Leben
«Die Leute sehen mich als Trainingstier»
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 04.08.2011 2 Kommentare
Ausserhalb des Rings ist Aniya Seki eine zurückhaltende, feminine Frau. (Bild: Andreas Blatter)
Verwirrspiel
Wie bei den Männern gibt es auch bei den Frauen zahlreiche Verbände, welche Titelkämpfe durchführen. Der Wert des GBU-WM-Titels ist daher schwierig einzuschätzen. In der rein mathematisch errechneten Rangliste von boxrec.com ist Aniya Seki im Superfliegengewicht weltweit die Nummer 10.
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Aniya Seki saugt die Anweisungen von Bruno Arati richtiggehend auf. Dann kneift sie die Augen zusammen und schlägt mit grosser Präzision zu. Jedes Mal, wenn ein grüner Handschuh auf die vom Trainer geführte Pratze trifft, hallt es dumpf durch den Boxkeller. Die Vorstellung, dass die wuchtigen Haken am Kiefer einer Frau landen, löst beim Beobachter ein gewisses Unbehagen aus. Die 32-Jährige trainiert mit Biss, die Haare sind rasch schweissnass. «Hast du schon mal einen Giel gesehen, der in der Schlagschule so stark ist?», fragt Arati rhetorisch und fügt an: «Riad Menasria war koordinativ auch nicht schlecht.» Der Vergleich zeugt von Respekt. Der gebürtige Algerier Menasria gilt als elegantester, technisch bester Berner Boxer der letzten Jahre.
Hat Aniya Seki die Boxhandschuhe ausgezogen, scheint sie eine andere Persönlichkeit zu haben. Sie wirkt nun nicht mehr verbissen und kampfeslustig, sondern zurückhaltend und feminin – und sie spricht mit leiser Stimme. Sie erzählt, wie sie 2006 Arati auf der Strasse ansprach und ihn bat, ein Probetraining absolvieren zu dürfen. Sie erzählt, wie sie fortan täglich im Boxkeller auftauchte und schon nach drei Monaten Amateur-Schweizer-Meisterin wurde. Und sie erzählt, wie ihre Karriere nach dem Übertritt ins Profilager ins Stocken geriet. Schliesslich fasste sie sich ein Herz und begann, Meeting-Veranstalter in der ganzen Schweiz anzurufen und zu fragen, ob sie boxen dürfe. Meistens durfte sie – allerdings unter der Bedingung, dass sie Gage und Spesen der Gegnerin bezahlte. Rund 2500 Franken habe das jeweils gekostet, sagt die Tochter eines Japaners und einer Schweizerin. Aniya Seki konnte sich das nur leisten, weil sie von zwei Sponsoren und auch von Freunden unterstützt wurde.
Der Einsatz hat sich gelohnt, zumindest ideell. Am 20.August wird die Bernerin im Kursaal im Vorprogramm des Hauptkampfs (mit Yves Studer) gegen die Deutsche Natascha Guthier um den vakanten WM-Titel im Superfliegengewicht (bis 52,136 kg) nach Version der Global Boxing Union boxen. Zweimal täglich arbeitet sie an ihrer Verfassung. «Die Leute sehen mich als Maschine, als Trainingstier», sagt sie, «dabei muss ich jeden Tag den inneren Schweinehund überwinden.» Am besten gelingt es ihr, die Schinderei zu ertragen, wenn sie gleichzeitig trainiert wie Studer, das Aushängeschild der Boxing Kings. Bruno Arati bezeichnet sie als guten, aber auch sehr, sehr harten Trainer. Nein sei das Wort, das sie von ihm am meisten höre.
Zuweilen sind die Spuren des Boxens im Gesicht der muskulösen Frau zu sehen. «Im Ring spürt man nichts», erzählt sie. Obwohl sie gern hübsch aussieht und sich durchaus auch mal chic anzieht, machen ihr die Blessuren nichts aus. «Mich stört nur, wenn mich die Leute im Bus mitleidig anschauen.» Überhaupt sei Boxen nicht so schlimm. «Früher, als ich Karate betrieb, musste ich häufig mit einem blauen Auge zur Arbeit gehen.» Damals war sie Verkäuferin in einem edlen Modehaus, heute leitet sie im Boxklub Trainings, putzt den Boxkeller und erledigt Gelegenheitsjobs. Später will sie als Fitnessinstruktorin arbeiten, doch derzeit ordnet sie ihrem Traum alles unter – dem Traum, Weltmeisterin zu werden.
Aniya Seki ist nicht gefühlskalt, doch sie hat rasch gelernt, dass im Seilviereck Mitleid und Zweifel fehl am Platz sind. Ihr zweiter Profikampf dauerte nur eine Minute. Arati, für den die Gesundheit seiner Athleten Priorität hat, warf das Handtuch, weil Seki mental und physisch überfordert war. Es ist bis heute die einzige Niederlage der Bernerin geblieben; ihre Bilanz beinhaltet mittlerweile neben 2 Unentschieden auch 15 Siege. «Aniya hat sich von einer ängstlichen zu einer aggressiven Kämpferin entwickelt», lobt Daniel Hartmann, der Manager Yves Studers. Hartmann stellt sich mangels Alternativen manchmal als Sparringpartner der 32-Jährigen zur Verfügung. «Sie schlägt durchaus hart», erzählt er schmunzelnd. «Einmal passte ich kurz nicht auf, und schon musste ich nach dem Training den Chiropraktiker aufsuchen.» Und Bruno Arati sagt über die Bernerin: «Sie boxt nicht wie eine Frau, sondern wie ein Mann.» In diesem rauen Umfeld ist das keine Beleidigung, sondern das grösstmögliche Kompliment. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.08.2011, 14:53 Uhr
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