Leben

Auf dem Trip mit den Koksern

Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 18.04.2012

Was die Droge mit Menschen macht: Im Dokumentarfilm «Work Hard Play Hard» versucht Marcel Wyss dem Kokain und seinen Konsumenten so nahe wie möglich zu kommen. Dafür wagte er sogar einen Selbstversuch.

Haben beide Erfahrung mit Kokain: Marco Morelli (links) hat die Sucht hinter sich, sein Gegenüber ist noch auf Koks und will deshalb anonym bleiben.

Haben beide Erfahrung mit Kokain: Marco Morelli (links) hat die Sucht hinter sich, sein Gegenüber ist noch auf Koks und will deshalb anonym bleiben.
Bild: PD

«Work Hard Play Hard» läuft am 25. und 26. April im Kino Capitole, Nyon. (Bild: PD)

Visions du Réel in Nyon

Filme, die nach der Wahrheit fragen

Das Motto der diesjährigen Visions du Réel in Nyon stammt von der sperrigen Gertrude Stein: «Wenn man es tun kann, warum es tun?» Dem ist zu entnehmen, dass man es sich wiederum nicht einfach gemacht hat im Umgang mit der abgebildeten Realität und im Verhältnis zum Wahren und Wahrscheinlichen. Das hat Tradition in Nyon, wo man den Dokumentarfilm gern das «Kino des Realen» nennt. Das Vertrauen ins authentische Abbild trifft auf eine mindestens ebenbürtige Skepsis; und in diesem Spannungsfeld spielen dann dokumentarische Dramen, worin sich die Wirklichkeit und ihre Interpretationen und Erfindungen aneinander reiben.

In 110 Filmen aus 47 Ländern, verteilt auf die Wettbewerbssektionen des Festivals, soll in diesem Jahr Reibungswärme entstehen. Als Eröffnungsfilm zeigen die Visions du Réel am 20. April die Schweizer Dokumentation «L’ombrello di Beatocello» (Regie: Georges Gachot) über die Arbeit des Arztes Beat Richner in Kambodscha. In den drei Sektionen des internationalen Wettbewerbs – lange, mittellange und kurze Dokumentarfilme – und auch im ganz schweizerisch gehaltenen Programm «Helvétiques» spannt sich der Bogen von der Geburt («Nacer – diario de maternidad» des Kolumbianers Jorge Caballero) bis zum Sterben («Chronique d’une mort oubliée» des Schweizers Pierre Morath). Historische Erinnerungen an die Belagerung von Leningrad werden geweckt (in «900 Dagen» von Jessica Gorter aus Holland) und Träume vom elektrifizierten Fortschritt (im belgischen Film «Le thé ou l’électricité» von Jerome Le Maire).

Dazu kommen die Arbeiten in den Sonderprogrammen und in den von renommierten Filmautoren bestrittenen «Atéliers», von denen eines dem streitbaren und experimentierfreudigen Schweizer Regisseur Samir gewidmet ist.

Immer ist in Nyon auch Platz für die kleinen, inspirierenden Schnörkel. In diesem Rousseau-Jahr reflektieren Kürzestfilme vor den Wettbewerbsbeiträgen über Person, Werk und Wirkung des Genfer Philosophen.
(Christoph Schneider)

20. bis 27. April.
Informationen und Programm siehe
www.visionsdureel.ch

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Der Konsument sagt: «Du musst heute besser, cooler, cleverer sein als der andere.» Der Aussteiger: «Auf Baustellen wird mittlerweile schier mehr gekokst als Bier gesoffen.» Und der Dealer ergänzt, fast etwas bedauernd: «Früher wars ein Luxus, heute nimmts jeder.» Es sind Sätze, die in «Work Hard Play Hard» fallen, dem Dokumentarfilm von Marcel Wyss. Er hat es damit in den internationalen Wettbewerb am Festival Visions du Réel in Nyon geschafft, das am Freitag startet.

Dass Kokain eine Volksdroge ist, weiss man spätestens, seit jemand auf die Idee gekommen ist, urbane Abwasser auf Kokainrückstände zu untersuchen – und aus den Resultaten schliessen musste, wie weitverbreitet der Stoff ist. «Auch wenn inzwischen wahrgenommen wird, dass der Konsum von Kokain zunimmt, spricht doch niemand darüber, was es genau in einem auslöst», sagt Marcel Wyss.

Vier Jahr für einen Film

Darum hat der Berner Filmemacher die grösstmögliche Nähe zur Droge gesucht – und sie darin gefunden, dass er zwei Direktbetroffene porträtiert. Einen jungen, anonym bleibenden Yuppie-Kokser, der von sich sagt, er habe seinen Konsum im Griff; und den Berner Theater- und Zirkusmann Marco Morelli, der die Sucht erst hinter sich lassen konnte, als er, wie er sagt, dem Tod schon eine Hand gegeben hatte.

Wyss nahm sich für seinen Film viel Zeit, insgesamt vier Jahre. Er recherchierte ein Jahr lang, bewegte sich auf Internet-Foren und tauschte sich mit Suchtexperten, Psychologen und Drogengegnern aus. Trotzdem: «Work Hard Play Hard» ist nicht an der Theorie interessiert, sondern an der Praxis. Statt im Film Fachleute reden zu lassen, begleitet Marcel Wyss seinen jungen Protagonisten mit der Kamera.

Kokser als Comic-Figur

Man sieht ihm dabei zu, wie er beim Dealer einkauft, wie er von der Arbeit nach Hause kommt, wie er kocht und zum Dessert eine Linie zieht. Und man ist dabei, als er in den Club geht und von der Tanzfläche zur Toilette – ein ums andere Mal, bis das Bild wacklig wird, die Musik unerträglich und der Protagonist unerträglich überheblich. «Ich habe versucht, ein authentisches Bild davon zu liefern, wie so ein Abend abläuft – bis an den Punkt, an dem es dem Zuschauer womöglich zu viel wird», sagt Wyss. Nichts sei gestellt: So hätten die Kameraleute bei den Szenen im Club mit einer Fotokamera gefilmt, um weniger aufzufallen. So gingen sie mit dem Protagonisten unbemerkt aufs WC und filmten, wie der dort mit der Kreditkarte die nächste Linie vorbereitete.

Um dem Publikum eine solche Nähe zu ermöglichen und gleichzeitig dem Protagonisten die nötige Anonymität zu gewähren, hat Wyss zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen: Er liess die Filmbilder im Comic-Stil überzeichnen. So erhält der Protagonist zwar ein Gesicht, das eine gewisse Identifikation zulässt, aber bleibt doch anonym. Ein aufwendiges Verfahren: Illustrator Rodja Galli und sein Team zeichneten insgesamt 14 000 Bilder nach.

Mehr Leistung, besserer Sex

Unter der Woche hart arbeiten, am Wochenende hart abstürzen: Kokain steigert die Leistung, bläht das Ego auf, intensiviert den Sex. Marcel Wyss scheut sich nicht, auch die Faszination nachvollziehbar zu machen. «Es ist wichtig, dass man ehrlich bleibt, wenn man aufklären will.»

Dass man die Sonnenseiten der Droge nicht ausklammern dürfe, betont auch Marco Morelli im Film. Allerdings kennt er auch die Schattenseiten, die sich erst dann richtig bemerkbar machen, wenn man sich schwach und klein fühle: die Depression nach dem Konsum und die wiederkehrende Verführungskraft des Kokains. Der Sünder auf der einen Seite also, der Bekehrte auf der anderen? Marcel Wyss sagt, er wolle nicht werten. Und tatsächlich wird der Zeigefinger nicht mahnend erhoben: «Der Film soll meine Haltung gegenüber der Droge eher unterschwellig ausdrücken», sagt Wyss. Dabei beliess er es auch selber nicht bei der Theorie.

Der Rausch und die Depression

Nach langem Werweissen probierte Wyss die Droge – im Rahmen eines «Rechercheabends», wie er es schmunzelnd nennt. «Ich erlebte dieses Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben und über alles erhaben zu sein. Aber auch die kleine Depression, als der Rausch vorbei war.» Doch die wichtigste Erkenntnis war für den 33-Jährigen Regisseur die, die auch der Film vor Augen führt: «Zwei Wochen später realisierte ich, dass ich den Abend als positiv abgespeichert hatte und mir einredete, dass gar nicht viel passiert sei. Das ist das Heimtückische an dieser Droge: Man belügt sich ganz schnell selber. Sich und andere.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2012, 16:59 Uhr

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