Aufs Hörnli geröchelt
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 28.01.2010
Stichworte
Winterwanderung im Zürcher Oberland
Route: Bahnhof Steg – Tanzplatz – Hörnli – Heiletsegg – Bahnhof Bauma
Dauer: dreieinhalb Stunden.
Höhendifferenz: 450 Meter auf-, 500 abwärts.
Charakter: Aufwärts auf dem Schlittelsträsschen, die Sommerabkürzungen sind zum Teil vereist. Abwärts über einsame Waldwege.
Tipp: Stöcke oder auch Schuhkrallen mitnehmen.
Höhepunkte: Der Ausblick vom Hörnli, die Einkehr daselbst und der stille Winterwald danach.
Einkehr: auf dem Hörnli.
Simon sagt, ich müsse in der Kolumne über unsere Hörnli-Wanderung auch ihn zu Worte kommen lassen. Denn es müsse jetzt einmal klargestellt werden: Ich, Widmer, sei gar nicht so fit, wie man es von einem Schweizer Wanderpapst erwarten dürfte. Es sei geradezu jämmerlich, wie ich den Berg hinaufröchelte. Und diese Ängstlichkeit abwärts! Ich, Widmer, käme ihm vor wie ein alter Mann.
So weit Simons Nachricht an die Welt. Allerdings möchte ich beifügen, dass ich zwar wirklich beim Aufwärtsgehen schnaufe wie ein klappriges Grubenpferd. Doch hat das verhindert, dass ich in den letzten Jahren jede Woche auszog, einen Berg zu bezwingen? Nein! Das Keuchen ist Teil meiner Persönlichkeit, ich schäme mich seiner nicht, lasse mich von ihm nicht irritieren.
Und zweitens war derjenige, den es hinab nach Bauma voll auf den Hintern haute, das Grossmaul Simon. Ich hingegen, 16 Jahre älter, brachte die vereisten Partien bedächtig, elegant, unfallfrei hinter mich. Wie man es von einem Wanderpapst erwarten darf.
Dreiheit grosser Zürcher Oberländer Gipfel
Das Hörnli ist im Übrigen toll. 1133 Meter hoch, von einer Fernmeldeantenne überragt, bildet es mit dem Bachtel und dem Schnebelhorn die Dreiheit grosser Zürcher Oberländer Gipfel. Derart machtvoll steht es einem vor Augen, dass man ihm auch im Winter huldigen will. Dies umso mehr, als oben eine Bergwirtschaft wartet. Unter der Woche ist dort die Gemütlichkeit allerdings grösser als am Wochenende, dann hat es oft gar viel Volk.
Ich und Simon zogen an einem eisigen Dienstag los. Aber wer ist dieser Simon überhaupt? Nun, er ist ein Ex-Redaktionskollege, der sich vor gut anderthalb Jahren zwecks Ausbildung am renommierten Lausanner International Institute for Management Development (IMD) aus dem Journalismus zurückzog – schade, denn Simon, mittlerweile mit Auszeichnung diplomiert, ist nicht nur frech, sondern auch wahnsinnig kreativ. Aber vielleicht kann er seine Ideen ja auch bei jenem globalen Unternehmensberater zünden, wo er jetzt angeheuert hat.
Am Horizont der Alpenkranz
An unserem frostigen Januartag hatte Simon noch Ferien vor dem neuen Job. In Steg im Tösstal starteten wir. Gleich beim Bahnhof beginnt das Zubringersträsschen zum Hörnli, das im Winter vor allem ein Schlittelweg ist, man hüte sich vor den Flachboliden! Bald wurde es steil, ich begann zu keuchen, wie von Simon korrekt festgestellt und gemeldet. Trotzdem genoss ich die Route, das schnelle Höhegewinnen, den Wald, die Hügel, die Nagelfluh. Weiter oben wechselten wir auf den Sommerwanderweg. Auf dem Steig mussten wir Hand anlegen, rutschten immer wieder. Das war schwierig.
Auf dem Gipfel die Überraschung: am Horizont zeigte sich der Alpenkranz, der Gräue im Tal zum Trotz. Weil wir Hunger hatten, stürmten wir das Berggasthaus. Die Wirtin, eine junge Deutsche, servierte uns speditiv und nett die gewünschten Speisen, die ein anderer junger Deutscher bereitet hatte – er hatte die Nationalspeise Rösti perfekt getroffen. Meine Variante, die Hausrösti mit Käse, zwei Eiern und darüber gelegten Specktranchen, war köstlich. Ein Gefühl der Völkerfreundschaft durchflutete mich.
So stadtnah und doch weltabgewandt
Die zweite Etappe, via Heiletsegg hinab nach Bauma, hatte es in sich. Die von vielen Vorgängern ausgetrampelte Route führte über steile Grate, wir lugten in tiefe Tobel. Es begann auch zu schneien, was dieses Bergland, das so stadtnah liegt, noch weltabgewandter wirken liess. Einmal sahen wir zwei, nun . . . diese weissen Streifen am Kopf – waren das Gämsen? Oder doch Rehe?
Unten an der Töss beschloss eine lange Gerade die Wanderung. Im Zug waren wir uns einig: super Ausflug! Nun hoffe ich, dass Simon in Zukunft zwischen all den Business-Flugreisen Zeit haben wird für Vergnügungen zu Fuss wie diese. Nur schon um seiner formidablen Kondition willen.
3 Stunden, 30 Minuten. 450 Meter auf-, 500 abwärts. «Hörnli»: kein Ruhetag. TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Route vor. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.01.2010, 09:55 Uhr
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