnlichen Fundamentalisten sind läppisch. Der Staat muss ja nicht zwangsläufig als feindliches Monster betrachtet werden. Man kann Staat auch definieren als: Die Dinge, die wir gemeinsam tun. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.04.2011, 15:43 Uhr
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67 Kommentare
Nach wie vor bin ich davon überzeugt (und mit mir einige Ernährungswissenschaftler(, dass uns das WAS wir essen, nicht dick und fett macht. Es ist höchstens die Menge. Und allenfalls der unübersichtlich gewordene Haufen an Zusatzstoffen + Co, welche unseren Stoffwechsel aus der Bahn wirft. Und, ja, wer sich nur schon etwas mehr bewegt, spürt sofort, wie gut das tut. Antworten
während meiner Schulzeit hatte ich Kochunterricht und lernte, dass man mit wenig Geld sehr gute, ausgewogene und schmackhafte Mahlzeiten zubereiten kann. Zu hause hatten wir ein sehr kanppes Budget, meine Mutter brachte aber jeden Tag ein komplettes Menu auf den Tisch; ohne Fast Food. Viele dieser Rezepte koche ich heute noch; auch mein Partner mag sie. Antworten
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