Leben

Auf der Suche nach dem idealen Familienhund

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 22.02.2012 13 Kommentare

Viele Hunde sind hübsch, aber nicht familientauglich – zum Beispiel der ruhelose Border-Collie. Der Aargauer Kynologe Wolf Zemp hat sich deshalb auf die Zucht des sogenannten Fam-Collie spezialisiert.

Sie leben für ihre Hunde: Wolf Zemp und Heidy Märchy mit einigen ihrer Collies.

Sie leben für ihre Hunde: Wolf Zemp und Heidy Märchy mit einigen ihrer Collies.
Bild: Doris Fanconi

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Una ist heute mal wieder gar nicht gut drauf. Den Schwanz zwischen die Hinterbeine geklemmt, die Ohren angelegt, bellt sie wie eine Wahnsinnige. Der Grund? Ein fremder Hund ist in Sicht. Zu Hause, wenn ihr Besucher zu nahe kommen, kann sie auch schon mal zuschnappen, denn ihre Devise heisst: Angriff ist die beste Verteidigung.

Una ist unsicher und aggressiv, das Leben ist für die Border-Collie-Hündin ein einziger Stress – und für ihre Besitzer ebenfalls. Die haben sich für sie entschieden, «weil sie ein so hübscher Hund ist und Border-Collies sehr intelligent sein sollen». Doch leider ist Una ungemein unterfordert – und hier liegt das Problem. Zwei Stunden am Tag spazieren gehen reicht bei weitem nicht aus.

Ein Australier und ein Schotte

Als ehemaliger Hütehund, der dafür gezüchtet wurde, Schafherden zu treiben und sie gegen Fremde zu verteidigen, der Arbeitseifer und Temperament für drei hat, braucht der Border dringend eine Aufgabe – er will körperlich und geistig beschäftigt werden. Filme wie «Ein Schweinchen namens Babe» haben die Rasse vor Jahren enorm populär gemacht. Doch die wenigsten Halter wissen, was dieser intelligente Hund wirklich braucht. Künftige Hundebesitzer lassen oft ausser Acht, welche genetischen Dispositionen, also welche «Grundausstattung», ihre Wunschrasse mit sich bringt – beispielsweise bewachen und bellen, jagen oder treiben.

Wolf Zemp hat sie alle kommen und gehen sehen, den Malinois-, den GoldenRetriever- und den Border-Collie-Boom. Und er sieht bereits einen neuen Modehund am Horizont: den Husky. Seit längerem war es ruhig um ihn, doch er ist wieder gross im Kommen. Denn der Husky hat etwas Wildes und Abenteuerliches an sich. «Genau das wird grosse Probleme geben», sagt Wolf Zemp. Denn Huskys haben einen enormen Bewegungsdrang, und sie jagen gern.

Viele Hunde aus Leistungszuchten landen dann mit schlechter Prognose im Tierheim, weil die Besitzer überfordert sind. Sie stranden auch bei Zemp, im Tierheim Monteverde bei Schöftland im Aargau, wo der bekannte Hundefachmann und Tierpsychologe mit seiner Partnerin Heidy Märchy seit Jahren eine Pension für sogenannte Verzichthunde und Feriengäste führt. Unzählige Schicksale mussten sie miterleben. «Darum haben wir uns lange mit der Frage beschäftigt, wie denn ein idealer Familienhund sein sollte», sagt Zemp.

«Wir hatten die Idee, einen Hund zu züchten, der speziell in der Familie sein Zuhause hat und der von der Gesellschaft akzeptiert und geschätzt wird: menschenfreundlich, kinderlieb, mit wenig Jagdtrieb, von guter Gesundheit und mittlerer Grösse. In der Wohnung relaxed und ruhig, draussen agil und bewegungsfreudig.»

Jeder Hund sieht anders aus

Ein ambitioniertes Ziel. Vor elf Jahren haben Zemp und Märchy ihr Projekt gestartet. Das Ergebnis ist der Fam-Collie (Familien-Collie) – eine Kreuzung zwischen dem Australian Shepherd, der ruhiger und etwas einfacher zu halten ist als der Border-Collie, und dem gelassenen, besonnenen Schottischen Collie, einem Stoiker, den viele noch als TV-Serienhund «Lassie» kennen. «Zwei Rassen mit einem grossen Genpool», betont Zemp, «das ist entscheidend für ein erfolgreiches, gesundes Zuchtprogramm.»

Mit drei Aussie-Hündinnen verschiedener Herkunft und einem Collie-Rüden hat er angefangen – Hunde, die im Zuchtprogramm als zu unruhig und nervös auffallen, werden herausgenommen. Wesen, Charakter und Gesundheit stehen an oberster Stelle – Wolf Zemp will keine «Depressionszucht», die aufs Aussehen ausgerichtet ist. Deshalb sieht jeder Hund anders aus, manche sind rötlich, andere grau-weiss oder ganz schwarz. Insgesamt sind 16 unterschiedliche Farbvariationen möglich. Sogar die Augenfarbe variiert, sie kann braun, blau, bernsteinfarben oder auch gesprenkelt sein.

Nun können Hundebesitzer heute zwischen 350 Rassen auswählen; hinzu kommen unzählige Tierheim-Hunde. Braucht es da noch eine weitere Hunderasse? Zemp ist überzeugt von seinem Projekt. In den letzten Jahren sei viel zu viel auf Leistung gezüchtet worden, was sich mit dem Anspruch der Gesellschaft auf kompatible Hunde schlecht vertrage. Drei Generationen seiner Fam-Collies sind bisher dokumentiert, rund 100 Welpen wurden schon vermittelt, doch es wird noch mindestens 10 Jahre dauern, bis der Fam-Collie als eigene Rasse anerkannt werden könnte.

Keine designten Reissbretthunde

Denn bei Neuzüchtungen kann es Risiken und Rückschläge geben, das weiss auch Zemp. Ingrid Blum, Tierpsychologin und -trainerin mit eigener Hundeschule in Hämikon LU, hat zwei Hunde aus Zemps Zucht. Sie gibt dem Projekt gute Zukunftschancen, warnt aber vor der Erwartung, dass man nun einen designten Reissbretthund erhalte. «Auch Fam-Collies sind Hunde», sagt Blum. «Viele Leute wünschen sich heute einen Hund, den man nicht hört, der nicht riecht, den man nicht wahrnimmt. Diese Rasse gibt es nicht.»

Ihre beiden Hunde seien völlig unterschiedlich im Wesen – die kleine Quanda liebt alle Menschen, die ältere Fee ist selbstbewusst und manchmal forsch. Eine kynologische Faustregel besagt, dass ein Drittel des späteren Verhaltens auf Vererbung beruht, ein weiteres auf der Sozialisation im Welpenalter und ein letztes Drittel auf der Beziehung zwischen Hund und Halter.

«Wir geben die Hunde nur an gute Plätze, von denen wir überzeugt sind», sagt Kynologe Wolf Zemp. Bisher hat er noch keine Werbung für seine Fam-Collies machen müssen. «Wir übernehmen die volle Verantwortung für unsere Hunde, helfen, wenn es Probleme geben sollte, und nehmen den Hund auch zurück, wenn es sein muss.» In all den Jahren war dies erst einmal der Fall. 1800 Franken kostet ein Welpe, und der Halter muss sich vertraglich verpflichten, den Hund nicht zum Schutzhund ausbilden zu lassen. Heidy Märchy: «Es darf nicht sein, dass er Aggressivität lernen soll, wo wir doch mit der Zucht explizit versuchen, dieses Verhalten zu vermeiden.»

Adonis hat seine Pflicht getan

Im alten Bauernhaus bei Schöftland sind zurzeit neun Fam-Collies daheim, Wolf Zemp und Heidy Märchy leben mit ihren Hunden – und für ihre Hunde. Astra, eine Zuchthündin der ersten Stunde, ist so verschmust, dass man sie kaum mehr losbringt. Und auch Adonis, der Deckrüde der ersten Generation, ist noch mit von der Partie. Er schaut sich die fremden Besucher gelassen an und legt sich dann gepflegt aufs Ohr. Inzwischen ins Alter gekommen, wird er für die Zucht nicht mehr eingesetzt.

Seine Nachfolger waren Cliff und Eyco. Und nun ist der schöne Merlin dran. Die Verpaarung geht jeweils sehr natürlich vonstatten, da wird nichts forciert, die Hündin muss den Rüden wollen, und der Rüde muss in Stimmung sein. Offenbar war die Sympathie auf beiden Seiten vorhanden – für den kommenden April hat sich Nachwuchs angekündigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2012, 17:47 Uhr

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13 Kommentare

Andrea Gmünder-Torriani

22.02.2012, 18:11 Uhr
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Hunde züchten mit wenig Jagdtrieb! Meiner ist ein Kleinspitz. Spitze haben laut Rassenstandard kaum Jagdtrieb. Obwohl wir täglich zwei bis drei Stunden draussen sind - bei jedem Wetter! - jagt unserer wie ein Jagdhund der Extraklasse. Alles, vom Büsi bis zum grossen Reh. Und er ist schnell, sehr schnell. JEDER Hund erfordert ein riesiges zeitliches Engagement + Verantwortungsbewusstsein! Andrea Antworten


Gerhard Keller

23.02.2012, 07:57 Uhr
Melden 13 Empfehlung 0

Einem hohen Prozentsatz der Hundehalter fehlt das Verständnis für ihre Vierbeiner und im Vorfeld der Anschaffung haben sie sich oft weder richtig informiert noch mit der Verantwortung auseinanergesetzt, die auf die zukommt. Er soll herzig, unbewusster Therapeut, Kampfmaschine oder Menschenersatz sein - bloss nicht Hund. Oder eben Accessoire wie im gegenwärtigen Trend zu Kleinsthunden zu erkennen. Antworten



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