Leben

Lieblich perlt das CO2 aus dem Schaumwein

Von Thomas Bührke. Aktualisiert am 31.12.2010

Champagner, Prosecco und Sekt haben physikalisch Interessantes zu bieten.

Um zu verhindern, dass Champagner an Spritzigkeit verliert, hilft nur eines: Die Flasche ganz austrinken.

Um zu verhindern, dass Champagner an Spritzigkeit verliert, hilft nur eines: Die Flasche ganz austrinken.
Bild: Keystone

Rund 200'000 Besucher werden heute entlang des Zürcher Seebeckens das neue Jahr begrüssen und dabei die eine oder andere Flasche Champagner entkorken. Dass die perlenden Bläschen des Schaumweins dabei auch das Treibhausgas Kohlendioxid in die Luft befördern, hat Umweltschützer noch nicht auf den Plan gerufen. Das muss es auch nicht, denn die Natur hat dem übermässigen Ausgasen einen Riegel vorgeschoben. Auch in manch anderer Hinsicht bietet die Champagnerphysik überraschende Einsichten, mit denen man jeden fahlen Partytalk beleben kann.

Das Kohlendioxid entsteht durch eine zweistufige Gärung. Dafür versetzt man bereits fertigen Wein mit Hefe und Fruchtzucker. Die Hefezellen wandeln dann in der geschlossenen Flasche den Fruchtzucker in Alkohol und Kohlendioxid CO2 um. Schliesslich enthält eine Dreiviertelliter-Flasche Sekt etwa 9,5 Gramm CO2. Dabei steht sie unter einem Druck von 5,6 Atmosphären. Öffnet man sie, so sinkt der Druck in ihr schlagartig auf 1 Atmosphäre. Nach einem alten physikalischen Gesetz kann eine Flüssigkeit umso mehr Gas in sich lösen, je höher der Aussendruck ist. Jetzt enthält der Sekt plötzlich zu viel CO2, sodass dieses zum Grossteil entweicht. Pro Flasche sind dies um die 8 Gramm. So viel stösst ein moderner Mittelklassewagen auf einer Strecke von rund 70 Metern aus.

Was die Spritzigkeit erhält

In der Schweiz werden jährlich rund vier Millionen Flaschen Schaumwein entkorkt. Macht summa summarum 32?Tonnen CO2. Das entspricht der Emission von immerhin tausend Autos, die jeweils 280 Kilometer weit fahren, oder knapp einem Millionstel der jährlichen schweizerischen CO2-Emissionen.

Das schlagartige Entweichen des CO2 verhindert jedoch die Natur. Damit das Gas überhaupt aus der Flasche kann, muss es nämlich Bläschen bilden. Doch das ist ohne zusätzliche Hilfe nicht möglich. Ein Blick ins Glas beweist dies: Die Bläschen bilden sich nämlich nicht überall, sondern nur an bestimmten Stellen der Glaswand. Ursache hierfür sind winzige, mit dem blossen Auge nicht erkennbare Unregelmässigkeiten wie Kratzer oder auch Baumwollfasern vom Abtrocknungstuch. An diesen Keimen sammelt sich das CO2 und bildet eine Miniblase.

Erst wenn diese eine Grösse von etwa einem Tausendstelmillimeter erreicht hat, kann sie durch ein weiteres Aufsammeln von CO2-Molekülen allein weiterwachsen. Gäbe es dieses Phänomen nicht, würde der Schaumwein nach dem Öffnen ruck, zuck einen Grossteil des CO2 verlieren und schal werden. Wie viel er wirklich verliert, wurde bisher noch nie gemessen.

Die Nase trinkt mit

Beim genauen Betrachten einer Perlenkette fällt auf, dass die Bläschen während des Aufstiegs immer grösser und schneller werden. Der Grund ist einfach: Während eine Blase zur Oberfläche steigt, löst sich weiteresCO2 in ihr. Sie bläht sich auf, sodass Auftrieb und Steiggeschwindigkeit grösser werden.

Ist die Flasche einmal offen, stellt sich die Frage, welche Glasform die Frische des Champagners am besten erhält, Tulpe oder Schale. In der Tulpe legen die Bläschen im Durchschnitt einen grösseren Weg bis zur Oberfläche zurück als in der Schale und können so grösser werden und mehrCO2 heraustransportieren. Andererseits ermöglicht es eine grössere Oberfläche, dass mehr Blasen aufsteigen. Messungen des Chemikers Gérard Liger-Belair von der Universität in Reims haben ergeben, dass Schaumwein in der Schale rund doppelt so schnellCO2 verliert wie in einer Tulpe, womit diese eindeutig besser geeignet ist.

Austrinken lohnt sich

Übrigens trägt das Prickeln des Champagners nach Meinung der Experten erheblich zum Genuss bei. Dies hat seine Ursache in den zerplatzenden Bläschen an der Oberfläche. Dabei entweicht nicht nurCO2, sondern es spritzt auch Wein in die Luft. Beim Trinken gelangt so ein wenig von dem Nass auch in die Nase, was uns den Geschmack noch intensiver erleben lässt. Man sieht: Die Nase trinkt mit.

Bleibt eine halb volle Flasche übrig, steht man vor dem Problem, die Spritzigkeit des edlen Getränks zu erhalten. Eines sei gleich gesagt: Das angeblich bewährte Hausmittel, ein Silberlöffel im Flaschenhals würde das Entweichen von CO2 verhindern, ist Unsinn. Schon vor Jahren konnten Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie im deutschen Pfinztal experimentell beweisen, dass der Trick nichts bringt. Am besten ist es, die Flasche kalt zu stellen und eventuell mit einem Plastikkorken zu verschliessen. Bei einem Naturkorken lösen sich beim Hineindrücken in die Flasche leicht kleine Teile ab. Sie fallen in den Schaumwein und wirken dort als Keime für CO2-Blasen. Am besten trinkt man die Flasche einfach bis zur Neige aus. Prosit Neujahr! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 20:57 Uhr

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