Wandergeografie mit Bernhard Zurbriggen
Zu Fuss
Route: Schwarzsee-Gypsera – Unter Bödeli - Unterer Euschels – Riggisalp – Dolinenseelein – Salzmatt – Hürlisboden – Schwarzsee-Gypsera.
Dauer: vier Stunden.
Höhendifferenz: je 600 Meter auf- und abwärts.
Charakter: Von Alp zu Alp durch geologisch interessantes Gelände. Mittlere Anstrengung.
Höhepunkte: Der Schwarzsee. Das Dolinenseelein nach der Riggisalp. Der Alpkäse auf der Salzmatt.
Einkehr: Unter Bödeli. Unterer Euschels. Riggisalp. Salzmatt. Hürlisboden.
Landeskarte 1:25 000: Blatt 1226, Boltigen.
Wir fahren an diesem Samstag nur zu fünft los, die andern vom Grüpplein haben gekniffen, die Wetterprognose klang düster. Als wir nun bei der Gypsera am Schwarzsee aus dem Bus steigen, der uns vom Bahnhof Freiburg hergetragen hat, ist es trocken. Sogar die Sonne zeigt sich – ein wenig. Bald kommt der Dunst zurück, die Berge verhüllen sich. Die Hügel rundum bleiben sichtbar, gut so.
Die Gegend mit dem Gipsvorkommen
Bernhard Zurbriggen, 67, gross, schlank, bärtig, wartet auf dem Parkplatz. Schön, dieser Wandertermin mit einem Unbekannten. Er hat sich auf Vermittlung einer Kollegin ergeben. Sie schwärmte von Zurbriggen: Der Mann habe über Deutschfreiburg ein tolles Wanderbuch geschrieben, und er wisse einfach alles über Geländeformen, Mineralien, die Gletscher der Vorzeit. Nett und witzig sei er erst noch; er müsse das Grüpplein einmal begleiten.
Jetzt ist es soweit. Wir starten Richtung Euschelspass. Zurbriggen, erfahre ich im Gespräch, stammt ursprünglich aus Saas-Grund, ist aber in Holderbank AG aufgewachsen, wohin sein Vater jobhalber auswanderte. Die längste Zeit seines Erwachsenenlebens hat er in Wünnewil FR verbracht. Bis zur Pensionierung war er Geograf und bildete Lehrer aus.
Im folgenden macht sich Zurbriggen sehr gut, er sagt an vielen Orten mit viel Elan viel Interessantes. Was der Name «Gypsera» meint, erfahren wir kurz nach Wanderstart bei einem stillgelegten, weisslich-verstaubten Steinbruch: Die Gegend hält Gipsvorkommen bereit.
Es bröckelt und erodiert
In der Moderne hat sie sogar ein Wirtschaftwunder gezeitigt. Auf fast jeder Alp kann man einkehren. Beim Unteren Euschels spendiert Bernhard – wir sind schon per Du – einen Apero. Auf einer Moränenkrete geniessen wir später, derweil es nieselt, die samtene Modelliertheit der voralpinen Landschaft, die von schroffen Bergen begrenzt wird.
Die Kaiseregg, die einst «Käseregg» hiess, wie Bernhard weiss - dieser wichtigste Gipfel der Gegend liegt nach wie vor im Dunst. Aber die Hänge des Massivs sind auszumachen. Wie es da bröckelt und erodiert! Für diese Art von Bergsturz im Zeitraffer über Zehntausende Jahre gibt es ein Fachwort: «Denudation». Bernhard erläutert den Vorgang näher.
Nach der Riggisalp passieren wir ein kreisrundes Miniseelein, es ist eine Doline, ein Einsturztrichter. Oben auf der Salzmatt haben wir dann Hunger. Es ist Zeit für Kalorien. Eine Riesenplatte wird aufgetragen mit Alpkäse aller Art, darunter ein Mutschli mit Chili. Fein! Acht Familien aus dem nahen Muscherenschlund liefern der Alpkäserei Gantrischli zu, so kommt das Sortiment zustande.
Die Route, die man nicht verpassen darf
Wir steigen ab, Bernhard, fit von unzähligen Exkursionen, voraus. Nach der Alp Hürlisboden – ja, klar, wieder eine Wirtschaft! – biegen wir rechts vom Strässchen ab zum nahen Gaden. Seltsam, auf der Karte ist der Wanderweg eingezeichnet, doch vor Ort fehlen die Schilder. Auf keinen Fall darf man diese Route verpassen! Sie führt durch Magerwiesen, Knabenkrautmatten und einem wilden Tobel entlang hinab zur Gypsera.
Im gleichnamigen, neuen Restaurant direkt am See trinken wir etwas und sind sehr zufrieden. Wir haben einen Freund gewonnen, von dem man viel lernen kann. Da Bernhard nun natürlich nicht jede Wandergruppe persönlich begleiten kann, hier der Hinweis auf sein Buch mit 24 Routen, das alle Liebhabereien eines Geografenlebens spiegelt. «Schauen und Wandern im freiburgischen Senseland» heisst es und lohnt die Anschaffung. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.08.2010, 10:58 Uhr
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