Leben

Winterwanderung hoch über dem Vierwaldstättersee

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 14.01.2010

Auf dieser Wanderung entschwebt man zuerst den Alltagsniederungen, gerät dann zwischen Skifahrer und kann sich schliesslich in einer urigen Skiwirtschaft ausdenken, was man sonst noch alles in Nidwalden anstellen könnte.

1/13 Blick von der Stockhütte zum Vierwaldstättersee, hinten die beiden Mythen.
Bild: Thomas Widmer

   

Stichworte

Die Wanderung

Route: Stockhütte – Twäregg – Stafel – Tannibüel – Klewenalp.

Dauer: zwei Stunden.

Höhendifferenz:
circa 400 Meter auf, 50 abwärts.

Charakter: Multifunktions-Wintersportlandschaft, darin eingebettet ein gut gewalzter Weg, mancherorts muss man auf die Sikfahrer aufpassen.

Höhepunkte: Der Tiefblick hinab zum Vierwaldstättersee und auf die umgebenden Bergriesen.

Einkehr: Stockhütte, Tannibüel, Alpstubli, Klewenalp.

Eben ist ein neuer Band aus der SAC-Schneeschuhtouren-Reihe erschienen, er widmet sich der Ostschweiz. Ich mag an dem Führer, dass er viele Einsteigerrouten bringt. Denn ich gehöre zu den Leuten, die weder Lust haben, sich mit der Beurteilung dubioser Hänge punkto Lawinengefahr zu befassen, noch Schaufel und Barryvox-Gerät herumzuschleppen. Ich bin, mit anderen Worten, ein verweichlichter und verwöhnter Wanderer. Und darum passen mir die leichten Winterrouten, die problemlos in zwei, drei, vier Stunden durch eine stille Landschaft führen. Nächste Woche will ich so eine Route vorstellen.

Diesmal hingegen möchte ich eine Winterwanderung präsentieren, die von den Touristikern vorgespurt ist. Sie führt in eine grandiose Landschaft, darum kann ich sie empfehlen. Mein Ausflug begann freilich mit einer kleinen Spontandepression. Die Fahrt von Luzern nach Stans mit dem Zug, dann hinauf nach Emmetten mit dem Bus ist an sich wunderbar angelegt: der vielarmige Vierwaldstättersee, die voralpine Hügelei, die hohen Berge. Bloss kleben an jedem zweiten Hang grässliche Modern-Überbauungen. Sie zeugen weniger von ressourcenschonender Planung als vielmehr von der Geldgier der Grundbesitzer.

In der Gondel von Emmetten zur Stockhütte gewann ich meine gute Laune zurück, indem ich den Alltagsniederungen entschwebte. Mit mir fuhr eine Nidwaldner Mutter, deren Dialekt ich nicht nachahmen könnte. Ganz Glucke, zerrte, zurrte, zupfte die Frau an ihren drei Kindern herum, machte den einen oder anderen Reissverschluss ganz zu, polierte Skibrillen, justierte einen verrutschten Schal. Oben strebten die vier der Liftanlage zu. Ich gönnte mir einen Kaffee und die Aussicht. Von der Stockhütte schaute ich hinab auf den See, hinüber zu Rigi und Rigi-Hochflue, auf die Ebene von Schwyz, die von den beiden Mythen bewacht wird. An diesem Tag, dem Stephanstag, lag im Tal kein Schnee. Es waltete eine strenge horizontale Zweiteilung von Braun und Weiss, sie verlieh diesem grossen Panorama eine aparte Note.

Der Pistenrummel bleibt zurück

Danach startete ich Richtung Klewenalp. Mein Weg führte aufwärts in den Wald, erkennbar ein Strässchen im Sommer, nun aber verschneit und den Fussgängern vorbehalten; nun gut, ein paar Schlittler waren da auch noch. Linker Hand blieb der Pistenrummel zurück – bis ich nach einer halben Stunde bei der Twäregg wieder in ihn geriet. Diese Twäregg war in doppelter Hinsicht ein Wendepunkt. Zum einen ging es nun abwärts, zum andern kamen mir bald Skifahrer entgegen. Der Abschnitt bis Stafel war nicht der entspannendste. Ich musste aufpassen, nicht überfahren zu werden.

Hinab - und wieder hinauf. Oben beim Stafel Entwarnung, die Wege entflochten sich erneut. Meiner vollzog eine weite Kurve, nun ging ich Richtung Norden, hatte die Giganten Schwalmis und Brisen im Rücken. Von links drängte das Buochserhorn ins Auge, ein Berg, auf dem ich bisher nie war. Ich nahm mir vor, diese Bildungslücke wanderlicher Art nächsten Sommer endlich zu schliessen. Und überhaupt machte ich mir dann im Tannibüel, einer urigen Skiwirtschaft, einige Notizen, was man in dieser Gegend so alles tun könnte. Der Rest war hernach leicht. Vorbei an einem weiteren Restaurant, dem Alpstubli, spazierte ich hinüber zur Klewenalp.

Dort herrschte an diesem Feiertag ein Riesenrummel, alles wollte Sonne. Ich selber nahm umgehend die Schwebebahn hinunter ins verschattete Beckenried und fuhr nach Hause. Luzerns ausufernde Agglomeration ignorierend, schmökerte ich dabei in dem erwähnten Schneeschuhführer, und so habe ich nun ein paar tolle Ideen, den puren Winterfrieden zu erobern.

Buch: David Coulin: Schneeschuh-Tourenführer Ostschweiz. SAC. 44.90 Fr.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2010, 13:08 Uhr

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