«Bleiben Sie realistisch!»
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 31.12.2010 5 Kommentare
«Ein Auseinandersetzen mit sich selbst ist nötig»: Veronika Job, Dozentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Die Motivationspsychologin ist Autorin einer Studie über die Willenskraft des Menschen.
Frau Job, für das neue Jahr werden sich wieder Tausende vornehmen, mit dem Rauchen aufzuhören, mehr Sport zu betreiben und sich gesünder zu ernähren. Warum eigentlich? Ende Jahr zieht man Bilanz: Wie sieht mein Leben aus? Was ist in den vergangenen Monaten passiert? Was will ich künftig anders machen? Insofern ist es eine gute Gelegenheit, Vorsätze zu formulieren. Bei diesen geht es meist darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Insofern hat jeder Neujahrsvorsatz auch etwas mit Selbstkontrolle zu tun.
Ist es überhaupt sinnvoll, Neujahrsvorsätze zu machen?
Aus Motivationspsychologischer Sicht würde ich sagen: Ja. Vorsätze sind ja nichts anderes als Ziele. Und wer sich ein Ziel setzt, zeigt eine Intention. Man will also etwas verändern. Und einen Vorsatz zu fassen, stellt den ersten Schritt dar, um die Idee in die Tat umzusetzen. Ohne Vorsätze verändert sich das Leben kaum.
Wie muss man seine Vorsätze formulieren, dass sie umsetzbar sind?
Möglichst konkret, am besten mit einer «wenn, dann»-Wendung – indem man ein Verhalten mit einem Zeitpunkt verknüpft. Zum Beispiel: «Immer wenn ich einkaufen gehe, nehme ich die alten Batterien mit.» Oder: «Immer wenn ich warm zu Abend esse, gehe ich danach joggen.» Je konkreter der Vorsatz, desto grösser ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn umsetzt.
Und dennoch dürfte sich nicht alles als Neujahrsvorsatz eignen. Etwa die Absicht, ein besserer Mensch zu werden.
Selbst wenn man grössere Ziele hat, ergibt es Sinn, sich diese in kleinere Schritte aufzuteilen. Es bringt tatsächlich nicht viel, zu sagen: «Ich halte jetzt Diät.» Das ist eher frustrierend oder ernüchternd, weil man nicht weiss, wo man ansetzen muss. «Ich esse abends nichts Süsses mehr» hingegen kann durchaus funktionieren und einen Effekt erzielen.
Was hat man noch zu berücksichtigen?
Wir sollten realistisch bleiben. Wer noch nie Sport gemacht hat, sollte sich nicht vornehmen, ab 2011 jeden Tag 10 Kilometer zu laufen. Ein Vorsatz muss die eigenen Fähigkeiten und die Realisierbarkeit berücksichtigen und die Fragen beantworten: Wo stehe ich? Was kann ich? Ist das für mich erreichbar?
Und dann ist ein Vorsatz erfolgversprechend?
Dann ist zumindest ein guter Grundstein gelegt. Ein Auseinandersetzen mit sich selbst ist nötig, eine kleine Standortbestimmung. Hilfreich ist auch, wenn man sich vorstellt, wie es sein wird, wenn man sein Ziel erreicht haben wird.
Sie haben die Thematik auch wissenschaftlich untersucht. Was haben Sie herausgefunden?
Häufig wird ein Vorsatz abgebrochen, selbst wenn er optimal formuliert war. Das hat damit zu tun, dass Vorsätze zusätzlich zu vielen Anforderungen im Alltag kommen. Während man das Geplante in den Neujahrsferien noch problemlos umsetzen kann, ist man im Arbeitsalltag plötzlich zu ausgelaugt dazu. Wir haben dann das Gefühl, alle Willenskraft ausgeschöpft zu haben.
Zu Unrecht?
Ja, unsere Forschungsergebnisse weisen in die andere Richtung. Bisher ging man davon aus, dass es sich bei der Willenskraft um eine verbrauchbare Ressource handelt. Dem ist aber nicht notwendigerweise so. Wie wir zeigen konnten, weisen Personen, die denken, dass Willenskraft sich aufbraucht, Leistungseinbussen auf im Vergleich zu Personen, die glauben, Willenskraft sei unerschöpflich.
Das heisst, wir sind nicht so beschränkt wie wir glauben – sofern wir daran glauben?
Genau. In Bezug auf die Neujahrsvorsätze bedeutet das: Auch wenn wir wissen, dass es Phasen geben wird, in denen wir sehr beansprucht sein werden, können wir Energie zur Selbstkontrolle mobilisieren; wenn wir davon überzeugt sind, dass Willenskraft nicht limitiert ist. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.12.2010, 18:51 Uhr
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5 Kommentare
Echt oberflächige Aussagen. Leider habe ich zu viele Fälle miterleben müssen, wo Menschen überzeugt waren, dass Willenskraft nicht limitiert ist. Diese Menschen sind besonders fürs Burnout gefährdet. Hochmut kommt vor dem Fall. Man muss seine Grenzen kennen und diese optimieren, aber von einem grenzenlosen Willen auszugehen, ist wirklich nur naiv-gefährlich. Antworten
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