Leben

Der nackte Alltagswahnsinn

Von Erwin Haas. Aktualisiert am 30.03.2011 14 Kommentare

Luzern ahndet den Missbrauch des öffentlichen Raums rigoros.

Was man auch immer tut oder lässt, einer stört sich bestimmt daran: Frank Baumanns gelbe Krawatte am Luzerner Wasserturm, 1990.

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Friedliebende Denker und einfach verdrahtete Konfliktforscher weisen gern darauf hin, dass die meisten Probleme der Menschheit gelöst wären, wenn sich nur alle an das einleuchtende Sprichwort halten würden: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.»

Für ein dicht bevölkertes Land wie die Schweiz taugt dieser Glaube aber schon lange nicht mehr. Denn was man heutzutage auch immer tut oder lässt: Einer stört sich bestimmt daran und beschreitet notfalls den Rechtsweg – und sei es nur drum, weil andere gar nichts tun.

Nackt über die Brücke kostet 300 Franken

Deshalb braucht es Gesetze, Verordnungen und Reglemente, damit im Streitfall niemandem die Willkür droht. Während manche Regeln relativ eindeutig sind, gibt es andere in einem erstaunlichen Graubereich. Und einige Vorschriften sind der Öffentlichkeit sogar weitgehend unbekannt. In Luzern etwa haben die Rechtshüter letzte Woche mit Bussen auf zwei Tatbestände aufmerksam gemacht, die rechtschaffene Bürger als möglichen Verstoss gar nie in Erwägung ziehen. Eines der Vergehen betrifft «unanständiges Benehmen», das zweite den «gesteigerten Gemeingebrauch des öffentlichen Raums».

Mit 300 Franken gebüsst wurde Eva Eden. Das 30-jährige Zürcher Pornosternchen war an einem Samstagmittag im Januar bei minus 3 Grad und beissender Bise äusserst leicht bekleidet über die Luzerner Rathausbrücke gewandelt, um für eine Musikbar in Kriens zu werben. Die leichte Bekleidung ist belegt, denn Eva liess sich filmen: Ausser Lederstiefeln und einer Mistgabel trug sie nichts. Eine Frau zeigte sie darauf wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses an.

Der Präsident der Donatorenvereinigung «Club der 200», die den FC Luzern unterstützt, wurde wegen «gesteigerten Gemeingebrauchs einer Kantonsstrasse» mit 700 Franken gebüsst. Der Club hatte im Mai 2010 auf dem Schweizerhofquai für eine Jubilarenehrung ohne Bewilligung einen roten Teppich ausgerollt, damit die Herren Gönner würdigen Schrittes die Strasse überqueren konnten. Securitas-Leute stoppten dabei auf der Luzerner Hauptschlagader für einige Minuten den Verkehr.

Ungeahnte Deliktfallen

Missbräuche des öffentlichen Raums bleiben in Luzern nicht ungesühnt. Ein Verfahren gegen einen iranischen Künstler aus Berlin, der kürzlich als Bild für Kulturkonflikte die Rathausbrücke mit rot-weissen Baustellenbändern versperrte, ist laut Polizei hängig. Ebenso eines gegen FCL-Fans, die Gäste vom FCZ vor einem Match mit Plakaten davor warnten, sie würden sie in Grund und Boden schreien. Als der Milchverarbeiter Emmi vor fünf Jahren zur Promotion eines Vitamindrinks den Wasserturm bei der Kapellbrücke mit einem Plakat verhüllte, wurde die Firma ebenfalls gebüsst. Ungeschoren kam nur der Zürcher Satiriker und damalige Werber Frank Baumann davon, der dem Wasserturm 1990 als Denkanstoss mit einem Helikopter eine riesige gelbe Krawatte umhängen liess.

Nacktwandern ist ja nur eine ideelle Variante des gesteigerten Gebrauchs von Gemeinraum, in dem Erdreich und Luft übrigens inbegriffen sind. In Appenzell ist es sogar verboten. Doch Information tut not, denn offenbar wissen noch nicht alle davon. Es wäre an der Zeit, alle Deliktfallen genauer aufzuzeigen. Nutzen Spaziergänger mit spitzen Walkingstöcken, die den öffentlichen Grund im Gegensatz zu Joggern und Weichbesohlten richtiggehend traktieren, die Wanderwege nicht über Gebühr? Und die Schweratmenden, die aufs Tram gerannt sind? Die konsumieren doch mehr Luft als die Pünktlichen. Man könnte sich sogar überlegen, dafür einfach Gebühren zu erheben, statt zu büssen. Sagen wir: Einmal nackt auf dem roten Teppich über den Bundesplatz kostet 2000 Franken. Wenn alles klarer geregelt wäre, würde der Anblick der nackten Eva Eden vielleicht sogar ein bisschen von seinem Schrecken verlieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2011, 16:56 Uhr

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14 Kommentare

Stephan Peschti

30.03.2011, 17:28 Uhr
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Willkommen in der Bünzlischweiz!
Es würde den Schweizer Xenophoben(-innen) gut tun mal aus dem Fenster zu schauen. Dann würden sie merken, dass die Schweiz so wenige Probleme hat, dass es sich neue erfinden muss.
Good bye unbeschwerte Lebensfreude!
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Sam Pirelli

31.03.2011, 00:08 Uhr
Melden 19 Empfehlung

Als Luzerner kann ich bestätigen, dass es hier immer enger wird. Seit die Stadtregierung unter der Ägide von Baudirektor Bieder (nomen est omen) beschlossen hat, Luzern zum Disneyland für alternde Millionäre zu machen, geht ein Kulturhaus nach dem anderen zu, nicht genehme Jugendliche werden weggewiesen, und Freiräume verschwinden so schnell, wie die Mieten steigen.
Eine schmerzhafte Entwicklung!
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