Leben

Betroffenheit auf allen Kanälen

Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 13.11.2009

Der deutsche Nationalgoalie Robert Enke litt unter Depressionen – und der Angst, dazu zu stehen. Warum wühlt uns seine Tragödie besonders auf?

Kerzen für Robert Enke: Traueraltar vor dem Stadion von Hannover 96.

Kerzen für Robert Enke: Traueraltar vor dem Stadion von Hannover 96. (Bild: Reuters)

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Sein Tod bewegt die Öffentlichkeit: Der Torhüter Robert Enke, 32, nahm sich das Leben, und blitzartig hat sich ein kollektives Trauergefühl verbreitet. Suizid ist die häufigste Todesursache bei Männern zwischen 25 und 44 Jahren. Wieso bewegt uns dieser Freitod besonders? Zum einen, weil wir ihm nicht entrinnen können: Die Nachricht sickert auf allen medialen Kanälen in unseren Alltag ein. Wem der Name Enke bisher nichts sagte, kennt nun Details aus dem Leben eines Fremden.

Deprotainment

Mag auch sein, dass sich einige insgeheim am fremden Leid laben; sich gern unterhalten lassen vom traurigen Ende eines bewegten Lebens. Bereits kursiert ein Schlagwort dafür: Deprotainment. Doch hinter der Massenanteilnahme steckt mehr. Wir werden konfrontiert mit ungeschminkter Realität. Die Nachricht von einem Freitod katapultiert uns für einen Moment aus der Hyperaktivität und dem (Pseudo-)Stress unseres Alltags heraus. Eine Tür für die eigene schwelende Trauer geht auf; es ist auf einmal legitim, sich mit dem Schweren zu beschäftigen.

Kommt hinzu, dass Robert Enke nicht irgendein Selbstmörder ist. Der Goalie hat sich im Fussball, dem Männersport schlechthin, eine Spitzenposition erarbeitet. Er bewegte sich in einem Bereich, wo Schwäche keinen Platz hat. Als einer der besten deutschen Leistungssportler hatte er Vorbildcharakter, nicht zuletzt dank seiner sozialen Seite: Er setzte sich für den Tierschutz ein und galt als zurückhaltend. Er war beliebt.

Der frühe Tod der Tochter

Besonderes Echo löst sein Tod aber aus, weil er nicht passen will zu dem Bild, das wir in den Köpfen haben. Als nämlich Enkes zweijährige Tochter an den Folgen eines Herzfehlers starb, ging er bewundernswert offen damit um. Während sich manche Eltern nach dem Tod eines Kindes trennen, band der Schicksalsschlag die Enkes stärker aneinander. Robert Enke demonstrierte Grösse, indem er das Nichtabwendbare hinnahm und öffentlich dazu stand.

Und wir erschrecken nun umso heftiger, da wir erfahren, dass seinem Suizid eine jahrelange Krankheit vorausging, von der nur sein engstes Umfeld wusste: Depression. Die Angst, sich in der Öffentlichkeit als depressiv zu outen, trieb Enke wohl noch mehr in die Einsamkeit und Verzweiflung. Ein Riss im Bild eines Menschen, ein grelles Licht auf das Tabu Depression. Niemand wird behaupten, dass es nicht zum Freitod gekommen wäre, wenn Robert Enke seine Erkrankung publik gemacht hätte. Bestimmt aber wäre der Schock in der Öffentlichkeit kleiner gewesen.

In dieser Tragödie gibt es nur Opfer: Da ist die Hauptfigur selbst, da ist seine Frau, die sich erschütternd offen und ohne Suche nach Schuldigen dem Publikum stellt, da ist der Lokomotivführer, der fortan unter einem Trauma leidet, da ist das Adoptivkind, das ohne Adoptivvater weiterleben muss – und da ist die Gesellschaft, die wieder mal vorgespielt bekommt, wie tragisch äusserer Schein und inneres Sein auseinanderklaffen können. Und wer ob all dem noch ungerührt bleibt, lässt sich von der abgrundtief traurigen Einsicht Teresa Enkes aufwühlen: dass man im Leben nicht alles schafft, selbst wenn man meint, gemeinsam einen Weg zu finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2009, 07:05 Uhr


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