Leben

Der Leventina-Parcours

Aktualisiert am 17.06.2010

Imposante Wasserfälle, Pizza und eine uralte Kirche: Die Velotour von Airolo nach Biasca lohnt sich trotz Muskelkater am nächsten Tag in vielerlei Hinsicht.

1/11 Es hat noch Velos: Velolager am Bahnhof von Airolo.
Bild: Thomas Widmer

   

Zu Fuss

Miniwanderung plus Velofahrt in der Leventina

Veloroute: Airolo – Biasca. Zwischenhalt beim Dazio Grande nach Rodi und Kurzabstecher zum Dazio Vecchio und retour zum Dazio Grande.

Dauer: Drei Stunden Fahrzeit. 30 Minuten Gehzeit vom Dazio Grande zum Dazio Vecchio und retour. Länger geht man, wenn man vom Dazio Grande den ganzen Piottino-Rundweg via Dazio Vecchio macht (sehr empfehlenswert); eine Stunde.

Charakter: Die Velofahrt geht praktisch nur abwärts und geradeaus bei minimalen Gegensteigungen. Nordföhn kann die Sache erschweren. Bei einigen Steilpassagen ist vorsichtiges Fahren und Bremsen angebracht.

Höhepunkte: Die Piottinoschlucht. Die wunderbare Kirche von San Nicolao in Giornico. Die Einkehr irgendwo. Die Leventina, die man sonst achtlos durchfährt. Das Bier in Biasca nach der Velorückgabe.

Einkehr: überall.

Veloreservation: www.rentabike.ch. Ein Helm wird mitgegeben.

TA-Reporter Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Route vor. Neues Wanderbuch «Zu Fuss. Die verschwundene Seilbahn» auf www.echtzeit.ch.

Stichworte

Vor einiger Zeit verspürte ich Lust, an einem Samstag mal nicht zu Fuss zu gehen, sondern Velo zu fahren – daraus erwuchs vor anderthalb Wochen ein toller Ausflug mit nur einem Nachteil: Am Tag nach der Fahrt von Airolo die Leventina hinab nach Biasca taten mir Körperteile weh, die mir sonst nie weh tun. Der Hintern, klar. Aber auch die Sehnen in den Kniekehlen sowie, seltsamerweise, das Genick.

Und wir wanderten dann doch, wenn auch nur eine halbe Stunde. Kurz nach Rodi kommt die Piottino-Schlucht. Vor der Schlucht war einst die Zollstation Dazio Grande zu passieren, heute Museum und Hotel-Restaurant, unübersehbar auf der rechten Strassenseite platziert. Wir stoppten, stiegen in 15 Minuten durch Wald auf zum Dazio Vecchio, einer noch älteren Zollstation am Saumweg. Von ihr sind nur Mauerreste übrig.

Eine Show im Geiste Emils zu Beginn

Nun aber zum eigentlichen Veloausflug. Er fängt in Airolo an, kurz nach zehn. Bei der Bahnhofsrampe nehmen wir die Bikes in Empfang, die wir per Internet reserviert haben. Ein kabarettistischer Bieler betreut das Velolager. Er instruiert uns fünf, ein deutsches Duo sowie vier Inderinnen und Inder so lustig über das Bike, über Routendetails, über den mitgegebenen Helm, dass wir Tränen lachen. Sogar die Inder, die gar nichts verstehen, grinsen über die Show im Geiste Emils.

Danach radeln wir los – und es ist Sommer. Leicht sind die ersten zwei Stunden. Der Ticino feiert sich, streckenweise von Menschenhand gedrosselt, in allen Varianten von Blau. Glatte Felsflächen an den Hängen schimmern wie Silber. Wasserfälle schiessen zu Tale. Die Gipfel tragen noch Schnee. Und die Häuser in den Dörfern: typisch Leventina, Palazzi und alpine Holzbauten nebeneinander. Dass man vielerorts einkehren kann, versteht sich von selber. Wir freilich fahren durch bis zum Dazio Grande. Und nach der erwähnten Kurzbesichtigung rollen wir weiter und essen erst nach Faido auf einer Terrasse. Pizza, wir gerieren uns wie Echttessiner, indem wir wenig Rotwein mit viel Gazosa, mit Zitronenlimonade, strecken. Fein ist das. Prickelnd.

San Nicolao, die uralte Kirche

Mein Höhepunkt der Fahrt kommt tiefer unten in Giornico. Man besuche im Dorf unbedingt die uralte Kirche San Nicolao! Berühre den Taufstein! Setze sich im kühlen Inneren auf die aus der Wand wachsende Seitenbank und bewundere das Spiel des Lichts, das durch die Fensterschlitze einströmt! Und auch die Empore mit den verblassten Wandmalereien ist original und eigenwillig; mit Sicherheit ist diese 1168 geweihte romanische Kirche, die durch ihre unverputzten Granitblöcke kantig-kristallin anmutet, eine der schönsten des Landes. Auf dem Kirchhof stehen fröhlicherweise nicht Grabsteine, sondern Rebstöcke.

Am Ende in Biasca fühlen wir uns, obwohl es praktisch die ganze Zeit abwärts oder geradeaus ging, doch müde. Gegenwind hat uns in der letzten Stunde zugesetzt. Nachdem die Velos abgegeben sind, setzen wir uns in eine der Beizen beim Bahnhof. Als mit einer Stunde Verspätung auf uns Schweizer auch die zwei Deutschen eintreffen, mit denen wir in Airolo gestartet sind, bleibt nur eine Frage: Ob die landes-unkundigen Inder den Leventina-Parcours, der zu geschätzten 60 Prozent aus Kantonsstrasse besteht und zu 40 Prozent aus Nebensträsschen und Radwegen, unfallfrei und ohne sich zu verfahren geschafft haben? Wir hoffen es inständig.

Erstellt: 17.06.2010, 10:04 Uhr

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