Leben

25 Jahre sind genug

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 20.10.2011 2 Kommentare

Die Zahl der Scheidungen nach langjähriger Ehe hat rapide zugenommen. Vor allem Frauen zwischen 50 und 60 wollen ihr Leben noch einmal neu gestalten.

Noch nicht zu alt, um ein neues Leben zu beginnen: Maria Shriver hat nach mehr als 25 Ehejahren mit Arnold Schwarzenegger und dem Auffliegen seines Seitensprungs die Scheidung eingereicht.

Noch nicht zu alt, um ein neues Leben zu beginnen: Maria Shriver hat nach mehr als 25 Ehejahren mit Arnold Schwarzenegger und dem Auffliegen seines Seitensprungs die Scheidung eingereicht.
Bild: Keystone

Studienteilnehmer gesucht

Ein Forschungsteam der Universität Bern (unter Professorin P. Perrig-Chiello) führt eine vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Studie durch, die das Stressverhalten nach Trennungen untersucht. Gesucht werden Personen zwischen 40 und 90 Jahren, welche in den letzten zwei Jahren eine Trennung, Scheidung oder Verwitwung nach langjähriger Partnerschaft erlebt haben.

Die Universität Zürich sucht ihrerseits deutschsprachige Paare, die seit mindestens einem Jahr in einer festen Partnerschaft leben. Das Projekt Sinergia Pasez untersucht, wie Beziehungen am besten funktionieren und wie sich enge Bande entwickeln.

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Die ersten zehn Jahre ihrer Ehe waren nicht schlecht. Gerda (54) und Jens (58) hatten sich ein Reihenhaus gekauft. Sie, die ehemalige kaufmännische Angestellte, kümmerte sich um die beiden kleinen Kinder, er arbeitete im Management eines grossen Unternehmens. Man führte, wie sich Gerda erinnert, anfänglich ein sorgenfreies, normales Leben. Doch die Arbeitsbelastung für Jens nahm zu, sie fühlte sich je länger, je mehr allein gelassen und unzufrieden in ihrem Hausfrauendasein. Die beiden stritten sich oft und auch körperlich kamen sie sich abhanden. «Unser Sexualleben war ehrlich gesagt dürftig», sagt sie im Buch «Es ging doch gut, was lief denn schief?».

Man ist gemeinsam einsam

Die berührenden Erfahrungsberichte, welche die deutsche Journalistin und Autorin Sissi Traenkner vor einiger Zeit zusammengetragen hat, lassen tief blicken. Die befragten Paare nahmen jahrelang Dinge in Kauf, die – von aussen besehen – schier unglaublich wirken: zermürbende Streitereien, 20 Jahre keinen Sex, Langeweile. Jeder lebt sein Leben und richtet sich darin ein. Man ist gemeinsam einsam. Gerda sagt: «Wenn ich heute zurückdenke, hatten wir von den 32 Jahren Ehe nur die ersten 12 Jahre Sex. In den letzten 20 Jahren passierte nichts mehr.» Lange zögerte sie, unternahm Ausbruchsversuche mit anderen Männern, bis sie sich schliesslich doch von ihrem Ehemann trennte. Heute fragt sie sich: «Warum habe ich diese Bruder-Schwester-Ehe nur so lange akzeptiert? Das konnte doch nicht funktionieren!»

Nun ist eine Trennung nach 25, 30 Jahren nicht vergleichbar mit einer nach dem berüchtigten siebten Jahr, das – statistisch gesehen – noch immer das gefährlichste ist. Wenn junge Paare sich trennen, hat es halt nicht gereicht. Wer aber ein Vierteljahrhundert zusammen war, Kinder aufgezogen hat, vielleicht ein Haus gekauft und Hoch und Tiefs miteinander durchlebt hat, trennt sich nicht aus Lust und Laune. Dennoch wagen immer mehr Paare den Schritt. Die Zahlen sind markant: In den letzten 20 Jahren hat sich in der Schweiz die Zahl der Scheidungen in fortgeschrittenem Alter fast verdoppelt (von 2800 auf 5200). In den 60er-Jahren lag das Scheidungsrisiko für langjährig Verheiratete noch bei 10 Prozent. In den 90er-Jahren kletterte es auf 20 Prozent, 2009 lag es bei 30 Prozent. Inzwischen muss man sich schon fast rechtfertigen, wenn man nach 20 Jahren noch zusammen ist.

Männer bekommen offenbar wenig mit

In zwei Dritteln aller Fälle ist es die Frau, welche die Initiative zur Trennung ergreift. Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie an der Uni Zürich und führender Experte in der Paarforschung, erstaunt das nicht: «Frauen sind kritischer der Partnerschaft gegenüber, realisieren Probleme stärker und versuchen, diese gemeinsam zu lösen. Männer sind häufig konfliktscheu und gehen den Problemen aus dem Weg. Wenn Frauen dann die Scheidung vorschlagen, fallen die Männer aus allen Wolken, da sie nicht bemerkt haben, wie kritisch es effektiv um ihre Partnerschaft stand.»

Männer bekommen offenbar während der Ehe wenig mit und sind letztlich die Verlierer. «Frauen leiden vorher, Männer hinterher», sagt Insa Fooken. Die Professorin für Psychologie an der Universität Siegen hat in über 100 Interviews mit spät Geschiedenen festgestellt, dass es in den Frauen lange gäre. «Das sind keine Kurzschlüsse. Im Gegenteil: Ich habe mich während meiner Studie oft gefragt, warum die Frauen den Schritt nicht eher gemacht haben.» Frauen wollten Klarheit, so Fooken, Männer hingegen richteten sich ein und hätten oft Nebenbeziehungen.

Früher hat man sich mit 60 Jahren in einer unbefriedigenden Ehe gesagt: Das halte ich noch aus. Heute denkt man: Das tue ich mir nicht länger an! Frauen gehen die Sache heute viel aktiver an, sie sind selbstbewusster und oft auch finanziell selbstständiger. Und sie sind meistens besser vernetzt als ihre Männer, was eine Trennung erleichtert. «Viele suchen auch den ‹Kick›, das erotisch Prickelnde, das in langjährigen Beziehungen häufig verloren geht», sagt Guy Bodenmann.

Anlass, Bilanz zu ziehen

Ein weniger prickelnder, dafür typischer Auslöser ist der Renteneintritt – wenn das Paar plötzlich ständig miteinander konfrontiert ist und der Mann keine Aufgabe mehr hat. Wenn die Kinder ausziehen oder die Eltern sterben und der Alltag gravierend aus dem Takt gerät. Dann will man das Leben neu ordnen, denn mit 60 hat man heute noch 25 gute Jahre vor sich, die es zu nutzen gilt. Die letzte Dekade soll nicht mit Kompromissen befrachtet sein. Es tönt lapidar, doch symbolische Daten wie der 50. oder 60. Geburtstag oder der 25. Hochzeitstag sind oftmals Anlass, Bilanz zu ziehen. Der Mensch braucht offenbar messbare Einheiten, um sich selbst Rechenschaft abzulegen. Will ich so weitermachen? Womöglich ist der Partner ja krank und wird pflegebedürftig. Wenn man sich nicht mehr liebt, ist eine solche Aussicht erschreckend.

Und nach der Trennung? Kommt dann die grosse Euphorie? Psychologen sind sich einig, dass die Chancen für eine erfüllte Zeit nach der Scheidung gut stehen, wenn man die gescheiterte Beziehung eingehend reflektiert. Doch Männer schlüpfen häufiger als Frauen vor allem nach langen Ehen gleich wieder in eine neue Beziehung. Wenn sie allein bleiben, geht es ihnen schlecht. Sie sind depressionsgefährdet, gerade weil sie sich die Trauer oft nicht zugestehen. Tatsächlich gehören Männer über 65 in der Schweiz zur Hochrisikogruppe der Suizidgefährdeten. Guy Bodenmann sagt: «Studien zeigen, dass die Zahl an Fremd- oder Selbstgefährdungen, an Unfällen, Krankheiten und Hospitalisationen nach Scheidungen signifikant erhöht ist.»

Frauen kommen besser klar

Frauen hingegen kommen mit der Trennung im Allgemeinen besser klar, obwohl auch bei ihnen nach der ersten Euphorie, es geschafft zu haben, eine mitunter mehrjährige Trauerphase einsetzt. Sich einzugestehen, dass man jahrelang in einen Lebensentwurf investiert hat, der nicht hält, ist schwierig. Da kann Bitterkeit aufkommen.

Auch Gerda fühlte sich zunächst oft einsam, wenn sie abends allein zu Hause sass: «Ich muss mich erst mal mit meiner Situation als Single zurechtfinden. Aber ich bin sicher, ich schaffe das», sagte sie nach der Trennung. Inzwischen fragt sie sich, warum sie den Schritt nicht schon früher gewagt hat. Ein Partner, mit dem sie guten Sex hat, gibt es auch. Ob mehr draus wird, ist offen.

Guy Bodenmann, Caroline Fux Brändli: Was Paare stark macht. Beobachter-Verlag, Zürich 2011. 223 Seiten, ca. 39 Franken.

Sissi Traenkner: Es ging doch gut, was lief denn schief? Paare berichten über ihre langjährige Beziehung. Droemer-Knaur, München 2008. 331 Seiten,
ca. 14 Franken.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2011, 16:33 Uhr

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2 Kommentare

Ralf Schrader

20.10.2011, 18:32 Uhr
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Es läuft nichts schief, die Menschen werden nur älter. Wer mit 45 Jahren stirbt oder das gar nicht erreicht, der Normalfall bis 1945, kann sich nicht mit 50 scheiden lassen. Die Zahl der Scheidungen ab dem Alter x muss man ins Verhältnis zur Anzahl Lebender in diesem Alter setzen. Dann hat sich gar nichts geändert. Es ist eine Unsitte, absolute Zahlen zu publizieren. Antworten


Adrian Bühlmann

20.10.2011, 20:27 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Prekär wird's in der Schweiz dann mit der Altersvorsorge der Frau bei langen Ehen mit klassischer Rollenteilung wenn der Mann bei der Scheidung schon pensioniert war: Nach dem Tod des Ex gibt's dann bei diversen PKs nur noch eine Sackgeldrente, weil diese nur Minimum nach BVG zahlen. D.h. z.B. dass die PK-Beiträge vor 1.1.1985 bei der Berechnung der Rente ignoriert werden.
Siehe wp.me/p14Jq1-1k
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