Die Suche nach ein wenig Sinn in der Sinnlosigkeit eines Raser-Todes
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 15.06.2011 4 Kommentare
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Omar Stalder, 1988–2004 (Bild: Selbstporträt aus einem Fotokurs)
Raserinitiative
Gefängnis für krasse Missachtung der Tempovorschriften
Die Strassenverkehrsopfer-Organisation Road Cross reicht heute ihre Initiative «Schutz vor Rasern» ein. Wer die Geschwindigkeitsvorschriften krass missachtet, wer waghalsig überholt oder wer an einem nicht bewilligten Rennen teilnimmt, gilt als Raser. Er muss mit ein bis vier Jahren Freiheitsentzug rechnen. Wird jemand getötet oder schwer verletzt, soll die Strafe höher ausfallen. Die Initiative legt auch fest, für welche Geschwindigkeitsübertretung dieser Strafrahmen gelten soll. Ein bis vier Jahre ins Gefängnis wandern soll, wer bei Tempo 30 mit 70 und mehr Kilometern pro Stunde unterwegs ist und wer bei Tempo 50 100 fährt. Ebenso soll bestraft werden, wer ausserorts 60 Kilometer zu viel auf dem Tachometer hat und auf der Autobahn 80. Fahrzeuge von Rasern sollen eingezogen und verkauft werden. Der Erlös käme Strassenverkehrsopfern zugute. Rasern soll der Führerausweis in jedem Fall entzogen werden: Ersttätern für mindestens zwei Jahre, Wiederholungstätern für immer. (tok)
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«Mama, das ist Arzen», sagte der 16-jährige Omar vor sieben Jahren und einem Tag, und seine blauen Augen strahlten. «Er hat die Autoprüfung bestanden!» Vor dem Haus der Familie Stalder in Esslingen stand ein roter Alfa Romeo 155 Q4. Er gehörte dem Vater von Arzen. Ein Tag später ist der Wagen ein Wrack, Omar liegt darin, eingeklemmt, leblos, und der 18-jährige Arzen, seit 13 Tagen in Besitz des Führerscheins, hat ein Bein verloren und röchelt.
Sechs Tage später begleitet das halbe Dorf am Pfannenstiel Annemarie Stalder und ihre drei verbliebenen Kinder beim Abschied von Omar. Es ertönt «It’s My Life» von Bon Jovi. Auf dem Friedhof sagt der Pfarrer: «Heute, eine Woche nachdem uns Omar durch sinnlose Raserei grausam entrissen wurde, ist der Lenker des Wagens seinen schweren Verletzungen erlegen.» Manche denken: Zum Glück durfte auch Arzen sterben. Zum Glück musste er nicht länger leiden – auch an der Last, einen Menschen auf dem Gewissen zu haben. Heute, exakt sieben Jahre nach dem Tod ihres Zweitjüngsten, reist Annemarie Stalder nach Bern. Es wird ein schwerer Gang für sie und ein wichtiger. Als Mitglied des Initiativkomitees der Raser-Initiative (siehe Kasten) wird sie mit anderen Angehörigen von Strassenverkehrsopfern, der Organisation Roadcross ein Ambulanzfahrzeug vors Bundeshaus begleiten, um Unterschriftenbögen abzuladen.
Bitte keine Sirenen mehr!
Ertönt die Sirene, wird sich Annemarie Stalder vermutlich erschrecken. Sicher wird sie an jene Nacht des 15. Juni 2004 erinnert, in der ihr Omar um 21.55 Uhr sein letztes SMS geschickt hat: «Mami, wie geht es dir?» So hat es die Mutter in einem Manuskript festgehalten, 180 Seiten dick, das bald veröffentlicht werden soll. Dann habe ein Handy geklingelt, Omars älterer Bruder, so wird im Buch «Herzrasen» stehen, stürzt die Treppe hinunter, «ich muss schnell weg . . .» Die Mutter hört eine Sirene, sie versucht, ihre Söhne draussen anzurufen, keiner nimmt ab, sie steigt in ihr Auto, nach wenigen Metern eine Strassensperre, sie darf nicht zu ihrem Jungen, dem es schlecht gehe, sehr schlecht, der Heli-kopter, ein Arzt kommt, sagt: «Ihr Sohn ist . . .» «Ja, ich weiss.»
Zu Hause tragen alle die Matratzen in die Stube. «In diesen Stunden», wird ihre Mutter schreiben, «in denen der Tod ihre Familie auseinandergerissen hat, rücken sie noch näher zusammen.» In den Zeitungen steht: «16-Jähriger in Esslingen bei Raserunfall getötet» – «Privatrennen auf der Forchstrasse endet tödlich» – «Immer wieder Unfälle wegen Rasern aus dem Balkan». Annemarie Stalder kann seither keine Sirenen mehr hören. Sie, die Arztsekretärin, muss später ihren Beruf aufgeben. Es beginnen sieben Jahre Leiden.
Die Akte «Männliche Leiche»
Lange hält es die Familie nicht mehr aus in Esslingen, trotz der Anteilnahme. Sie zieht hinunter nach Zürich. Hier, wo sie die Erinnerung nicht mehr auf Schritt und Tritt verfolgt, sitzt die 50-jährige Mutter in ihrer Dreizimmerwohnung und schreibt und schreibt. Ihre Autobiografie ist für sie Therapie. Neben dem Schreibtisch steht eine Bananenschachtel mit Zeitungsartikeln, in einem Ordner seine Todesanzeige, sein Taufschein, der Lehrvertrag mit dem Malergeschäft, die Gerichtsakten. Die «Legalinspektion vom 16. Juni 2004 um 1.45 Uhr» ist gegliedert nach «Vorgeschichte», «Leichenbefund (Aufbewahrungshalle in Egg)», «Temperaturverhältnisse» und «Todesart». «Männliche Leiche», steht da, «angezogen mit Turnschuhen, schwarzen Jeans und rotem Adidas-Pullover. Auf der linken Körperseite auf der Höhe des Rippenbogens ist das T-Shirt und der Pullover aufgerissen.»
Unter den Dokumenten ist auch das Urteil des Bezirksgerichts Uster vom 29. August 2005 gegen Carlo Lana (Name geändert), damals 21 Jahre alt. Daraus geht hervor, was sich heute vor sieben Jahren ereignet hat. Die Dorfjugend hat sich auf dem Dorfplatz von Egg getroffen, einige kiffen, andere trinken Bier oder Alcopops, ein paar bleiben nüchtern. Omar verpasst die 10-vor-10-Uhr-Forchbahn. Er steigt in den roten Alfa, Arzen gibt Gas, auf dem Rücksitz hat ein Kollege Platz genommen. Gleichzeitig braust Carlo Lana los, im silbernen BMW 316 seiner Mutter, auch er hat zwei Freunde dabei, die Musik ist laut, die Stimmung überdreht.
Empörung nach Urteil
Die Fahrer liefern sich ein Rennen, das nach Meinung zweier Gerichte nicht sicher eines ist. Der eine überholt den anderen, der andere den einen. Beide umfahren eine Fussgängerinsel links. «Fahr nicht so schnell», soll Omar zu Arzen gesagt haben. «Fahr nicht so . . . Scheisse!» Arzen gibt ein Handzeichen durchs offene Fenster, Carlo überholt ihn erneut. Weshalb? «Es gab keinen Grund», wird Carlo in der Strafuntersuchung sagen. «Ich habe ihn einfach überholt. Fertig.» Und: «Ich klebte ihm sicher nicht am Arsch. Mein Auto ist zu teuer, als dass ich in sein Auto fahren würde.» «Es fand kein Rennen statt», wird Carlo Lana sich verteidigen, als er sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten muss. «Ich habe mich korrekt verhalten.» Ihm gehe es nicht gut. Er sähe immer wieder die Bilder vor sich, eine Leiche im Auto. Die drei Beifahrer, einer im Alfa, zwei im BMW, die überleben, sagen aus, Carlo sei «normal gefahren». Das Bezirksgericht schenkt ihnen mehr Glauben als einem unabhängigen Zeugen, der von «einem Affenzahn» berichtet. In einer Rechtskurve, unübersichtlich, lang gezogen, ist der BMW in Front. Arzen setzt zu einem erneuten Überholmanöver an, beschleunigt in der Kurve. Der Staatsanwalt findet, der Angeklagte hätte die Situation «durch ein sofortiges entschiedenes Abbremsen entschärfen» können. Carlo hätte es, so sein Ankläger, «jederzeit in der Hand gehabt, das üble Spielchen, das sinnlose, blödsinnige, von Imponiergehabe geprägte Rennen zu beenden». Doch der Alfa neben ihm driftet ab, immer stärker, bis er den linken Randstein des Forchbahn-Trassees touchiert.
Er gerät auf die Schienen, die Funken fliegen, das Auto kollidiert frontal mit Kandelaber Nummer 327. «Ich habe niemanden getötet», sagt Carlo. «Ich habe einen Kollegen verloren.» Zwei Jahre, so beantragt die Staatsanwaltschaft, soll er ins Gefängnis. Ein «milder Strafantrag», findet der Anwalt der Familie Stalder. Doch es kommt zu einem Freispruch. Für die Richter lässt es sich nicht nachweisen, dass es sich bei der «absolut sinnlosen Autofahrt» auch um ein «automobilistisches Kräftemessen» gehandelt hat. Ob ein Rennen stattgefunden hat, lässt sich – wie oft in solchen Fällen – schwer beweisen. Der Staat entschädigt Carlo mit 13 867 Franken und 85 Rappen plus 7,6 Prozent Mehrwertsteuer. «Der Geschädigten Annemarie Stalder» hingegen, so steht noch im Urteil, «wird keine Prozesskostenentschädigung zugesprochen.» Ein «Skandalurteil» findet ein Leserbriefschreiber und ein anderer hält fest: «Rasen scheint sich zu lohnen.» Solche Empörung, in Zuschriften und Zeitungskommentaren, bewegt die Justiz zu einem Umdenken, zu mehr Härte. Heute wandern Raser, die an tödlichen Unfällen beteiligt sind, öfter ins Gefängnis.
Sie rasiert sich alle Haare ab
Doch hier trifft die Härte des Gesetzes nicht Carlo, sondern Omars Angehörige. Carlo habe «womöglich moralische Schuld auf sich geladen», findet das Obergericht, aber keine juristische. Es bleibt beim Freispruch. Annemarie Stalder wird verpflichtet, Carlo eine Entschädigung von 450 Franken zu bezahlen. Als sie die Nachricht vernimmt, rasiert sie sich die Haare ab, bis auf ein paar Büschel, sie kann nicht mehr, doch ihre Kinder stehen zu ihr, stützen sie, als sie durchdreht und in die Klinik muss.
Die Familie, die Therapie, das Schreiben retten sie. «Zeit heilt keine Wunden», weiss sie heute, «aber mit der Zeit lernt man, damit zu leben.» Doch was hätte ihr eine Verurteilung gebracht? «Omar macht es nicht lebendig, aber es wäre ein Stück Gerechtigkeit gewesen.»Und was meint Carlo? Er sitzt gerade am Steuer, als der TA ihn erreicht. «Ich will nicht mehr damit konfrontiert werden», sagt er. «Sonst schalte ich meinen Anwalt ein. Oder ich raste aus. Ich habe auch genug gelitten.» Wegen des Unfalls und des Strafverfahrens habe er seine Lehre nicht bestanden. Heute führe er «ein normales Leben». Vor drei Jahren schrieb Mutter Stalder: «Morgen ist Omars Geburtstag. Zwanzig Jahre alt würde er werden. Ein junger Mann, mein Junge. Ich werde die Rollläden herunterlassen. Ich brauche sie, die Dunkelheit, am Tag, als er das Licht der Welt erblickte.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.06.2011, 23:20 Uhr
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4 Kommentare
Ganz tragische Geschichte, mein tiefempfundes Mitgefühl für Frau Stalder und auch für die Angehörigen all der anderen Opfer. Entäuschend auch die Justiz. Und die 450.- Genugtuung von Frau Stalder an den Mitverursacher des ganen Leids, sind eine einzige Frechheit und ein Hohn. Sowas dürfte wahrlich nicht passieren dürfen. Antworten
Die damaligen Bezirksrichter von Uster, wenn möglich heute noch im Amt, sollen sich schämen. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass gewisse Gerichtsurteile nichts mit Vernunft, gesundem Menschenverstand und auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun haben. Ihres gehört in diese Kategorie. Es ist sogar juristisch zweifelhaft. Hoffentlich findet die Mutter von Omar doch noch Frieden im Leben. Antworten
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