Alles hört auf ihr Kommando

Von Kai Strittmatter, Istanbul. Aktualisiert am 24.02.2012

Die 29-jährige Özgür Gözüacik trainiert im Macho-Land Türkei eine Männer-Mannschaft in der dritten Liga. Mit ihrer professionellen Einstellung entkräftet sie die gängigen Vorurteile.

«Die Spieler haben Angst, dass ich nun gehe»: Özgür Gözüacik im Kreise ihrer Mannschaft.

«Die Spieler haben Angst, dass ich nun gehe»: Özgür Gözüacik im Kreise ihrer Mannschaft.
Bild: Agata Skowronek

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Manchmal, sagt sie, da halte sie es nicht aus. «Wenn die Männer versagen. Man möchte heulen vor Wut. Man tut es aber nicht.» Einmal lagen sie 0:1 zurück, gegen eine grottenschlechte Mannschaft. Die Trainerin betrat die Kabine, Halbzeitpause. «Wenn ich einen Stock in der Hand gehabt hätte, ich hätte sie alle verprügelt», sagt sie. Sie, die Kühle, Ruhige, Beherrschte. Sie stiess einen Schrei aus. Am Ende stand es 1:1. Der Libero schoss noch den Ausgleich. Özgür Gözüacik hat nur ein einziges Mal so geschrien, sie hat auch nur ein einziges Mal geweint auf dem Spielfeld. Nach dem Spiel, sie sprach mit einem Reporter, kam aus dem Nichts ein Ball geflogen und knallte ihr mitten ins Gesicht. Sie redete weiter, sie redete und redete und kümmerte sich nicht um die Tränen, die ihr über die Wangen flossen.

Die Trainingsplätze sind eingeklemmt zwischen zwei Stadtautobahnen. Das Arbeiterviertel Kagithane liegt unten im Tal, das schicke Istanbul steigt nur selten hier herab. Immerhin: Das Stadion ist mit Kunstrasen ausgelegt, sonst trainieren sie auch oft in Staub und Schlamm. Es ist kurz nach neun, die Stadiontafel zeigt drei Grad an. Die Trainerin schnieft: Grippe. Viele ihrer Spieler sind heute krank zu Hause geblieben. Sie nicht. Hat noch Antibiotika geschluckt. «Ich kann doch die Kinder nicht im Stich lassen.» Ihr Mann Gökhan steht an der Seitenlinie. «Sie hat noch nie ein Training verpasst», sagt er. «Sonst würden alle sagen: Die Frau kneift, war ja klar.»

«Wir sind der Favorit»

Die Frau kneift nicht. Sie will nach oben. «Das Ziel ist die Meisterschaft», sagt sie. «Wir sind der Favorit.» In der letzten Saison fehlte am Ende ein einziges Tor, sie wurden Zweiter. «Den Fehler macht sie nicht zweimal», sagt einer an der Seitenlinie. «Wenn einer es schafft, dann sie.» Istanbul hat 15 Millionen Einwohner. 500 Fussballmannschaften. Und eine wird von einer Frau trainiert: Catalzeytinspor. Dritte Liga immerhin. Eine Männermannschaft. Die auf das Kommando einer 29-Jährigen hört.

Die Kinder. Das sind zum Beispiel Burak Kocman (18), der Verteidiger, und Ersin Cay (27), der Kapitän der Mannschaft. Burak sagt: «Als ich das erste Mal meinen Eltern von ihr erzählte, da rief meine Mutter aus: ‹Was hat denn ein Mädchen da zu suchen?› Sie müssen wissen, früher ging es wild zu in den Stadien. Ständig Schlägereien.» Ersin erzählt: «Als ich hörte, dass eine Frau zu uns kommen würde, dachte ich: Na, das kann ja was werden. Aber ich habe sofort gesehen, dass sie ein Profi ist.»

Der Verteidiger: «Es ist immer das Gleiche. Die anderen sperren die Augen auf: Was, eine Frau? Dann sage ich: Sie ist besser als die Männer. Und dabei ist sie bescheiden, spielt sich nie auf.»

Der Kapitän: «Man merkt, dass sie eine Ausbildung hat. Sie behandelt uns anständig. Sie wird nie aufbrausend.»Der Verteidiger: «Frauen arbeiten heute; Jungs und Mädchen gehen zusammen aus. Die Türkei ist nicht mehr die alte. Als meine Freundin die Trainerin gesehen hat, sagte sie allerdings, ich solle ihr bloss keine schöne Augen machen.»

Der stolze Vater

Özgür Gözüacik. Der Vorname bedeutet «frei». Geboren wird sie im Oktober 1981 in Kastamonu, in der Nähe des Schwarzen Meeres. Der Vater ist Lehrer, die Mutter betreibt zwei kleine Läden. «Mein Vater war der Emotionale, meine Mutter die Tatkräftige», sagt Gözüacik. «Sie sagte: ‹Lass dich bloss nicht von den Männern unterkriegen.›» Der Vater nimmt sie mit auf den Fussballplatz, wo er die Jungs trainiert. Als sie 13 ist, schreibt sie sich heimlich für ein Mädchenturnier ein. Der Vater ist stolz, die Mutter mault: «Andere Mädchen machen sich schön – und du rennst immer nur in Trainingsanzügen herum und schleppst mir den ganzen Dreck von Kastamonu ins Haus.»

Sie beginnt, mit den Männern zu trainieren, bekommt bald ein Angebot von einem Verein in Adana: erste Frauenliga. Sie ist 16, der Vater schickt sie ganz allein auf die 15-Stunden-Fahrt: «Ich vertraue dir», gibt er ihr mit auf den Weg: «Vertrau dir selbst.» Später geht sie nach Samsun, studiert Sport, macht dort ihre Trainerlizenz, wird nebenbei als Spielerin mit der Frauen-Mannschaft von Samsun 2001 türkische Meisterin.

Sie selbst hatte Glück mit den Männern

Ihre Studienfreundinnen wurden alle Lehrerinnen. Özgür Gözüacik aber sagt: «Ich wollte trainieren. Und zwar Männer.» Mit Männern verstehe sie sich besser. «Die sind geradliniger. Frauen sind so kompliziert.» Geradliniger? Nicht immer. Als 2004 der erste Verein sie haben wollte, da sprachen die Funktionäre bei ihrem Vater vor. «Als wollten sie um meine Hand anhalten.» Beim Drittligaverein Catalzeytinspor dann klopfte der Vorstand bei ihr selbst an. «Sie hat studiert. Sie hat die Uefa-Lizenz. Also wollte ich sie», erzählt Ex-Vorstand Hasan Özbey. «Klar gab es Zweifler. Aber Özgür hat sie alle zum Schweigen gebracht durch ihren Erfolg.» Sie krempelte die Mannschaft um, sie sagt: «Ich habe gemerkt, je älter sie waren, umso grösser die Klappe und umso schlechter der Fussball. Die Jungen, die brennen.»

Fussball ist überall auf der Welt Männersache. Erst recht im Macholand Türkei. Wie geht sie um mit all den Egomanen, den Spöttern, Maulern? Özgür Gözüacik zuckt mit den Schultern: «Sie lernen mich kennen. Dann ist das schnell vorbei.» Anfangs brüllten auch die Fans des eigenen Vereins die feindlichen Anhänger so nieder: «Ihr Flaschen! Verliert sogar gegen eine Frau.» Das ist vorbei. Die türkischen Männer, sagt die Trainerin, hätten noch einiges zu lernen. «Sie werden lernen, dass Frauen ihnen ebenbürtig sind. Sie werden verdauen müssen, dass auch Frauen in der Fussballwelt herrschen.» Özgür Gözüacik möchte ein Beispiel geben. Frauen, findet sie, sollten gefälligst den unterwürfigen Blick ablegen. Und die Männer sollten bitte schön «ihrer Pflicht nachkommen». Nämlich? «Zum Beispiel ihre Töchter zum Fussballtraining bringen.» Sie selbst hatte Glück mit ihren Männern. Dem liebevollen Vater folgte ein Ehemann, der bei jedem Spiel dabei ist.

Ein Land der Widersprüche

Die Türkei, meint die Trainerin, werde immer freier, das Leben für die Frauen immer besser. Natürlich weiss sie, dass das nicht für alle gilt. Die sich rasant wandelnde Türkei ist ein Land der Widersprüche. Hier gibt es mehr Bankerinnen und Professorinnen als in den meisten Ländern des Westens – gleichzeitig arbeitet nicht mal jede vierte Frau, und unter 3000 Bürgermeistern finden sich gerade mal zwei Dutzend Frauen. An den Schulen ist es Mädchen erst seit knapp zwei Jahren erlaubt, beim Fussball oder Ringen mitzumachen.

Ihr Status als einzige Frau in einer Arena schwitzender, kämpfender, fluchender Männer, als junge, blonde und hübsche Frau zudem, hat Özgür Gözüacik eine bescheidene Prominenz eingebracht, aber viele Presseanfragen lehnt sie ab: Die Männerfantasien türkischer Redaktoren kennt sie mittlerweile in- und auswendig (kein Interview, das nicht vor allem um die eine Frage kreiste, wie das denn sei, sie als Frau in der Umkleidekabine der Spieler). Sie ist ernst, fokussiert, alles andere als ein Showgirl, aber sie moderiert eine Fussball-Talkshow auf dem kleinen Kabelsender Kanal T. Sie erzählt von der nächsten Sendung, in der es um die Frauen-Nationalmannschaft gehen soll und um das talentierte kurdische Mädchen, das eben erst für das Team entdeckt wurde: Ein Mädchen mit Kopftuch, viele in ihrem Clan wollten sie nicht ziehen lassen. Nun lebt sie in einem Internat. Weil sie Shorts anziehen muss, um Fussball zu spielen, kam eigens der Grossvater angereist, um sich das Treiben anzusehen.

«Alle im Verband hatten Angst», erzählt Gözüacik: «Hilfe, der Kurden-Clan kommt. Aber dann kam der Grossvater – und es gefiel ihm. Sie darf jetzt spielen.» Burak Ölmez, der Produzent der Fernsehshow, sagt, die Trainerin habe den Männern bewiesen, dass sie mehr vom Fussball verstehe als die meisten von ihnen. «Dafür kann sie nicht kochen. Sie hat uns einmal eingeladen und sich das Essen heimlich von ihrer Mutter bringen lassen.»

Am Ende reicht es nicht

Gegen Ende der Saison. Im Stadion Torjubel. Die Spieler springen aufeinander, bald rollt der Jubelknäuel übers Feld. Sie umarmen den Assistenztrainer, reissen ihn zu Boden, dann laufen sie zur Trainerin, keine Umarmung hier: Sie hebt die Arme, man klatscht einander ab. Catalzeytinspor gewinnt an dem Tag mit 2:1. Der Verein liegt nur knapp hinter dem Tabellenführer – aber am Ende wird es nicht reichen. Im nächsten Spiel erkennt der Schiedsrichter ein Tor des Vereins nicht an. Die Anhänger toben. Der Schiedsrichter bricht das Spiel ab. Fans und Funktionäre stürmen das Feld. «Wir haben versucht, den Schiedsrichter zu schützen, ich und die Spieler», erzählt Özgür Gözüacik. «Aber einer unserer Funktionäre hat ihn dann mit der Faust im Gesicht erwischt.»

Das war das Ende. In den verbleibenden Spielen hatte der Verein nicht nur die gegnerischen Mannschaften, sondern auch noch alle Schiedsrichter gegen sich. Es hagelte Rote Karten für Nichtigkeiten. Sie wurden schliesslich Dritter. In einem Café am Bosporus lässt Özgür Gözüacik die Saison Revue passieren. «Die Spieler haben Angst, dass ich nun gehe», sagt sie. «Sie üben Druck aus, sagen: ‹Nächstes Jahr werden wir Meister. Bestimmt! Und wenn du aufhören willst, ziehen wir vor euer Haus und machen einen Sitzstreik.› Sie versuchen, mich im Herzen zu treffen.» Sie hat Träume. Irgendwann zu Fenerbahce, dem Rekordmeister, das wärs. Für das Jahr 2012 hat sie sich zwei Dinge vorgenommen: die Trainer-A-Lizenz der Uefa. Und ein Baby. Ein Mädchen oder ein Junge? «Ein Fussballer.» Ehemann Gökhan sagt, ihre Freunde frotzelten schon: «Du wirst sehen, du kriegst einen Sohn, und der wird Ballerina werden wollen.» Seine Frau zuckt mit den Schultern. «Soll er auf dem Fussballplatz tanzen. Wie Ronaldinho.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2012, 20:28 Uhr

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