Leben

Nette Frauen werden schneller dick

Die US-Psychologin Karen Koenig hat eine bemerkenswerte These formuliert. Im Interview erklärt sie den Zusammenhang zwischen Nettsein und Übergewicht. Und was man gegen letzteres tun kann.

Wer zu nett ist, läuft Gefahr, sich zu oft mit Süssem zu trösten: Übergewichtige Frau in den USA mit schlanken Kolleginnen.

Wer zu nett ist, läuft Gefahr, sich zu oft mit Süssem zu trösten: Übergewichtige Frau in den USA mit schlanken Kolleginnen.
Bild: Fotolia

Zur Person Karen R. Koenig

Karen R. Koenig arbeitet als Psychologin mit dem Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie in Sarasota, Florida. In den USA wurde sie als Autorin mehrerer Bücher zum Thema Ernährung und Übergewicht bekannt. Vor kurzem erschien «Warum die nettesten Frauen am schnellsten dick werden». Mosaik bei Goldmann, Fr.16.50.

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Frau Koenig, Sie schreiben in ihrem neuen Buch, dass Übergewicht mit übertriebener Nettigkeit zusammenhängen könnte. Wie sind Sie darauf gekommen?
Karen Koenig: Während meiner langen Arbeit mit essgestörten Frauen beobachtete ich, dass emotionale Probleme sie davon abhielten, weniger und gesünder zu essen. Mir fiel auf, dass viele Angst vor Konfrontationen hatten und Schwierigkeiten, ihre Bedürfnisse zu äussern. Forderte ich sie auf, etwas Positives über sich zu sagen, kam immer nur ein Satz: «Ich bin nett.» Das war alles, was ihnen einfiel, dabei handelte es sich um beruflich sehr erfolgreiche Frauen. Doch dieses Gefühl, ständig nett sein zu müssen, stresste sie offensichtlich sehr, und zur Beruhigung assen sie.

Sie schreiben nur von zu netten Frauen mit Essstörungen. Trifft das denn auf Männer nicht zu?
Doch, ein paar wenige sind mir begegnet. Aber da ich in der Überzahl Patientinnen mit diesem Problem habe, konzentriere ich mich im Buch auf Frauen.

Sie selbst waren auch einmal zu lieb und zu dick. Nahmen Sie ab, indem Sie egoistischer wurden?
Vor vielen Jahren war ich ständig auf Diät und litt zwischendurch an Fressattacken. Ich hatte 20 Pfund zu viel auf den Rippen und Probleme, meine Wünsche zu äussern. Als ich anfing, das zu tun, was ich wollte, änderte sich auch mein Essverhalten.

Warum lassen sich nette Menschen leichter stressen und greifen deswegen vermehrt zu Süssigkeiten?
Sie wollen es allen recht machen, können nicht Nein sagen, und denken, dass sie sich um das Wohlergehen der anderen kümmern müssen. Und stellen dabei ihre Wünsche ganz hinten an. Doch da man täglich in Situationen kommt, in denen man es unmöglich allen recht machen kann, fühlen sie sich gestresst. Als Folge produziert der Körper Cortisol, das zu einer vermehrten Ausschüttung des Neuropeptids Y führt. Und das führt schliesslich zu einer Gier nach Kohlehydraten, die wiederum beruhigend wirken.

Was führt überhaupt dazu, ständig nett sein zu wollen?
Vielfach ist eine schwierige Kindheit der Grund. Nehmen Sie ein Mädchen, das aus irgendwelchen Gründen Elternersatz spielen und putzen, kochen sowie für die jüngeren Geschwister sorgen muss. Kinder, die so aufwachsen, erfahren das bisschen, das ihnen an Bestätigung entgegengebracht wird, nur durch Sorge für die Umwelt. Und haben Angst, dass andere böse werden, wenn sie ihre Pflicht nicht erfüllen. Das erzeugt natürlich Stress.

Sie schreiben, dass sich auch Perfektionistinnen mit Neinsagen schwertun.
Ja, einer Frau, die ständig alles perfekt erledigen möchte, fällt es ebenfalls schwer, Nein zu sagen. Und sie fühlt sich schnell unzulänglich, wenn sie ihren Erwartungen nicht gerecht wird. Die dadurch entstehenden schmerzlichen Gefühle werden dann gerne mit Fastfood oder Kuchen erstickt.

Wer ständig die eigenen Bedürfnisse unterdrückt, wird frustriert und sucht automatisch Trost im Essen?
Die ständige Anspannung oder Furcht führt dazu, dass vermehrt Cortisol produziert wird. Befindet sich der Körper ständig im Stresszustand, werden auf Dauer nicht mehr genügend Botenstoffe wie etwa Serotonin produziert. Doch Serotonin beeinflusst das Sättigungsempfinden und wirkt appetitregulierend. Ein zu niedriger Serotoninspiegel kann daher zu Fressattacken führen. Mittlerweile ist bekannt, dass Kinder, die Traumata wie Misshandlungen in der Familie erlebten, oder die die Verantwortung für die Eltern übernehmen mussten, auch als Erwachsene schneller in Stress geraten. Mit all den Konsequenzen. Leider ist es auch so, dass Kindern, die aus solchen «high stress»-Familien kommen, ausser Essen keine anderen Stressbewältigungsstrategien vermittelt wurden. So suchen sie auch später Zuflucht bei Pommes frites und Torte.

Lassen sich derartige Essstörungen nur mit langjährigen Therapien in den Griff bekommen?
Es ist kein leichter Weg, aber eine Therapie ist nicht immer nötig. Manchen reichen vielleicht schon die Denkanstösse in meinem Buch.

Sie plädieren darin für mehr Egoismus und dafür, sich selbst an die erste Stelle zu setzen. Aber sicher sind auch nicht alle Egoisten frei von Essproblemen?
Ich arbeite schon lange als Therapeutin und habe tatsächlich sehr wenige Egoisten mit Essstörungen erlebt. Und wenn sie zu dick sind, dann aus anderen Gründen als den genannten.

Wie haben Sie damals angefangen, etwas weniger nett zu sein?
Ich begann, öfter Nein zu sagen bei Leuten, die ich gut kannte und zu denen ich Vertrauen hatte. Dann ging es weiter am Arbeitsplatz. In den 80er-Jahren arbeitete ich in einer Werbeagentur, und einer der Männer dort wollte, dass ich ihm einen Kaffee holte. Als ich Nein sagte, wurde er wütend und warf sein Buch an die Wand. Ich weiss noch, wie ich in diesem Moment dachte, dass es sein Problem sei, wenn er sich ärgerte.

Und wo fiel es Ihnen eher schwer, für sich selbst einzutreten?
Bei Männern. Zu der Zeit war ich Single und wollte gefallen. Deshalb ging ich noch lange mit Männern aus, die mir nicht wirklich zusagten. Aber ich gab nicht auf und arbeitete hart an meinem Selbstvertrauen. Noch etwas fällt mir ein: Mir half auch, in meinem Freundeskreis aufzuräumen. Ich trennte mich von Leuten, die nur jammerten, und umgab mich stattdessen mit tatkräftigen, interessanten Leuten. Das führte ebenfalls dazu, dass ich mich besser fühlte und kontrollierter ass.

Das ist aber ein längerer Prozess. Haben Sie vielleicht ein paar Instant-Tipps, die man schnell umsetzen kann?
Sagen Sie jeden Tag einmal Nein, und tun Sie Dinge ohne den Anspruch, perfekt sein zu müssen. Laden Sie zum Beispiel Leute auch dann zu sich ein, wenn die Wohnung nicht perfekt aufgeräumt ist. Und erlauben Sie sich, Fehler zum machen. Das entstresst ungemein. Setzen Sie anderen Grenzen, das nimmt ebenfalls Druck weg. Und vergessen Sie ein für alle Mal den idiotischen Gedanken, dass Sie ein braves, selbstloses Mädchen sein müssen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.08.2010, 13:02 Uhr

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14 Kommentare

marie keller

04.02.2011, 11:17 Uhr
Melden 1 Empfehlung

egoismus ist der falsche ansatz. selbstbewusstsein und akzeptanz sollte massgebend sein. und ich persönlich finde, dass das ideal heutzutage (auch bei den männern) einfach viel zu dünn ist. mag männer mit warmem, weichem bauch. Antworten


Jakob Harzenmoser

12.11.2010, 09:25 Uhr
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"Sagen Sie jeden Tag einmal Nein.." Wer sich solchen simplen, starren Regeln unterwirft, ersetzt einfach einen Zwang durch einen anderen. Einstein hat einmal etwas gesagt, das zum ganzen Artikel passt: Mache die Dinge so einfach wie möglich - aber nicht einfacher. ... Antworten


Annemarie Richard

01.09.2010, 23:55 Uhr
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Meine Behauptung nett und dick hat miteinander rein gar nichts zu tun. Dafür meine ich dass ein PC und dick sein ungeheuerlich viel zu tun hat miteinander. Eine Studie dazu würde erschreckendes hervorbringen. Brasilien wird dicker so in der gestrigen Zeitung. Brasilien auf dem Weg zum Internet. Also liebe Forscher schnell zur nächsten Statistik. Aber bitte nicht mogeln. Antworten


Jean Lenaux

31.08.2010, 07:28 Uhr
Melden 1 Empfehlung

...also die meisten übergewichtigen die ich kenne sind weniger aufgestellt, als die normalgewichtigen. weil sie mit sich und ihrer figur weniger zufrieden sind, weil sie schwerfälliger sind, weil sie weniger leistungsfähig sind weniger erfolge haben, weil sie mehr psychische und psychische probleme haben, weil sie weniger freunde haben, weil sie in jeder werbung sehen, dass sie fett sind. Antworten


Hans Neukom

30.08.2010, 22:35 Uhr
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Gilt auch die Umkehrung:" Dünne Frauen sind nicht nett?". Ist die "Nettigkeit" eine Funktion des Gewichtes? Also z.B. N=Exp[G]. Frauen mit dem Gewicht Null haben dann die Nettigkeit Eins. Eine Frau mit 100 " kg" hat die Nettigkeit N=Exp[100]= 2.69 x10 hoch 43. Da könnte doch eine Studie mit 10 000 Probanden ins Auge gefasst werden. hneuk Antworten


Hans Knecht

30.08.2010, 22:15 Uhr
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"Nette Frauen werden schneller dick", das ist leider logisch, da in einem Wolfsrudel die Sanfmütigsten immer wieder "zerbissen" werden und das schlägt mit der Zeit auf die Psyche, bzw. Gesundheit. Das gilt m. E. auch bei den Männer. Tun sanftmütige Frauen daher nicht gut daran, sich einen "Bodyguard" zuzulegen und in den Haushalt zurück zu ziehen? Antworten


Ronnie König

30.08.2010, 16:39 Uhr
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@ Franz Karrer: Sie haben mich gründlich missverstanden. Ich stehe zwar auf mollige Frauen, aber nicht auf nette. Antworten


Franz Karrer

30.08.2010, 16:03 Uhr
Melden 1 Empfehlung

@Ronnie König. Volle zustimmung. Lieber eine mollige dafür eine nette, liebenswerte und fröhliche Frau. Antworten


Hans Frei

30.08.2010, 15:06 Uhr
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Hauptsache das Buch wird gekauft. Ob es dann gelesen wird ist unwichtig. Antworten


LESLIE MÜLLER

30.08.2010, 15:03 Uhr
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...kommt dazu, dass sich mit Nettigkeit nicht viel Geld verdienen lässt - auch das weiss Schlitzohr Karen Koenig. :-) Antworten


Ronnie König

30.08.2010, 14:18 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich weiss, es widerspricht dem Zeitgeist, aber ich mag mollige Frauen. Antworten


Oliver Hackl

30.08.2010, 14:16 Uhr
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Ich finde die Tipps oberflächlich. Wenn jemand nicht nur gespielt, sondern wirklich selbstlos ist, dann hat er garantiert keinen Stress. Stress macht immer nur das Ego. Es allen recht machen zu wollen hat also nicht wirklich mit Selbstlosigkeit, sondern eben auch mit Egoismus zu tun. Oder hat Jesus etwa versucht es allen recht zu machen? - Eben. Antworten


adrian wehrli

30.08.2010, 13:31 Uhr
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Nett und Übergwicht, das ist eine Pseudokorrelation. Genauso kann man behaupten und belegen, dass Dumm und Dick auch zusammengehören, das lässt sich dann aber als Buch nicht so gut verkaufen ... Antworten


guido Sautner

30.08.2010, 13:25 Uhr
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Bin nicht einverstanden, dass zuerst das Nettsein kommt und dann die Kompensation. Bin der Meinung, dass sich Dicke das Nicht-Nett-sein weniger leisten können als schlanke Menschen. Antworten



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