Darf man die Psychoanalyse verspotten?

Die Antwort auf die Leserfrage, wie kritisch man gegenüber einer anerkannten Theorie und Behandlungsform sein soll.

Erleuchtet: Fundamentale Begriffe aus der Psychoanalyse in einer Sigmund-Freud-Ausstellung in Berlin. Foto: Steffen Kugler (EPA, Keystone)

Erleuchtet: Fundamentale Begriffe aus der Psychoanalyse in einer Sigmund-Freud-Ausstellung in Berlin. Foto: Steffen Kugler (EPA, Keystone)

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In seinem Buch «Ein langer Samstag» schreibt der Philosoph George Steiner: «Noch ist niemand von der Psychoanalyse geheilt worden. Im Gegenteil, wie Karl Kraus sagte: ‹Es ist die einzige Krankheit, die ihre eigene Heilung erfindet.›» Was meinen Sie dazu? U. M.

Lieber Herr M.

Zunächst mal meine ich, dass mir das Kraus-Zitat recht kraus vorkommt. Entweder haben Sie Steiner falsch zitiert, oder Steiner hat Kraus falsch zitiert. Krausens bekanntestes Diktum lautet, dass die Psychoanalyse die Geisteskrankheit sei, für deren Therapie sie sich hält. Ein anderes: Sie sei mehr eine Leidenschaft als eine Wissenschaft. Am besten von den paar einschlägigen Äusserungen Kraus’ gefällt mir: «Psychoanalyse ist die Kunst, von einem Patienten das ganze Jahr zu leben.»

Des Zweiten meine ich, dass mir zwar dergleichen Aphorismen immer noch besser gefallen als alle mit halbseidenen Studien untermauerten Behauptungen, warum die Krankenkassen langfristig viel Geld sparen könnten, wenn sie ihren – dadurch gesünderen – Versicherten die Psychoanalyse bezahlten. Des Dritten aber geht mir vor allem der parfümiert-kunsthandwerkliche Tiefsinn bei George Steiner auf den Keks, der auch in diesem Zitat mal wieder kräftig aus allen Poren dringt. Und zwar nervt mich der völlig unabhängig von der ­bestehenden oder nicht bestehenden Heilkraft der Psychoanalyse.

«Ich schreibe noch mit der Hand, das ist eine Frage der inneren Höflichkeit. Ein Gedicht sei ein Händedruck, hat Paul Celan gesagt, und das gilt auch für einen Brief», hat Steiner zum Beispiel einmal in einem NZZ-Interview verkündet. Ganz in diesem Stil, wie er sich auch in den Stilbeilagen der Sonntagsblätter findet als flammendes Plädoyer für den Füllfederhalter mit Goldmine, ist auch seine Behauptung «Noch ist niemand von der Psychoanalyse geheilt worden» gedrechselt. Statt seine aus der Luft gegriffene Behauptung mit Karl Kraus’ gleichgesinntem Ressentiment (quasi als Autoritätsargument) zu untermauern, hätte er vielleicht besser einfach nur ein «Sachichjezzmaleinfachso» hinzufügen sollen, wie die einfachen Leute im Unterschichtsfernsehen das ausdrücken tun würden.

Den Wahrheitswert seiner steilen These hätte es nicht verändert. Oder um es, noch mal in Anlehnung an Karl Kraus, etwas anders zu formulieren: Das ist alles so falsch, dass nicht mal das Gegenteil richtig ist. Und/oder/beziehungsweise auch andersherum. Stell ich jetzt mal so in den Raum. Und da bleibt es bitte auch stehen, denn es ist Kunst, und kann nicht weg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2017, 20:09 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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