Leben

Wenn das Wort «Frieden» eine Landschaft wäre

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 06.05.2010

Das Oberaargau und das Emmental lassen nicht nur Wanderherzen höher schlagen: Eine Zugfahrt durchs Bauernterrain, blühende Wiesen und friedvolle Landschaften zeugen von wahrer Swissness.

1/11 Startort: Wasen im Emmental.
Bild: Thomas Widmer

   

Zu Fuss

Route: Wasen im Emmental – Löchlibad – Freudigenegg – Hornbachegg – Fritzenfluh – Restaurant Fritzenfluh – Huttwil Bahnhof.

Dauer: vier Stunden.

Höhendifferenz: circa 250 Meter auf, 350 abwärts.

Charakter: Am Anfang coupiert. Danach höhenweg-artig.

Höhepunkte: Die Natur als grosser Garten. Die friedvolle Hornbachegg. Die Einkehr bei der Fritzenfluh.

Einkehr: „Fritzenfluh“ unterhalb der Passhöhe auf der Huttwiler Seite. Mo/Di Ruhetag.

Stichworte

Das Land stand in Frucht. Die Walderdbeeren waren pflückreif, das Gras zu stattlicher Höhe gediehen, einzelne Brennnesseln reichten mir an die Schultern, die Lindenblüten dufteten, rote Kirschen hingen wie flippiger Modeschmuck an den Bäumen. Und über dem Wiesensattel der Hornbachegg tanzten die Bienen, dass es ein Summen und Brummen war. So sah ich die Gegend zwischen Wasen im Emmental und Huttwil, als ich im letzten Juni über die Fritzenfluh ging.

Bald wird es wieder so sein. Doch schon für die letzten Apriltage will ich allen Leserinnen und Lesern diesen schönen Weg ans Herz legen. Bereits ist die Natur erwacht und entfaltet ihre Kraft zum Spektakel.

Wahre Swissness auf der Zugfahrt

Ich war durch die Zugfahrt eingestimmt worden. Fährt man heute von Zürich nach Bern, tut man dies zwischenhaltlos auf der Bahn-2000-Linie mit ihren effizienten Tunneln und Geraden. Als ich aber in jenem vergangenen Juni nach Burgdorf reiste, geschah dies auf der alten Schnellzug-Strecke. Sie kurvt durch Bauernterrain, vorbei an Riesenhöfen, feuchten Waldrändern, zufrieden weidenden Kühen; die formidablen Sandsteinklippen von Burgdorf inklusive, ist in dieser alten Strecke einfach so viel mehr Swissness.

In Burgdorf stieg ich um auf den Zug nach Sumiswald und wechselte dort auf den Bus. Zwar besteht zwischen Sumiswald und Wasen noch das alte Bahntrassee. Doch der Nebenast der 1908 gegründeten RSHB (Ramsei-Sumiswald-Huttwil-Bahn) ist längst stillgelegt. Herzig fand ich ein übriggebliebenes Wartehäuschen, stilistisch exakt in der Mitte zwischen den Vorgaben der Eisenbahn und dem Trachten der Emmentaler Seele, die Welt schnitzelnd zu verzieren. Dieses Wartehäuschen ist ein Wartestöckli.

Ab ins Paradies

Wasen war dann ein lebendiges Dorf, mit Wirtschaften und Läden und Gewerbe. Besonders fiel mir die Riesenhalle der PB Swiss Tools auf, deren Angestellte Schraubenzieher und dergleichen Handwerkzeuge fertigen. Einen weiteren Grossbetrieb passierte ich, nachdem ich Richtung Fritzenfluh losgelaufen war: die Maschinenfabrik Mewag. Auf ihrer Höhe biegt man am Dorfende links ins Hügelland ab.

Die nächsten Stunden habe ich eigentlich schon beschrieben: Ich wandelte durch ein allgegenwärtiges Blühen. Zunächst war einige Steigung zu bewältigen. Endlich die Freudigenegg, der Weg wurde leichter. Die Hornbachegg war anschliessend das Paradies. Danach kam nun nicht die Hölle, aber doch ein wilder, böser Grat im Wald. Linkerhand brach das Gelände jäh ab, einzelne Baumlücken gaben die Sicht ins Oberaargauische oder auch Luzernische hinüber frei.

Wurst-Käse-Salat auf der Fritzenfluh

Und endlich die Fritzenfluh. Wie sie heisst das Strassenpässlein, auf dem der Automobilist von Wasen nach Eriswil und Huttwil hinübergelangt. Zuoberst durchfährt er dabei einen Tunnel, den ich Wanderer überschritt. Es folgte eine hübsche Passage mit Brücklein und Trepplein durch eine feuchte Waldhalde und dann eine Überraschung: ein Restaurant ein gutes Stück unterhalb der Passhöhe auf der Huttwiler Seite.

Die Fritzenfluh kam mir sehr recht. Ich kehrte ein, ass auf der Terrasse einen Wurst-Käse-Salat, sinnierte über die grossen Fragen des Seins. Es folgte der Wanderung zweiter Teil. Weil das Wetter gut war und die Gegend derart lieblich und gartenhaft, liess ich Eriswil, wo ich eigentlich hingewollt hatte, zur Rechten liegen. Ich zog weiter, über immer neue Hügel, durch immer neue Senken, bis ich das grosse Huttwil erreichte, das bei den Einheimischen «Huttu» heisst. Dort befand ich: Wenn das Wort «Frieden» eine Landschaft wäre, dann diese. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.04.2010, 09:39 Uhr

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