Leben
«Die Hühnerbrust nervt – vor allem im Sommer»
Aktualisiert am 03.04.2012 70 Kommentare
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Im Notfall unters Messer
Die fünf häufigsten Schönheitseingriffe bei Männern:
– Liposuktion (Fettabsaugung)
– Rhinoplastik (Nasenkorrektur)
– Blepharoplastik (Augenlidstraffung)
– Gynäkomastie (Brustkorrektur bei übermässiger Brustbildung)
– Haartransplantationen
Quelle: Prevention-center.com
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Schönheits- und Schlankheitsdiktate, denen sich lange Zeit einzig die Frauen unterwerfen mussten, haben längst die Männerwelt erreicht. Männer haben nicht mehr nur erfolgreich zu sein, sondern müssen auch gut aussehen. Und dazu gehört ein durchtrainierter Körper. Massgeblich an diesem mittlerweile gängigen Schönheitsideal beteiligt ist nicht zuletzt die Werbebranche, die uns seit Jahren perfekt gestählte Männerkörper präsentiert. Man erinnere sich an Marcus Schenkenberg oder Mark Wahlberg, die Anfang der 90er-Jahre halbnackt für Calvin Klein in Unterhosen von überdimensionalen Plakatwänden lächelten – oder jüngstes Beispiel: David Beckham, der aktuell für den schwedischen Modekonzern H&M die von ihm entworfene Unterwäschekollektion «David Beckham Bodywear» bewirbt.
Muskulöser und dünner
Laut US-Psychiatrieprofessor und Autor Harrison G. Pope («Der Adonis-Komplex») hat das durch die Medien vermittelte Bild des männlichen Körperideals – «das zunehmend muskulöser, aber insgesamt dünner geworden ist» – allerdings dazu beigetragen, dass mehr und mehr Männer in den westlichen Industrienationen mit ihrer äusseren Erscheinung unglücklich sind. Wobei sich diese Unzufriedenheit schon bei ganz jungen Männern, die oftmals noch nicht vollständig ausgewachsen sind, bemerkbar macht.
Kalorienzählen, fettarme Ernährung und ein regelmässiges Fitnesstraining gehören mittlerweile bei vielen Teenagern zum Alltag. Während ein körperbewusster Lebenswandel früher vor allem bei Frauen zu beobachten war, so lässt sich laut der Jugendpsychologin Irina Kammerer vom Psychologischen Institut der Universität Zürich «ein Trend feststellen, dass sich heute auch junge Männer gesund ernähren, Sport treiben oder sich um eine Work-Life-Balance kümmern».
Der perfekte Körper ist schon bei Teenagern ein Thema
Mirko* ist 16 Jahre alt und schmächtig gebaut, sein «Hühnerbrüstchen» nervte ihn schon lange, «vor allem im Sommer». Also entschied er sich vor rund einem Jahr mit zwei Freunden, die nicht vorhandene Muskelmasse anzutrainieren. Leider mit mässigem Erfolg. Darum hat er Anfang Jahr begonnen, zusätzlich spezielle, «sauteure» Proteinpräparate einzunehmen, die er im Fitnessstudio kauft. Diese sollen ihm helfen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Muskelmasse aufzubauen. Er sei sich bewusst, dass sein Fitnessverhalten «teilweise krass» sei und er mittlerweile lieber auf einen Abend mit Freunden statt auf sein Training im Studio verzichte, aber «der Sommer steht vor der Tür».
Auch der 15-jährige Tim* trainiert seit etwa einem halben Jahr an zwei bis drei Abenden pro Woche mit Hanteln, joggt regelmässig, fährt Velo und achtet auf eine ausgewogene, gesunde Ernährung – «nicht zu viel Süsses». Junkfood oder ein Kebab zwischendurch kommen für den Gymnasiasten und seine Kollegen nicht infrage, genauso wenig wie Kohlenhydrate am Abend. Und statt Zucker verwende er einzig den aus der Stevia-Pflanze gewonnenen natürlichen Süssstoff – denn der enthält keine Kalorien.
«Ich bin zum Teil besser über gesunde Ernährung informiert als meine Eltern», sagt Tim, der sich seine Informationen meistens übers Internet oder spezielle Zeitschriften holt. Sein Körperbewusstsein hat er in den letzten zwölf Monaten immer weiter entwickelt: Während sieben Jahren spielte er Fussball, und als er letztes Jahr damit aufhörte, hatte er «keine Lust, dick zu werden». Ein strammer Körper ist ihm wichtig, nicht zuletzt wegen der Mädchen, die mit ihren Bemerkungen und Ansprüchen einen «grossen Einfluss» auf das Körperbewusstsein von jungen Männern hätten.
Hollywoodstars als Messlatte
Orientiert man sich an den verschiedenen Fitness- und Männermagazinen auf dem Markt, scheint vor allem der aufwendig antrainierte Waschbrettbauch nach wie vor wichtigstes männliches Schönheitsattribut zu sein. Ein Schönheitsdiktat, dem sich regelmässig auch Hollywoodstars unterwerfen. So sorgte der kanadische Schauspieler Ryan Gosling unlängst in «Crazy, Stupid, Love» vor allem mit seinem perfekt gestählten Körper für Furore, weniger mit seinem Schauspieltalent. Bezeichnend ist die Szene, in der sich der Frauenheld vor seiner jüngsten Eroberung (Emma Stone) auszieht und diese ihm beim Anblick seines Sixpacks vorwirft, er sehe «photoshopped» aus.
Der heute 22-jährige Patrick* war knapp 16 Jahre alt, als er begann, sich an genau solchen Vorbildern zu orientieren. Ständig habe er seinen eigenen Körper mit denen von muskelbepackten Stars verglichen, wobei seine Frustration zunehmend wuchs. Er löste ein Abo im Fitnessstudio und begann regelmässig zu trainieren. Was mit einem lockeren Ganzkörpertraining einmal pro Woche begann, entwickelte sich bald zu einem regelrechten «Fitnesswahn», wie Patrick seine damalige «Sportbegeisterung» heute beschreibt.
Wenn der Körperkult zum Körperwahn wird
Irgendwann habe sich alles nur noch um seinen Muskelaufbau gedreht, erzählt Patrick. Er sei mindestens viermal in der Woche ins Studio gegangen, wo er gezielt an den verschiedenen Körperpartien (Rücken, Beine, Brust, Bauch) gearbeitet habe. War er nicht im Fitnessstudio, ging er joggen oder spielte Fussball. Den Druck, einen perfekten Körper zu haben, habe er sich selber aufgesetzt. Allerdings hätten ihn auch die Kollegen mit der von ihnen ausgehenden Anerkennung zu immer höheren Leistungen getrieben.
Genau dieses «ans körperliche Limit gehen», ist laut Jugendpsychologe Allan Guggenbühl wichtigster Motor für den Fitnesskult bei jungen Männern. Es gehe in erster Linie gar nicht darum, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, sondern vielmehr um einen körperlichen Exzess. «Junge Männer leiten ihr Selbstwertgefühl von der sportlichen Leistung ab», so Guggenbühl, und sie würden auf diese Weise einen regelrechten «Leistungsflash» erleben. Patrick kann diese Aussage bestätigen, er trieb seinen Körper regelmässig ans Limit, steckte sich immer höhere Ziele und merkte dabei gar nicht, dass er seinem Körper damit mehr und mehr schadete.
Wo genau verschwimmt die Grenze zwischen gesundem Fitnessbewusstsein und krankhaftem Körperwahn? Dann, wenn ein Mann nicht mehr «alltagstauglich ist, für Familie, gesundes Essen, Ausgehen, Freunde und freien Lebensstil», sagt der Arzt und Autor Rolf-Dieter Hesch («Absolut Mann – fit bleiben und gut aussehen»), «sondern, dem ‹Wahn› zu viel opfert und sich einschränkt mit seinen Lebensgewohnheiten».
Wenn gesunde Ernährung ungesund wird
Heidelinde Krenn hat vor einigen Jahren eine Dissertation zum Thema «Essstörungen bei Männern» verfasst. Sie hat festgestellt, dass ein besonders niedriges Körpergewicht bei jungen Männern – im Unterschied zu Mädchen oder jungen Frauen – nicht das primäre Ziel der Diätversuche ist: «Im Vordergrund steht eher das Aufbauen oder Definieren von Muskelmasse beziehungsweise von bestimmten Muskelgruppen.»
Somit spiele sportliche Betätigung im Zusammenhang mit Essstörungen bei Männern eine zentrale Rolle. So auch bei Patrick. Er habe parallel zum immer strenger werdenden Fitnessprogramm begonnen, seine Ernährung radiakal umzustellen. «Ich habe so gut wie keine Kohlenhydrate mehr zu mir genommen, nur noch Poulet, Gemüse und Fisch gegessen». Mit dem Resultat, dass er nach ein paar Jahren, als knapp 20-Jähriger «nur noch aus Haut, Knochen und Muskeln» bestanden habe, ohne «die geringste Spur von Körperfett».
Patrick hat vor rund zwei Jahren, nachdem ihn seine Freundin auf seinen «immer stärker werdenden Fanatismus» aufmerksam gemacht hatte, die Notbremse gezogen. Ohne psychologische Hilfe. Es habe aber Monate gebraucht, bis sein Stoffwechsel wieder «normal funktioniert» und er wieder ein bisschen Fett angelegt habe. Auch mental habe es ihn viel Kraft gekostet, mit dem Fitnessprogramm kürzer zu treten. Heute trainiert er noch etwa drei Mal in der Woche, denn seine Erscheinung sei ihm nach wie vor wichtig – aber er gehe «entschieden entspannter damit um».
* Namen der Redaktion bekannt (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.04.2012, 09:58 Uhr
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70 Kommentare
Wer von "Work-Live-Balance" schwafelt, begeht nicht nur einen Anfänger-Rechtschreibefehler, sondern drückt damit Gegensätze aus: Auf der einen Seite "Work", auf der anderen Seite "Life". Damit hat er nicht erkannt, dass "Work" zum "Life" und die beiden eins sein sollten. Antworten
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