Frauen, bös, mit Sägemehlfetisch
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 19.08.2010
Frauen müssen draussen bleiben
Wenn sich die Schwinger nächsten Samstag zum «Eidgenössischen Schwingfest», dem grössten Schweizer Sportanlass treffen, sind die Frauen nicht zugelassen. Sie bestimmen ihre Schwingerkönigin erst in rund zwei Wochen, beim ihrem eigenen Schwingfest in Flumserberg.
Letztes eidgenössisches Frauenschwingfest im Jahr: Sonntag, 5. September, Flumserberg.
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Böse Frauen und immer wieder Sägemehl. Wenn die zweifache Schwingerkönigin Franziska Lacher über ihren Sport spricht, dann leuchten ihre blauen Husky-Augen. Die grosse blonde Frau, 77 kg Kampfgewicht, freundliches Gesicht mit dominantem Kinn, ist eine Pionierin des Frauenschwingens und mit ihrer sympathischen Erscheinung auch eine ideale Botschafterin dafür. Ein Virus sei dieser Sport, sagt sie, und er befällt nicht nur Männer. Seit rund zwanzig Jahren schwingt Lacher an vorderster Front mit, 20 Schwingfeste hat sie gewonnen, 53 Kränze heimgebracht.
Es war nicht nur einfach, in dieser Männerwelt einen Platz zu finden, daneben vier Kinder grosszuziehen. Aber irgendwie landete sie immer wieder im Sägemehl. Sie spricht von der Faszination am fairen Zweikampf, dem urchigen Publikum, der Ambiance der Wettkämpfe, «Fäscht» wie sie in der Szene heissen. Und dem Sägemehlgeruch – denn Sägemehl ist so etwas wie verdichtetes Heimatgefühl, der Fetisch dieses eidgenössischen Nationalsports oder wenigstens der Träger jenes Virus, mit den Schwinger-Eltern ihre Kinder infizieren.
Wyberhaken und faule Sprüche
Schwingen ist die sportlich sublimierte Schweizer Älpler- und Sennentradition, die auch heute noch, da Älpler und Sennen rar geworden sind, von Generation zu Generation weitergereicht wird. Die Begeisterung dafür wird bei den meisten Koryphäen in diesem Sport bereits in der Kindheit geweckt. Man wächst in die Kultur hinein. So auch Lacher. Der Vater schwingt, Bruder schwingt, sie begleitet ihn an Kantonalschwingfeste und natürlich das Eidgenössische. «Ich habe am Sägemehlrand mit meinem Bruder mitgefiebert. Und eines Tages sagte mir ein Freund: Warum probierst du es nicht selber?» Ja gerne. Aber Frauen sind zu der Zeit nur als Zuschauerinnen bei dem Sport vorgesehen, bei dem es sogar einen Schwung namens Wyberhaken gibt. Besonders gern wird der in der Innerschweiz praktiziert, heisst es.
Trotzdem versucht es Lacher mit achtzehn erstmals. Sie will eine Böse werden. Das heisst, eine gute Schwingerin. Für sie steht es ausser Frage, dass dies ihr Sport ist. Ob ihr Umfeld das so sieht, da ist sie sich zu Anfang allerdings noch unsicher. Heimlich bestreitet sie ihren ersten Wettkampf, erzählt nicht einmal ihren Eltern von ihrer Teilnahme. Erst als sie nach Hause kommt, beschliesst sie, sie doch einzuweihen. «Was wird wohl der Vater sagen?», sagt die Mutter. Aber der Vater, ein Unternehmer alter Schule, hat zum Glück nichts dagegen. «Heute ist es besser, das Frauenschwingen ist weitgehend akzeptiert. Aber damals begann es sich gerade erst zu etablieren», sagt Lacher heute.
Ein anderes Volk
Nicht alle Männer freuen sich über schwingende Frauen. Bis in die Neunzigerjahre waren Schwingerinnen in den offiziellen Trainingskellern des Verbands nicht zugelassen, mussten in alten Ställen oder im Freien trainieren, bis ein Zürcher Club beschloss, dass man das Frauenverbot eigentlich auch aufheben könne. Trotzdem murrten die eingesessenen Männer über solch emanzipiertes Zeug oder liessen zweideutige Sprüche hören wie: «Wenn du mich auf den Rücken legst, habe ich jedenfalls nicht verloren.» Haha. Noch 2006 knurrte Meisterschwinger Heinz Sutter in einem Interview: «Ich habe ja nichts dagegen, wenn die Frauen mitmachen, aber es ist halt schon kein eigentlicher Frauensport.» Aber nicht alle dachten so. Es gab auch Männer, die die Frauen von Anfang an bestärkten. «Die Schwinger», lacht Lacher, «sind ein anderes Volk, konservativ und bodenständig halt.» Auch liebenswert, so ist herauszuhören.
Wer sich jetzt unter der typischen Schwingerin die Wiederkunft der Ostblock-Schwimmerin vorstellt, liegt falsch. ««Das sind bei weitem nicht alles kräftigste Staturen, es gibt auch feinere und kleinere, die eher flink sind. Im Schwingen gibt es keine Gewichtsklassen, und so wie bei den Männern gibt es eigentlich querbeet alle Staturen.» Viele der Frauen wirken sportlich. «So wie ich», lacht sie, fast ohne Koketterie, obschon sie sich bewusst sein dürfte, dass sie bei allen Schwing-Erfolgen auch eine attraktive Frau ist. Aber das spielt im Sägemehl keine Rolle. Abgesehen von den üblichen geschlechtsspezifischen Unterschieden in Kraft und Grösse, gehe es bei den Frauen genauso zur Sache, wie bei den Männern. «Auf dem Sägemehl schenken wir uns nichts.»
Etablierte Randsportart
Lacher engagiert sich im 1992 gegründeten Frauenschwingverband, trainiert sechsmal die Woche, Ausdauer, Kraft und Ringen, bestreitet erfolgreich internationale Ringerwettkämpfe und wird 1998 zum ersten Mal Schwingerkönigin. Ein Jahr später kommt das erste Kind, 2001 folgt ein zweites, ein Jahr später ein drittes. Lacher, die noch immer im Frauenschwingclub Linth trainiert, allerdings mehr um «nach den Geburten wieder in Form zu kommen», trägt sich mit dem Gedanken, aufzuhören. Das Familienleben mit vier kleinen Kindern lässt wenig Raum für ehrgeizige sportliche Ziele. Und trotzdem sticht sie der Sägemehlgeruch immer wieder. 2008 ist es so weit. Lacher fühlt sich fit und bereit, nochmals auf den Titel hinzuschwingen. Und tatsächlich, die vierfache Mutter ist noch immer bös. Die ersten zwei Feste waren harzig, dann erwischte sie einen guten Lauf, gewann vier von fünf aufeinanderfolgenden Schwingfesten und holte 2009 die Krone. Und seit sie vergangenen Samstag das Frauenschwingfest in Unterlauelen gewonnen hat, ist sie wieder eine Anwärterin auf den Titel 2010.
Inzwischen haben sich die Schwingerinnen etabliert, obschon die Szene mit rund 120 Aktiven klein ist und wohl auch bleiben wird. «Das Frauenschwingen wird wohl nicht mehr gross wachsen. Wir kämpfen immer noch um unseren Status», sagt Lacher. Während bei den Männern bereits so viel Geld im Spiel ist, dass der Verband um die Abgabe von Werbegeldern diskutiert, kann keine einzige Frau vom Schwingen leben. «Es ist und bleibt wohl auch eine Randsportart.»
Was nicht heisst, dass die Frauen mit weniger Leidenschaft dabei sind. «Ich habe eigentlich erreicht, was ich wollte. Ich habe viel bewegt», sagt Lacher. Sie könnte eigentlich aufhören. Aber ihre Augen verraten, dass es sie immer noch zwickt. Solange das Umfeld stimmt, sie Freude an der Sache hat und von Verletzungen verschont wird, macht sie weiter. Und das Umfeld scheint ziemlich ideal. Der Mann ihrer vier Kinder hat als Junge ebenfalls geschwungen, war dann Wettkampf-Läufer und heute ihr Trainer. Sie selber trainiert den Schwinger-Mädchen-Nachwuchs. Und sie hat natürlich den Schwinger-Virus ihren Kindern mitgegeben. Als Siebenjährige bestand ihre Tochter darauf, mit den Nachwuchsschwingerinnen trainieren zu dürfen, und während der Babypause waren es die Kinder, die die Sägemehlatmosphäre am meisten vermissten. Was auch immer Franziska Lacher noch erreichen mag – den Virus hat sie an die nächste Generation weitergegeben.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.08.2010, 11:29 Uhr
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