Bekenntnisse eines deutschen Secondo

Die SVP attackiert Deutsche. Und die Plakate wirken. Man beginnt als Eingebürgerter über sein deutsches Erbe nachzudenken. Das Resultat: etwas Wahnsinn.

Der Entscheid für die Schweiz fiel vor dem Fernseher, im März 1983, etwa um 19 Uhr. Eben war mit 48,8 Prozent Dr. Helmut Kohl zum Bundeskanzler gewählt worden.

Mein Vater: «48 Prozent für Kohl. Diese Idioten.»

Meine Mutter: «Ja, wie kann man nur jemanden wählen, der so dick ist?»

Mein Vater: «Ich finde, jetzt reichts. Wir haben doch irgendwo diese Einbürgerungsformulare. Die füllen wir jetzt aus!»

Meine Mutter: «Bist du sicher?»

Mein Vater: «Ja.»

Meine Mutter: «Aber diese Schweizer - glaubst du, das sind keine Idioten?»

Mein Vater: «Natürlich nicht. Aber es sind Idioten in dem Land, wo wir gerade zufälligerweise leben.»

So geschah es. Drei Jahre nach diesem patriotischen Dialog wurden wir Schweizer Bürger. Seither habe ich kaum darüber nachgedacht: Ich wähle und ärgere mich wie alle über Schweizer Politik und Fussball.

Das deutsche Erbe

Aber erstaunlich: Seit die SVP ihre Plakate schaltet, denke ich darüber nach, was schweizerisch an mir ist. Und was deutsch. Und was es bedeutet, ein deutscher Secondo zu sein. Ich war noch ein Kind, als mein Vater mir das Wichtigste sagte. Wir gingen in den Keller, als mein Vater kurz stehen blieb, grinste und sagte: «Erben wirst du mal nichts!»

Natürlich irrte er sich. Ich hatte bereits geerbt: seine Nase, den Gang und die Augen. Später übernahm ich noch die Zigaretten, den trockenen Ton seiner Kolumnen und den Stil, vor einem Businesspublikum zu dozieren. Und doch hatte er Recht: Wer mich wirklich kennen will, muss mein Zimmer kennen. Es gibt zu viele Bücher, zu viel Unordnung und sonst fast nur Ikea: Nichts davon zeigt Persönlichkeit.

Etwas fehlt, was mir in der Kindheit bei Schweizer Freunden auffiel: Alle hatten Erbstücke. Darunter spektakuläre wie die alte Militärwaffe des Opas oder das Chemielabor vom Grossonkel. Folgt man dem Klischee, wäre das typisch Deutsche: die Klappe und der Witz. Nur ist das Unfug: offene Klappen und trockene Witze gibt es reichlich auch in Schweizer Dialekt.

Familie ohne Katastrophen

Nicht die Stärken, nicht die dunklen Seiten, sondern ihre weissen Flecken sind das letzte Geheimnis jeder Person: Was komplett fehlt, übersieht man lang. Kennenlernen ist wie eine Reise nach Mekka: Das Innere der Kaba steht leer. Ich fürchte, dass es das von Ikea-Möbeln getarnte Nichts ist, das im Zentrum meines Herzens steht. Und dies mein deutsches Erbe ist. Und mein Vorteil als Secondo den Schweizern gegenüber, die schon immer hier lebten.

Der Unterschied vom eingebürgerten zum geborenen Schweizer ist, dass diese ihre Familie ohne Katastrophen und ohne Politik begreifen können. Ich nicht. Nicht dass dies im Alltag ein grosses Thema ist. Aber es ist überall da: in den Kindheitserzählungen meiner Mutter, die Jena brennen sah. In der ängstlichen Art meines Grossvaters, der als Sohn eines Gutsbesitzers nach dem Krieg Stufe um Stufe als kleiner Steuerbeamter erklomm und elend starb. Im kühnen Arbeitstempo meines Vaters und seinem fast amerikanischen Grinsen. Und in dem, was ich manchmal an ihm fürchte: Er sieht nie zurück.

Mut in Trümmern, Verrat

Jedes Kind hat einen kalten Blick. Und jedes Kind nimmt aus den Erzählungen seiner Eltern, was ihm passt, und setzt es dann zu einem Monster zusammen. Meine Folgerung aus den Familiengeschichten meiner Mutter - Geschichten von Mut in den Trümmern, Verrat an Verwandten, brennenden Städten und einer glücklichen Kindheit - war, nichts und niemandem zu vertrauen als diesen Geschichten selbst.

Generationen meiner Familie lebten im Osten des Deutschen Reichs als Bauern - und ich war immer froh, dass das zu Ende ging. Ich verliess Bassersdorf, wo ich 19 Jahre lang aufwuchs, und Winterthur, wo ich sieben Jahre zur Schule ging, ohne Gedanken. Ich ging fast nie zurück. Und auch in Zürich sieht mein Zimmer noch heute so aus, als könnte man es ohne Verlust verlassen.

Anekdoten, Geschichten, Zitate

Das Nichts der Einrichtung gibt meinem unspektakulären Leben - Café, Büro, Wohnung - einen kühnen Anstrich von Freiheit. Dass mein Herz an nichts klebt und nach nichts Sehnsucht empfindet als nach ein paar Menschen, dass es nichts speichert ausser Anekdoten, Geschichten, Zitaten, gibt mir die Kraft, den Job als Journalist besser als andere zu machen. Einfach, weil im Chaos einer unklaren Welt Geschichten die einzige Wahrheit sind, die zählt. Städte, Vermögen, Karrieren, Menschen zerfallen - und im Falle Deutschlands nicht einmal zu Unrecht. Ihre Namen und Geschichten sind das Einzige, was Wert hat - und bleibt.

«Du hast einen schweren Knall», sagten alle Schweizer Freundinnen, die ich je hatte. «Die Nazis sind seit 1945 weg. Kein Schwein interessiert sich für sie. Und die Zeiten haben sich geändert.» Ich war jedes Mal beleidigt: Das, was ich für das Ernsteste meiner leichten Existenz halte, finden sie peinlich. Und, Teufel noch mal, sie hatten Recht. Ehrlich gesagt, lebe ich fröhlich, esse ich gern Ungesundes, ärgere mich über FDP oder FCZ und schreibe, weil man mir Geld zahlt.

Das kleine Stück Leere

Und ich glaube, es ist das, was mich zu einem Secondo macht: Man lebt ein vernünftiges, unspektakuläres Leben, und von Zeit zu Zeit kämpft man mit ein paar Gespenstern. Es sind die Gespenster aus der europäischen Geschichte, interpretiert von jemandem, der nicht dabei war. Man kennt nur ihr Echo.

Abends, wenn das Murkel in der Wiege träumt, frage ich mich manchmal, ob sie etwas davon erbt. Allein mit ihr, spreche ich wieder die Sprache meiner Kindheit, Hochdeutsch. Wird sie etwas erben? Ich glaube nicht. Die Zeiten haben sich geändert - jeder ist Kind seiner Zeit. Und Kinder erben, was sie wollen. Ich denke, das kleine Stück Leere im Zentrum meines Herzens ist nur mein Erbe, weil ich es mochte. Sie wird etwas anderes wollen.

* (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2010, 11:28 Uhr

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