Architekturstreit im Dorf von Max Frisch
Von René Lenzin. Aktualisiert am 17.10.2011 28 Kommentare
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Im 380-Seelen-Dorf Isorno im Onsernonetal ist man froh um jeden, der sich fürs Kollektiv engagiert. Sowohl der fünfköpfige Gemeinderat als auch das 15-köpfige Gemeindeparlament wurden dieses Frühjahr in stiller Wahl erkoren. Vorbei ist es mit der stillen Eintracht allerdings, wenn es um das Neubauprojekt der Basler Architekten Buchner Bründler in Berzona geht – dem Dorf, das sich 2001 mit Auressio und Loco zur Gemeinde Isorno zusammengeschlossen hat. Und das weit über die Talgrenzen hinaus berühmt wurde, weil die Schriftsteller Alfred Andersch, Max Frisch und Golo Mann dort gelebt haben. Gerade im diesjährigen Frisch-Jahr kommen viele literarisch Interessierte ins Onsernonetal, um die Jubiläumsausstellung im Dorfteil Loco zu besuchen oder einen Blick auf das Haus zu werfen, das der Zürcher Schriftsteller 1964 gekauft hat.
Bald wird vielleicht ein anderes Haus die Blicke der Besucher Berzonas auf sich ziehen. Im oberen Dorfteil plant das Basler Architekturbüro, das den Schweizer Auftritt an der letztjährigen Weltausstellung in Shanghai realisiert hat, einen spektakulären Neubau für eine Deutschschweizer Familie. Laut den Plänen des Baugesuchs ist ein in den Hang gebautes Parterre vorgesehen, während das fünfeckige Obergeschoss aus Glas und Stahl wie eine Art UFO aus dem Hang herausragen soll. Obwohl ausserhalb des weitgehend intakten Dorfkerns erstellt, würde dieser Neubau das Bild Berzonas mit dem charakteristischen Campanile nachhaltig verändern.
Nachbarn und Heimatschutz
Zu sehr verändern, finden etliche Hausbesitzer im oberen Dorfteil. Sie haben gegen alle drei bisherigen Baugesuche Einsprache erhoben. Dabei gehe es nicht nur um ästhetische Aspekte, sondern um grundsätzliche, sagt ihr Sprecher Charles Suter. Seiner Ansicht nach darf an dieser Stelle überhaupt nicht gebaut werden. Weil ein Neubau einen der letzten einigermassen erhaltenen Dorfkerne mitsamt der für das Onsernone typischen terrassierten Umgebung zerstören würde. Und weil das Grundstück abseits der Strasse zu liegen käme und die sowieso schon prekäre Parkplatzsituation zusätzlich verschlimmerte.
Suter, bis 2006 Prorektor der damaligen Zürcher Hochschule für soziale Arbeit, wohnt seit seiner Pensionierung im Haus des Stiefgrossvaters, eines früheren Bürgermeisters von Berzona. Er ist Mitglied im Gemeindeparlament von Isorno. Mit einer Motion hat er versucht, die Raumplanung in der ganzen Gemeinde auf eine neue Grundlage zu stellen. Dabei orientierte er sich am Inventar des Bundes für schützenswerte Ortsbilder (Isos). Dieses würde den Neubau im oberen Dorfteil nicht zulassen, ist er überzeugt. Gleichzeitig gebe es aber in Isorno durchaus Zonen, in denen Neubauten möglich wären. Das Anliegen der Motion wird vom Tessiner Heimatschutz unterstützt, der ebenfalls Einsprache gegen das Baugesuch eingereicht hat.
Die Architekten schweigen
Obwohl das Parlament die Motion im Einverständnis mit dem Gemeinderat verabschiedet hat, soll der Neubau nun doch realisiert werden. Eine knappe Mehrheit der Exekutive will die Zonenplanung so gestalten, dass die Umgebung des oberen Dorfteils zwar geschützt wäre. Einzig das Grundstück des Neubaus käme in eine Sonderzone zu liegen, in der die Bebauung für Personen möglich wäre, die ihren Erstwohnsitz in der Gemeinde haben. Suter und seine Mitstreiter fühlen sich verschaukelt. Nun wollen sie die anstehende Zonenplanrevision nutzen, um ihr Ziel zu erreichen. In diesen Tagen liegt das Projekt zur Einsichtnahme auf, und heute Abend findet eine Informationsversammlung für die Bevölkerung statt.
Zu den Befürwortern des Neubaus gehört Bürgermeister Athos Rima. Aufgrund des laufenden Verfahrens will er sich nicht detailliert zum Projekt äussern. Er sehe aber nicht ein, weshalb er dagegen sein solle, nachdem der Kanton das Projekt in einer Vorprüfung genehmigt habe. Was den ästhetischen Aspekt angehe, sei eben «alles subjektiv». Ihm sei ein neues Haus, das sich klar vom Rest abhebe, lieber als ein «fingiertes Altes». Gerne hätte man vom Architekturbüro Buchner Bründler gewusst, was es vom Streit in Berzona hält. Es sah sich jedoch nicht in der Lage, innerhalb von 24 Stunden dazu Stellung zu nehmen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.10.2011, 08:14 Uhr
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28 Kommentare
Der Tessin ist (u.a. auch dank Deutschschweizer- und Deutschem Einfluss) schon viel zu viel mit 'moderner Architektur' verschandelt. Die typisch südlicheTessinerlandschaft wird zunehmend zerstört. Bauten in 'kulturfremder Architektur', in weitgehend unberührten Täler zu bauen, ist eine Frechheit. Diese Politik schadet u.a. nachhaltig dem Tessin und seinem Tourismus, und somit den Menschen. Antworten
Eine öffentliche Gegenmassnahme gegen das Architekturbüro Buchner Bründler ist unumgänglich. Die Respektlosigkeit und ARROGANZ von Buchner und Bründler sind unhaltbar und soll an den Pranger gestellt werden ! Wenn diese ein Glas-UFO bauen wollen, dann sollen sie es in Herrliberg, Root/LU oder Basel bauen. Antworten
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