Leben

Die Sexforscherin, die Sex überbewertet findet

Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 04.08.2011 16 Kommentare

Die Bernerin Andrea Burri ist 31-jährig und gehört bereits zu den führenden Sexualwissenschaftlern. Bei ihren Forschungsarbeiten musste sie schon zu manchen unorthodoxen Mitteln greifen.

Andrea Burri fährt Töff, watet durch den Sumpf - und versucht, stets das Beste aus sich herauszuholen.

Andrea Burri fährt Töff, watet durch den Sumpf - und versucht, stets das Beste aus sich herauszuholen.
Bild: Franziska Scheidegger

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Momou - Formidables Bern

Von wegen behäbiger Berner Bär: Aus Bern stammen Erfolgsmodelle und Goldmedaillengewinner. Berner erbringen Topleistungen und übernehmen Pionierrollen. Errungenschaften, die weltweit für Aufsehen sorgen, haben hier ihren Ursprung.

Kurzum: Bern ist in manchem besser als sein Ruf. In den nächsten Wochen stellen wir Grossartiges aus Bern vor sowie Bernerinnen und Berner, die Grosses vollbringen. Und da man in Bern bekanntlich gerne das Understatement pflegt, meinen wir dazu bloss: «Momou».

Wie nimmt man männlichen Probanden Blut ab, während diese einen Pornofilm schauen und dazu onanieren? Schon bei ihrer Masterarbeit betrat Sexologin Andrea Burri Neuland. Und Pioniere müssen halt manchmal zu unorthodoxen Mitteln greifen. Burri bohrte ein Loch in die Wand und zapfte Blut, während die Herren nebenan ihren Dienst an der Wissenschaft leisteten. Es war die erste explizite Sexstudie, die in der Schweiz durchgeführt wurde, mit der Burri ihr Psychologiestudium in Zürich abschloss. Und schon da berichtete der deutsche Fernsehsender WDR über die umtriebige Masterabsolventin.

Heute gehört die Bernerin Andrea Burri zu den führenden Sexologen auf der Welt. Im Alter von 31 Jahren. Seit vier Jahren arbeitet sie am King’s College in London, daneben auch an der Queen Mary University. In England doktorierte sie auch. Zudem hält sie Vorlesungen im finnischen Turku.

Andrea Burris Forschungsergebnisse klingen spektakulär. So hat sie etwa nachgewiesen, dass Frauen mit hoher emotionaler Intelligenz besseren Sex haben. Oder sie zeigte in einer Studie auf, dass es den G-Punkt womöglich gar nicht gibt. Solche Forschungsergebnisse eignen sich hervorragend für knackige Überschriften, da verwundert es nicht, dass die Arbeit der attraktiven Forscherin ein beeindruckendes mediales Echo auslöst: Nach einem Bericht im «Blick» musste sie sich temporär einen Freund andichten, weil sie von Angeboten männlicher Verehrer überhäuft wurde. Auf Aeschbachers Stuhl sass sie auch schon.

Eine akademische Aussenseiterin

Was da schon eher erstaunt: In der akademischen Welt fühlt sich Andrea Burri als Outlaw. Es gibt ohnehin nur wenige Universitäten, die sich der Sexualwissenschaften widmen. An einer der wenigen, in Hamburg, studierte Burri nach ihrem Psychologiestudium. Noch immer werde die Sexologie in die Schmuddelecke gerückt, belächelt und unterschätzt, findet Burri. Zudem betreibt Burri genetische Sexualforschung – die Genetik habe ein belastetes Image, da klinge bei vielen Genforschung, Klonen oder die rassistische Eugenik mit.

Auch im vierzigköpfigen Team an der Londoner Universität sei sie eine Aussenseiterin, räumt Burri ein. Ihre Kollegen erforschen etwa Rheuma oder Schmerzsyndrome. «Sexologie wird als minderwertige Forschung angesehen – obwohl ich mit der gleichen Methodik vorgehe.» Zwar entscheide die Sexualität nicht über Leben und Tod, doch habe sie einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen.

Wer Andrea Burri trifft, dem weht ein Hauch Weltläufigkeit um die Ohren. Ab und zu rutscht der elegant gewandeten Frau ein englisches Wort in einen Satz, weil ihr der deutsche Begriff entfallen ist. Zurzeit jettet sie zwischen Zürich, London und Finnland hin und her. Ihr Arbeitsvertrag in London läuft aber aus, in der hektischen Metropole hat sie sich ohnehin nie richtig wohlgefühlt. Ihr Lebensmittelpunkt wird sie daher vermehrt nach Zürich verlagern, wo sie im nächsten Jahr an der Universität ohnehin eine Gastvorlesung hält.

In Bern hat sie sich seit dem Gymnasium nie mehr länger aufgehalten, hin und wieder besucht sie die Eltern. Schön sei Bern, sagt sie, als sie auf die Berner Altstadt schaut; es klingt, als käme das Wort aus dem Munde einer Fremden. Oder einer Fremdgewordenen.

Hohe Ansprüche, hohe Absätze

Andrea Burri bemüht sich, die Vorzüge von Bern hervorzuheben, bemüht sich, nicht herablassend zu wirken. Tatsache ist aber auch: Die Stadt war ihr immer zu kleinräumig, ihr fehlten die Optionen. Ein Jus-Studium und dann bei der Verwaltung zu arbeiten – das seien keine Aussichten gewesen, die sie gereizt hätten. Bei ihren beruflichen Entscheidungen hat sie stets jene Option gewählt, die sie aus Bern weggebracht hat. Und jemals wieder hier zu leben – das kann sie sich nicht vorstellen. Bern scheint ihr schlicht eine Schuhnummer zu klein, dieser Frau mit den hohen Absätzen und den hohen Ansprüchen. Schon im Gymnasium habe sie zielstrebig gewirkt, erzählen ehemalige Klassenkameradinnen. Sei gut im Sport gewesen, gut aussehend und gut in der Schule.

Stets das Beste aus sich herauszuholen, versuche sie, erzählt Burri, fragt man sie nach ihrem Antrieb. Wofür andere Menschen sich eine monatelange Auszeit nehmen, erledigt Burri scheinbar nebenbei: Sie schreibt Bücher. In ihrem Debüt, wo sie als Co-Autorin fungiert, erzählen Frauen von ihrem ersten erotischen Erlebnis mit anderen Frauen. Das zweite Buch soll Ende Jahr erscheinen.

Hobby: Eine Höllenmaschine

An die eigenen Grenzen zu gehen, so finde sie Befriedigung, sagt sie. Im Frühling hat sie beim Fishermen’s Friend Strongman Run teilgenommen; ein 18-Kilometer-Lauf, bei dem die Teilnehmer über Reifen springen und durch den Sumpf waten. Der Name ist Programm: Es sind vor allem Männer, die sich diese Plackerei antun. Und auch was ihre Leidenschaft angeht, bewegt sich die filigrane Frau auf nicht typisch femininem Terrain: Burri fährt ein 1000-Kubikzentimeter-Sportmotorrad, eine schwarze Höllenmaschine. Töfffahren sei eigentlich ihr Leben, auch wenn sie das ungern eingestehe. «Auf dem Töff fühle ich mich wohl wie ein Embryo.» Schnell und aggressiv, das möge sie – das widerspiegle ihren Charakter.

Es sind Sätze, die ein Journalist im Notizblock mit einem Ausrufezeichen versieht. Burri ist sich bewusst, dass ihre Arbeit in Kombination mit ihrer Person eine grosse mediale Ausstrahlung besitzt. Aber richtig wohl fühlt sie sich dabei nicht. Es sei schwierig, in den Medien ihre Message korrekt rüberzubringen, sagt sie. Als Sexologin beobachtet Burri ein Paradox: Unsere Gesellschaft definiert sich stark über die Sexualität, darüber, wie viel und welchen Sex man hat – auf der anderen Seite birgt das Thema noch immer eine ganze Reihe von Tabus. Als Sexologin gerät Burri auch selbst immer wieder in diese Zwickmühle: So trägt sie zur überbordenden Medialisierung bei, aber eigentlich möchte Burri den Männchen und Weibchen auch sagen: «Sex ist wichtig, aber Sex wird auch überbewertet.» Die Identität eines Menschen baue noch auf vielen anderen Dingen auf, nicht nur auf dem Sexleben.

Gerade beim Thema Unlust ortet Burri noch immer ein rigides Tabu. In den Medien werde ein völlig utopisches Bild gezeichnet: Habe eine Frau nicht dreimal täglich Lust, glaube sie schon, etwas stimme nicht mit ihr. Burri fürchtet manchmal, selber zu dieser Pathologisierung beizutragen, gerade sie als Genetikerin: In ihren neuesten Studie, an der sie drei Jahre arbeitete und deren Ergebnisse bald publiziert werden, weist sie nach, dass genetische Komponenten einen Einfluss auf die Lust der Frau haben. Das klinge in manchen Ohren wohl nach Krankheit, fürchtet Burri – obwohl sie genau dies verhindern möchte.

Sexologin zu werden, das war nie eine bewusste Entscheidung für Burri. Es kam einfach so: Sie nahm sich schon bei ihrem Psychologiestudium der Themen an, die mit Sex zu tun haben. Dass ihr Berufsleben das eigene Liebesleben beeinflusst hat, das verneint Burri – und schiebt schmunzelnd hinterher: «Es ist eher umgekehrt. Die eigene Offenheit erleichtert, dieses Feld zu erforschen.» (Der Bund)

Erstellt: 31.07.2011, 14:02 Uhr

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16 Kommentare

Sebastian Ursich

31.07.2011, 15:39 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Soso, Sex ist also überbewertet?
Selber hat sie aber keinen Partner...
Hmmm...
Antworten


Yves Gremaud

31.07.2011, 17:16 Uhr
Melden 25 Empfehlung

Liebe Marta... ...ähh, nein: Liebe Andrea!
Klar, Sexologie ist eine Populärwissenschaft. Aber sie nennt sich "Wissenschaft" und somit gilt es, wissenschaftliche Methodik anzuwenden.
Liebe Andrea, bitte determiniere "emotionale Intelligenz" und "guter Sex". Benenne die Masseinheiten und formuliere ihre Relation.
Wissenschaft dient der Erkenntnisgewinnung - nicht der Selbstdarstellung.
Danke!
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