Expedition Grimsel - das Protokoll
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 01.03.2010
Stichworte
Zweitägige Winterwanderung auf den Grimselpass und retour
Route: Oberwald Bahnhof – Oberwald Dorf – Hotel Rhonequelle – Hotel Grimselblick und zurück.
Dauer: Hinweg knapp 4 Stunden, Rückweg gut eine Stunde weniger.
Höhendifferenz: 850 Meter aufwärts, 50 abwärts am ersten Tag. Umgekehrt am zweiten Tag.
Charakter: Weit, anstrengend. Aber eine perfekt gespurte, breite und gefahrlose Piste. Bis zum Hotel Rhonequelle auf der Passstrasse Richtung Gletsch, danach auf einem eigenen Winterweg mit vielen Kehren.
Höhepunkte: Die Bergwelt der Grimsel. Die Ankunft im „Grimselblick“. Das Himmelbett.
Tipp: An Wochenenden ist das Passhotel oft voll. Unter der Woche hat man mehr Ruhe.
Einkehr: „Rhonequelle“ (feine Walliser Teller) und „Grimselblick“.
05.30: Freitag, der Wecker schrillt, Widmer flucht. Dann zuckt ein Erinnerungsblitz: Heute will er auf die Grimsel. Er hat ein Zimmer reserviert, das Dreisternhotel «Grimselblick» ist - ein Wunder! - im Winter offen.
07.09: Abfahrt nach Arth-Goldau, das WC des gealterten italienischen Designzuges ist kaputt wie meist.
08.48: Göschenen, Widmers liebste Bahnhofsbuvette. 24 Minuten Pause, ein frisches Schinkenbürli, Kaffee, ein lauwarmer Nussgipfel. Die Bähnler urnern, dass Widmer nichts versteht.
10.11: Oberwald im Goms, gleissende Sonne, minus 12 Grad. Widmer zottelt dem Rotten entlang, wie die junge Rhone heisst, retour ins Dorf.
Dramatische Berge und Zackenhörner
10.25: Bei der Kirche mit der schwarzen Zwiebelkuppel beginnt die zugeschneite Passstrasse Richtung Gletsch, auf der die erste Wanderetappe verläuft. Ein paar Leute stehen um ein Pistenfahrzeug geschart, auf dessen Ladefläche eine Kabine montiert ist. Was vage nach Papamobil aussieht, ist ein Schneetaxi. Man kann zum Grimselpass hinauf auch fahren.
10.45: Das Vehikel brummt an Widmer vorbei. Durch die beschlagenen Scheiben sehen die Passagiere garantiert nicht in gleicher Schärfe, was er sieht: dramatische Berge und Zackenhörner. Und dazwischen weiche, schneegepolsterte Seitentäler.
11.10: Ein Knusperhäuschen im Wald zeigt sich, das Hotel «Rhonequelle». Auch hier schliefe Widmer gern einmal.
Der «Grimselblick» naht
12.10: Ende Einkehr, weiter zur Grimsel! Widmer schultert den Rucksack. Die Route, nun von der Passstrasse sich emanzipierend, ist gut gespurt.
13.23 Wolllüstig denkt Widmer an den Fleischteller von eben im «Rhonequelle». Der Weg ist streng. Da taucht vor ihm ein Schneeschuhler auf; er nimmt die Direttissima, schneidet die Kehren. Zusammen lobt man, was man sieht: das Spielzeugdorf Oberwald tief unten. Und die Schneekugeln, wie von einem Riesen mit einem Glaceportionierer im Steilhang platziert.
14.10: Der Landschaftsrausch ist weg, Widmer schaut auf die Uhr, er beginnt zu leiden, das wird seine härteste Expedition in diesem Winter.
14.15: Endlich der Scheitelpunkt, das Keuchen hat ein Ende. Eine Bise packt Widmer, nun friert er. Vor sich hat er eine weite Senke mit Kuhlen. Aber wo zum Teufel ist das Hotel?
14.35: Zähneklappern. Fiese Mini- Gegensteigungen. Wo ist das Hotel!
14.50: Eine Staumauer zur Rechten, und dann, dann, dann... eine beige-gelbe, eiszapfenbehangene Fassade. Der «Grimselblick», halleluja.
14.59: Widmer tritt ein - es ist der Höhepunkt des Tages, des Winters, des Lebens, es ist das Paradies, das er sich seit Stunden ersehnte: eine geheizte Gaststube auf 2161 Metern. Er ordert ein Bier und wärmt sich am anheimelnden Arvenambiente.
Gebodigt ins Bett fallen
15.20: Zimmerbezug, das Wohlgefühl eskaliert: heisses Wasser in der Dusche. Und das Bett hat weisse Vorhänglein und einen Holzhimmel.
16.05: Schwedenkrimi in der Hand, entschlummert Widmer sanft in einen verdienten Spätnachmittagsschlaf.
19.02: Nur ein Gedeck ist in der Wirtschaft vorbereitet. Widmer sei der einzige Nachtgast, sagt die nette Serviererin, eine Thüringerin. Tagsüber seien viele Leute dagewesen, die seien aber alle wieder ins Tal hinab.
19.55: Gang vier, Kokoskuchen, gebodigt. Widmer seufzt satt. Der Abricotine geht aufs Haus. Die Serviererin erzählt: Morgen Samstag sei das Hotel rappelvoll mit Bergclubs, beliebt sei bei den Tourengängern das nahe Sidelhorn. Von Anfang Februar bis nach Ostern dauere die Hotelsaison. Und die Senke vor dem Haus sei der Totensee, im Sommer schwimme sie gern in dem 10-Grad-Wasser.
21.23: Schnee verklebt das Zimmerfenster im unteren Teil. Widmer lässt kurz vom Krimi, öffnet es: Eiswind. Pure Stille. Ein Blinksternhimmel.
22.11: Vor dem Schlafengehen mustert sich Widmer im Spiegel. Ihm fällt ein, dass der «Grimselblick» Winterwanderern «en brüne Grind» verspricht. Tatsächlich kommt sich Widmer am Ende des monumentalen Tages vor wie, wie, wie ... Scipio Africanus.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.03.2010, 15:23 Uhr


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