Romands und Deutschschweizer gehen mit Food Waste anders um

Was tut man mit überflüssigen Lebensmitteln? Wegwerfen? Neu verkaufen? Verschenken? Romands und Deutschschweizer haben unterschiedliche Antworten.

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Der Umgang mit überflüssigen, aber noch essbaren Lebensmitteln ist diesseits und jenseits des Röstigrabens nicht derselbe: Während Deutschschweizer vermehrt auf Handel setzen, verteilen Romands nicht mehr Verkäufliches an Bedürftige, um Food Waste zu verhindern.

Zu einem Tiefpreis verkaufen, was im Handel nicht mehr abzusetzen ist, lautet das Motto in der Deutschschweiz. Die «Äss-Bar» zum Beispiel gibt es seit Ende 2013 in Zürich und seit kurzem auch in Bern. Sie kauft in Bäckereien nicht verkauftes Brot, Backwaren und Patisserie auf und setzt sie am nächsten Tag stark verbilligt ab.

Das Publikum ist bunt gemischt: Das Angebot lockt Studentinnen und Studenten an, aber auch Menschen, die in der Umgebung arbeiten und, in Zürich, auch Touristen», sagt Sandro Furnari, einer der Gründer.

Unförmiges Gemüse im Qualitätsmenü

Eines der neusten Zürcher Projekte nennt sich «Zum guten Heinrich». Die Idee dahinter: Qualitäts-Menüs mit überflüssigem und unförmigem Gemüse zubereiten, wie Lukas Bühler, einer der drei Gründer, sagt. Ab Mai wollen sie mit ihrem «Food Bike» in Zürich unterwegs sein.

Die Take-Away-Gerichte holt sich die Kundschaft - im Visier sind «young urban professionals» - in wiederverwendbaren Gefässen. Das Trio will ein attraktives Bild von der Lebensmittelverschwendung vermitteln, «weg vom Klischee des Hippies in Birkenstock-Sandalen», wie Bühler sagt.

Nicht oder nicht mehr verkäufliche Esswaren einer Verwendung zuzuführen, ist nicht neu. Organisationen wie Schweizer Tafel oder Tischlein deck dich sind auf diesem Gebiet schon seit fast 15 Jahren aktiv. Sie verfolgen wohltätige Zwecke und verteilen bei Grossverteilern nicht verkaufte Lebensmittel gratis an Bedürftige.

Dass die kommerziellen Anbieter dies nicht tun, kritisiert Baptiste Marmier, verantwortlich für Schweizer Tafel in den Kantonen Waadt und Neuenburg. Müsse für das Abbauen der Abfallberge bezahlt werden, seien Bedürftige ausgeschlossen, während die Geschäfte profitierten.

«Ein Teufelskreis»

Marmier nennt es einen Teufelskreis: «Kann man aus Abfall finanziellen Profit schlagen, ermutigt das nicht dazu, die Menge von Abfall zu reduzieren.» Viel verdienen allerdings auch die Zürcher Firmen nicht.

Bei der «Äss-Bar» läuft das Geschäft zwar und der Erlös deckt die Ausgaben. Doch: «Wir müssen viel verkaufen, damit es sich lohnt», sagt Furnari. Er will das Geschäftsmodell vorantreiben, obwohl er weiss, dass es ihn nicht reich machen wird. Die Besitzer erhalten kein fixes Salär.

Für die drei Gründer von «Zum guten Heinrich» fliesst noch kein Geld. Ihre Menüs sind für rund 15 Franken zu haben. Obwohl sie ihr «hässliches» Gemüse vergleichsweise günstig bekommen, kostet die Extra-Arbeit: Denn das Gemüse muss gefunden, aussortiert und dann separat gerüstet werden.

Ideen aus Deutschland

Marmier von Schweizer Tafel sieht für den Unterschied zwischen Deutschschweiz und Westschweiz kulturelle Gründe. Deutschschweizer holten sich eher Ideen aus Deutschland, das in Umweltthemen weiter voran sei als Frankreich, an dem sich Westschweizer eher orientierten.

Schon die Kehrichtsackgebühr sei in der Deutschschweiz viel früher eingeführt worden als in der Westschweiz. Und Deutschschweizer seien eher bereit, für das Recycling von Abfällen zu bezahlen.

Eine deutsche Idee ist allerdings auch in der Romandie und in Frankreich angekommen: Studierende an den Universitäten Neuenburg und Lausanne sowie der ETH Lausanne organisieren Anlässe namens «Disco Suppe» - zu Hintergrundmusik wird aus unschön geformtem Gemüse Suppe zubereitet. (rsz/sda)

(Erstellt: 23.04.2015, 14:19 Uhr)

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