Danach leckt sich so manch einer die Finger

Von Paul Imhof. Aktualisiert am 27.07.2011

Eine Sommerparty ohne Häppchen? Unvorstellbar! Ob Canapés, Bruschette oder Friandises: Fingerfood setzt der kulinarischen Fantasie keine Grenzen.

Zugreifen ist erlaubt: Fingerfood in allen Varianten.

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Der Gast greift gern mit Fingern zu. Sei es am Cocktailempfang, am Bartresen oder an einer Party. Es ist dies eine rationalisierte Form des sich Ernährens, man muss an keinem Tisch Platz nehmen und darf viele Formalitäten ignorieren. Der Mensch setzt Daumen, Zeige- oder Mittelfinger wie einen Greifkran ein und futtert handlich portioniertes Essen, Fingerfood genannt, was auf die Herkunft dieser Sitte verweist.

Als «Neudeutsch, nach amerikanischer Manier vereinfachte Sammelbezeichnung für alle bislang fein differenzierten Appetithappen» beschreibt «Das Gourmet Handbuch» Fingerfood. Unter dieses Wort fallen ganze kulinarische Welten: Canapés, Bruschette, Frivolités, Gourmandises, Savouries oder Friandises. Im «Larousse gastronomique», dem Klassiker der kulinarischen Lexika und Enzyklopädien, existiert der Begriff Fingerfood nicht, ebenso wenig im «Oxford Companion to Food».

Die Hand ist sauberer als das Besteck

Die Finger statt eines Bestecks zu benutzen, ist allerdings nichts Neues. Denn vor langer Zeit haben auch unsere Vorfahren mit den Fingern gegessen. Anfänglich gar das rohe Fleisch mit den Zähnen aus Kadavern gerissen, dann im spitzen Stein das Wesen des Messers erkannt, den Löffel erfunden und am Ende, nach mehreren Jahrhunderten langsamer Entwicklung, auch die Gabel, woraus eine höchst komplexe Tafelkultur erwuchs, die nun wieder zu kippen droht.

Fingerfood hat nichts gemein mit der Esskultur Indiens oder Arabiens, wo man sich auch heute lieber seiner Finger bedient, statt mit hartem Besteck schön angerichtete Speisen zu attackieren. Dort sind die Bewegungen sorgfältig, mit Bedacht ausgeführt und nicht bloss nebenbei wie bei unserem Stehapéro, wo der Happen vor allem dazu dient, die Wirkung der Cocktails zu dämpfen. Für Menschen, die aus Tradition mit ihren Fingern essen, «ist die Hand sauberer, wärmer und beweglicher als Besteck», schreibt Margaret Visser in «The Rituals of Dinner». Hände machen keinen Lärm, sind anmutig und empfänglich für Textur und Temperatur der Speisen.

Zwei Hände müssen reichen

Ein komplexes Regelwerk beherrscht diese Tafelrunden, das Mahl steht im Mittelpunkt, nicht die Party. Gegenseitige Rücksichtnahme wird erwartet, die Finger müssen sauber sein, wenn man sie in die Töpfe taucht. Richtet sich die Dame die Frisur oder zupft der Mann seinen Bart, unterbrechen die andern ihr Essen und warten, bis die Nebenbeschäftigungen wieder von den Fingern gewaschen worden sind. Übertroffen wird die Kunst des Speisens mit den Fingern nur durch deren Verlängerung, die Essstäbchen.

Fingerfood dagegen ist entrückt von Fingerfertigkeit. Das Essen soll ungezwungen sein, frei von Geziertheit, Geboten und Verboten. In der einen Hand das Häppchen, in der andern das Tellerchen, an dem vielleicht noch, Prunkstück des Praktischen, der Hängehalter fürs Glas steckt, denn der Mensch hat nun einmal nur zwei Hände. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.07.2011, 09:01 Uhr

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