Frauen in der Smartphone-Falle
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Kein Interview mit einer arbeitenden Mutter, keine TV-Sendung über Frauen zwischen Baby und Büro, kein Gespräch unter Freundinnen, wo nicht früher oder später auf den kleinsten gemeinsamen Mütter-Erfahrungsnenner eingeschwenkt würde: das schlechte Gewissen. Das Thema ist omnipräsent und kennt keine kulturellen Grenzen: 425'000 Treffer bekommt, wer bei Google «Mutter und schlechtes Gewissen» eingibt. 1,5 Millionen Treffer, wer dasselbe in Englisch tut.
Die I-Phonisierung der Frauenseele
Es wird also Zeit, dass sich mal jemand ernsthaft mit dem Rabenmutter-Komplex beschäftigt. Soziologen der University of Toronto haben das getan, und zwar indem sie die Gefühlslage von Müttern und Vätern in Situationen untersuchten, in der sich die Grenzen zwischen Beruf und Familie verwischen: Die Befragung von 1800 Berufstätigen ergab, dass Mütter sich umso schlechter fühlten, je mehr arbeitsbezogene Mails und Anrufe sie an ihrem Familientag bekamen. Auf die Emotionen der Väter hingegen hatte der elektronische Übergriff des Büros keinen Einfluss. (Lesen Sie dazu auch: So wird Eltern das Arbeitsleben vermiest).
Die Studie, die im «Journal of Health und Social Behavior» publiziert wurde, untersuchte darauf, ob die emotionale Destabilisierung der Mütter mit einer Überforderung zu tun hatte, konnte aber nichts Dergleichen finden. Im Gegenteil: Die Mütter zeigten sich als mindestens so effizient und erfolgreich im Jonglieren der beiden Sphären wie die Väter. Nur bescherte ihnen die Heim-Zirkusnummer keinen inneren Applaus, sondern ein schlechtes Gewissen.
Show und Zugabe
?Zum ersten Mal haben Wissenschafter damit ein vermeintlich individuelles Ungenügen mit soziologischer Evidenz versehen und klar verortet: Das «schlechte Gewissen» steht in Relation zum Gebot der permanenten Verfügbarkeit. Es quält Frauen und Mütter nicht, weil sie arbeiten gehen, sondern weil die Arbeit immer stärker ins Familien- und Privatleben übergreift. Soziologin Mary Blair-Loy erklärt das Phänomen folgendermassen: «Anders als Väter erwarten Mütter nicht nur im Büro klar formulierte Erwartungen, sondern auch zu Hause. Solche kulturellen Anforderungsprofile lassen sich so schnell nicht ändern.»
Obwohl Mütter in Massen Heim und Herd den Rücken kehren und zumindest teilzeitig Arbeit suchen, die auch bezahlt wird, ist der heimische Aufgabenkatalog den neuen Umständen nicht angepasst worden: Schulen fordern noch immer selbst gebackene Kuchen ein, Vokabeln müssen abgefragt werden, kleine Kinder brauchen dreimal täglich etwas zu essen und manchmal noch öfter neue Kleider. (Lesen Sie auch: Gute Mutter, gut im Job.)
Klar doch: Väter helfen zu Hause mit. Immer mehr Väter jedenfalls. Doch was sie zu Hause tun, ist eine Zugabe. Mütter hingegen erledigen bloss die ganz normale Show. Eine Zugabe ist immer toll, egal wie bescheiden sie ausfällt. Von einer Show kann man das nicht behaupten. Die muss schon bieten, was man von ihr erwartet. Mindestens. Oder haben Sie schon mal gehört, dass das Publikum eine ganze Show lang im Takt mitklatscht, so wie jeweils bei der Zugabe?
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(DerBund.ch/Newsnet)Erstellt: 08.08.2011, 22:06 Uhr
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