Warum das Ei uns weich werden lässt

In diesen Tagen zerstören wir Eier. Tun wir es mit Bedacht – denn jedes Einzelne ist ein kleines Wunder.

Gibt es ein stimmigeres Design als das Ei? Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Gibt es ein stimmigeres Design als das Ei? Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

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Für eine Woche hüte ich im Appenzellerland den Hof der Schwester und ihrer Familie; sie hält neuerdings Hühner. Allerdings wollen die Hennen noch keine Eier legen, vielleicht hat sie der Ortswechsel verstört. Um ihnen einen Hinweis darauf zu geben, was man sich von ihnen erhofft, platziere ich im Hühnerhaus auf der Legefläche ein Kunststoffei. Ein bekannter Trick offenbar.

Zwei Tage später öffne ich morgens den Stall, die Hennen samt dem Güggel stolzieren über die Treppe ins Freie, und tatsächlich! Auf dem mit Sägemehl bestreuten Holzbrett liegt neben der Attrappe ein echtes Ei. Schmächtig ist es und von sanftem Braun, man wagt es kaum zu fassen. Und wie es sich in die Hand schmiegt. Ich bin gerührt, so ein Ei ist ein kleines grosses Wunder.

Keine bessere Zeit, des grandiosen Gegen­standes Ei zu gedenken, als jetzt an Ostern, da alle Welt gefärbte Eier tütscht. Und Osternestli mit Hühner­eiern, Schoggieiern und Monsternougat­eiern verschenkt. Oder gar gemäss altem Brauch auf der Wiese Eier wirft. Man kommt ins Sinnieren: Gibt es in der essbaren Natur und überhaupt ein stimmigeres Design als das Ei, das man erst noch auf tausend Arten zubereiten kann?

Himmel und Erde aus der Schale

Kurzer Exkurs zum Kochen: In der hiesigen Gastronomie liegt das Onsen-Ei im Trend. ­«Onsen» ist japanisch und bezeichnet eine heisse Quelle, in der man natürlich auch ein Ei garen kann. Rund eine Stunde dauert das bei 60 bis 70 Grad, und ein wenig vom salzig-schwefligen Geschmack des mineralhaltigen Wassers geht gern auf das Ei über. Wobei bei uns Hightech-­Küchengeräte an die Stelle der Quelle treten.

Und damit wieder zum Ei als Highlight der Schöpfung. Okay, es gibt Kandidaten, die punkto Bauart und Ästhetik auch begeistern und ebenfalls munden. Man möchte sie nicht missen und schätzt sie sehr: Die Erdnuss etwa als dreidimensionale Acht. Die Avocado mit ihrem geschmirgelten Kern wie aus Ebenholz. Sowie die Himbeere, dieser kleine rote Samthut.Und doch ist das Ei noch einmal höher zu rangieren – es ist schlicht vollkommen. Nicht ungefähr haust in der Mythologie der Hindus der Gott Brahma in einem goldenen Ei. Als er es verlässt, baut er aus den zwei Schalenhälften den Himmel und die Erde. Das Ei ist in kosmischer Hinsicht der Erdkugel also ebenbürtig.

Wobei die Erdkugel mit ihrem eigenen Namen ein kleines Problem hat: Sie ist ja nicht wirklich eine Kugel, sondern leicht länglich. Sie tendiert zum Ei. Und wenn wir die zwei ähnlichen Objekte als Konkurrenten betrachten – die Kugel und das Ei –, so ist das Ei aus zoologischer Sicht überlegen: Tierkundler weisen darauf hin, dass kugelförmige Eier viel zu leicht aus dem Nest kullern würden.

Die Eier von Vögeln, die in Klippen brüten, sind genau darum etwas länglicher und schmaler als das Durchschnittsvogelei; so rollen sie noch weniger und sind noch besser vor dem Absturz geschützt. Und was das Ei als Wachstumsgehäuse für neues Leben ausserdem ideal macht: Platziert man Eier nebeneinander, ist zwischen ihnen weniger Raum als bei Kugeln. Das heisst, dass weniger kostbare Wärme verloren geht.

Mathematiker verstehen es nicht

So ist das Ei in jeder Hinsicht ein grosser Formklassiker dieser Welt. Anzufügen sind in dieser Hommage nun drei Details. Erstens: Eine Eierschale ist knapp einen halben Millimeter dick. Wenn sie doch ziemlich stabil ist, dann, weil Druck von aussen sich auf der konturlos ­einheitlichen Oberfläche perfekt verteilt.

Zweitens: Mathematiker bemühen sich offenbar seit Jahrhunderten, eine mathematische Formel für die Eiform zu finden. Bisher sind sie gescheitert. Die Eiform ist nicht definiert wie beispielweise Kreis und Ellipse, sie bleibt Mythos und Mysterium.

Und drittens: Ein Straussenei hat einen Durchmesser von 15 Zentimetern und wiegt gut anderthalb Kilo. Der glatte und helle Gegenstand lud vor der Erfindung des Papiers dazu ein, darauf zu zeichnen. Und so verzierten schon die Steinzeitler Strausseneier mit Schmuckelementen und Gravuren.

Hat man die umfassende Genialität und Magie des Eis einmal bedacht, gibt es an Ostern eigentlich bloss ein Problem: Man getraut sich fast nicht, das Wunderwerk schnöd zu zertrümmern und zu essen. Ehrfurcht ist jedenfalls angebracht – behandeln wir das Ei mit Respekt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2017, 18:48 Uhr

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