Leben
Der Gefängnis-Arzt geht
Von Nadja Noldin. Aktualisiert am 27.03.2012 2 Kommentare
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Die Türe öffnet sich mit einem Summton. Am Empfang der Strafanstalt Thorberg in Krauchthal fragt der Mitarbeiter nach einem Ausweis. Die Tasche wird im Schliessfach versorgt; mitgenommen werden darf nur das Nötigste: Schreiber, Notizblock, Schliessfachschlüssel.
Am Treffpunkt kommt Hans-Rudolf Messerli, der Anstaltsarzt, durch die Sicherheitstüre, grüsst. Er führt als Erstes durch die Gesundheitsabteilung – durch Büro, Medikamentenabgabe und Sprechzimmer mit Liege, Apparaturen und einem Tisch. Es sieht aus wie in einer normalen Praxis. Wären da nicht die Gitter vor den Fenstern. Wäre da nicht die hermetische Abriegelung.
Hans-Rudolf Messerli ist seit 26 Jahren Anstaltsarzt im Thorberg. Vier Direktoren hat er erlebt. Ende April will er aufhören. Seine Praxis in Burgdorf führt er aber weiter, sagt der 58-Jährige. Messerli ist einer von zwei Anstaltsärzten. Sprechstunde hat er einmal in der Woche.
In Hand- und Fussfesseln
Grundsätzlich mache er hier dieselbe Arbeit wie in seiner Burgdorfer Praxis, erklärt der Arzt. Der Unterschied zu einer herkömmlichen Visite zeige sich etwa darin, dass manche Patienten in Fuss- und Handfesseln und von Sicherheitsbeamten begleitet hereingeführt würden. Meistens sei während der Sprechstunde aber nur ein Pfleger oder eine Krankenschwester anwesend.
Für die Festlegung der Behandlung ist für Messerli das Strafmass wichtig. Es sei zum Beispiel nicht sinnvoll, kurz vor einer Ausschaffung eine Behandlung anzuordnen, die in der Heimat nicht weitergeführt werden könne. Der Arzt hat eine Liste; er weiss, wer welche Art von Delikt begangen hat. Die meisten Häftlinge begegneten ihm mit Dankbarkeit. «Sie spüren, dass ich ihre gesundheitlichen Probleme ernst nehme.» Freilich, schränkt er ein, gebe es auch unzufriedene Patienten, die Druck ausübten, ihn als Arzt ausnützen wollten. «Es braucht eine starke Berufsidentität, um sich abzugrenzen.»
Zum Job als Anstaltsarzt kam er zufällig. Als er seine Praxis in Burgdorf eröffnete, gab es viele Hausärzte. Und weil die Anstalten Thorberg 1986 gerade einen Mediziner suchten, bewarb sich Messerli, um Zeit zu haben, als Hausarzt Fuss zu fassen. Am Ende war er länger im Amt, als er ursprünglich im Sinn hatte.
In 26 Jahren hat sich einiges verändert. Früher waren Zwischenfälle mit Drogenabhängigen häufiger. Messerli kennt sogar einen Fall, der tödlich endete. Seit es Heroinabgaben gebe, habe sich aber die Lage aber «ungeheuer beruhigt». Jetzt könne auch im Gefängnis mit Erlaubnis des Kantonsarztes Methadon abgegeben werden.
Auch die gesellschaftliche Einstellung hat sich in der Zeit erheblich geändert. Vor allem in den 80er-Jahren arbeiteten die Insassen noch viel ausserhalb der Gefängnismauern in der Landwirtschaft oder Gärtnerei. Nach dem Vorfall 1993 am Zollikerberg, als ein Mann im Hafturlaub eine Pfadiführerin ermordete, wurde die Überwachung massiv verschärft.
Erst kürzlich wurde bekannt, dass der anstaltseigene Landwirtschaftsbetrieb aufgegeben wird. Der Grund ist die Zunahme der Gewaltverbrecher und Sexualstraftäter im Thorberg. Auch Messerli spürt, dass die Zahl der Langzeitverwahrten zugenommen hat. Viele seien psychisch auffällig, hätten keine Zukunftsperspektive. «Das stellt einen Arzt vor neue Probleme.»
Hungerstreik als Druckmittel
Erlebt hat Hans-Rudolf Messerli in seiner Zeit als Anstaltsarzt drei Tuberkuloseepidemien und einige Hungerstreiks. Gefangene verwendeten Verweigerung von Nahrungsmittelaufnahme als Druckmittel, wenn sie mit den Vollzugsbehörden in Konflikt geraten waren und ihre Forderungen durchsetzen wollten, erzählt er. «Als Arzt motiviere ich sie dazu, den Streik abzubrechen, da sie nur sich und ihrer Gesundheit schaden.»
Bisweilen sei es unverständlich, was sich die Häftlinge alles antun würden – auch untereinander. Ein prägendes Erlebnis für den Burgdorfer war eine Massenschlägerei in den frühen 90er-Jahren, als der Krieg auf dem Balkan tobte: Zwei Gruppen gingen aufeinander los, es gab acht Verletzte, «viel zu nähen und sogar Frakturen». Er selber habe aber nie Gewalt gegen seine Person erfahren. Obwohl, fügt er an, einmal sei ein Straftäter handgreiflich geworden. Als Messerli ihm nicht das verschrieb, was er verlangte, habe er das Pult umgestossen, ihn auf den Boden geworfen.
Die Angst lässt nicht los
Vieles sei zwar zur Routine geworden, trotzdem habe ihn eine gewisse Angst nie ganz losgelassen. «Noch immer gibt es gewaltbereite Insassen, die mich belasten, wenn ich ihre Namen auf dem Visitenplan sehe. Dann bin ich froh, wenn die Visite vorbei ist.» Trotz all der schwierigen Situationen möchte Messerli die Arbeit hinter den Gefängnismauern nicht missen. «Ich habe sie immer als Abwechslung zum normalen Praxisalltag empfunden.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.03.2012, 11:15 Uhr
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