Leben

Auch ein halber Brückenweg ist ein guter Brückenweg

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 31.03.2010

In der Nähe der Stadt St. Gallen improvisiert der gute Wanderer: Die Route erweist sich als familienfreundlich und führt über einen atemberaubenden Steg zu einer Holzbrücke, die zwar schweisstreibend ist, aber sich lohnt zu überqueren.

1/12 Die Frühbarockkapelle bei St. Gallen-Haggen.
Bild: Thomas Widmer

   

Stichworte

Brückentour im Westen St. Gallens

Route: Bahnhof St. Gallen-Haggen. Von hier aus auf dem Brückenweg, ausgeschildert, bis Kubel via Zweibruggen und Störgel. Vom Kubel über die Grubenmannbrücke hinauf zur Sturzenegg, weiter nach Gübsensee-Ost und Stocken.

Dauer: zweieinhalb Stunden.

Höhendifferenz: 250 Meter auf- und abwärts..

Charakter: Spektakulär. Tiefe Töbel, atemberaubende Brücken aus verschiedenen Epochen. Eignet sich für Familien mit Kindern. Wer beim Störgel schon genug hat, geht geradeaus weiter auf der Strasse zur einen Kilometer entfernten Bushaltestelle Rämsen-Störgel (Bus nach St. Gallen).

Höhepunkte: Der Fussgängersteg über die Sitter von unten. Die ehrwürdigen Holzbrücken mit eingeschnitzten Sprüchen. Der Gübsensee.

Tipp: Brot für die Enten auf dem Gübsensee mitnehmen.

Einkehr: „Bären“ Do, Fr, Sa ab 13.30 Uhr offen. So und Mo ab 10 Uhr offen. „Stocken“: Am Ostersonntag geschlossen. Ansonsten offen.

Gehzeit: zweieinhalb Stunden. Je 250 Meter auf- und abwärts.

«Bären»: Do, Fr, Sa ab 13.30; So, Mo ab 10 Uhr offen. «Stocken»: Sonntag geschlossen, ansonsten über Ostern offen.


Im Westen der Stadt St. Gallen formieren sich drei wilde Wasser: Sitter, Urnäsch, Wattbach. Erst der neuzeitliche Mensch konnte das Verkehrshindernis mit hohen Brücken wirklich bändigen. Ein spektakulärer Themenweg zeigt beides, Problem und Lösung.

Die Ad-hoc-Route

Letzten Samstag machte ich mich auf diesen St. Galler Brückenweg, der in zweieinhalb Stunden 18 Brücken bietet. Doch oh weh! Nach der Hälfte traf ich beim Kubel auf ein Verbotsschild: Felssturzgefahr, Weitergehen untersagt! In dem Tobel werden derzeit die Hänge von Geröll «gereinigt», daher die Sperre. Die Infostelle, die ich später anrief, schätzt die Chance, dass das bis Ostern getan ist, auf «fifty-fifty».

Was ein guter Wanderer ist, der weiss vor Ort zu improvisieren. Ich verzichtete auf den Sitterpfad durch die Risikopassage, nahm also Abschied vom Brückenweg zugunsten einer anderen Variante. Sie begeisterte mich - Fazit am Schluss: Meine Ad-hoc-Route ist optimal familienfreundlich: gefahrlos und doch abenteuerlich, nicht zu lang, mit Wirtschaften versehen.

Ich startete am Bahnhof St. Gallen-Haggen. Schnell langte ich beim «Schlössli» an; diess Restaurant war früher ein Landsitz, wurde erbaut im Dreissigjährigen Krieg für einen reichen Mann. Stilvoll am Gegenhang das Frühbarockkapellchen St. Wolfgang.

Der atemberaubende Steg

Dann die Haggenbrücke, «Ganggelibrogg» genannt, weil sie schwankt. Die Einweihung 1937 muss den Architekten traumatisiert haben: Die Leute von Stein und St. Gallen, durch das Bauwerk direkt verbunden, bewirkten allein durch ihre Schritte, dass der 98 Meter hohe, 355 Meter lange Steg zu tanzen begann. Er ist seither für Autos gesperrt, was wiederum die Fussgänger mögen.

Den Steiner Weiler Störgel erreicht man über den Steg in fünf Minuten. Der Brückenweg aber will, dass man absteigt zum Zusammenfluss von Wattbach und Sitter. Der Aufwand lohnt. Der Steg von unten: atemberaubend. Auch sind da - darum heisst der Ort Zweibruggen - zwei alte Holzbrücken. Ich stand, staunte, stieg endlich doch wieder auf zum Störgel.

Nach der Querung schönen Wieslandes und erneutem Abstieg kam ich im Kubel an. In dem Schattenloch treffen sich Sitter und Urnäsch, ein Elektrizitätswerk nutzt die Kraft beider Ströme. All das überragt mit Eleganz der 99-Meter-Viadukt der Südostbahn. Auch im Kubel hat es im Übrigen zwei historische Holzbrücken...

... und Achtung, jetzt kommt der Clou! Ich nahm, da das erwähnte Gefahrentobel vor mir gesperrt war, jene Holzbrücke, die laut Schild ein Werk des grossen Baumeisters Hans Ulrich Grubenmann ist. Sie führt rechtwinklig vom Rutschhang weg, über die Urnäsch hinauf zur Sturzenegg. Dieser Stutz war allerdings schweisstreibend. Oben hätte ich beim «Bären» rasten können. Ich zog weiter. An der Ostspitze des Gübsensees bereute ich es, kein Brot für die Wasservögel am Damm zu haben. Nun sah ich die Ebene von St. Gallen-Winkeln und die AFG Arena, das vor zwei Jahren eröffnete Fussballstadion.

Sadiq aus Bangladesh

Eine Zeit lang hielt ich auf es zu, bog dann nach rechts ab und überquerte auf der SBB-Brücke die Sitter. Ein junger Mann schloss auf. Sadiq aus Bangladesh war gesprächig, erzählte so einiges. Vor allem über sein Land redeten wir. Bloss meine Frage, warum er hier unterwegs sei, wollte er nicht wirklich beantworten. Er nuschelte leise etwas von «girlfriend» und «problem».

Sadiq verabschiedete sich schliesslich. Für mich war bei Stocken Wanderende. In dem behäbigen Restaurant gleichen Namens ass ich ein Cordon bleu, fein! Bevor ich mit dem Bus zum Bahnhof fuhr, musste ich dann grinsen: Im ehrwürdigen Brauereigebäude gegenüber dem Restaurant residiert ein Table-Dance-Lokal mit dem Motto: «Jeden Donnerstag Corsagen & Straps». So frivol sind sie in St. Gallen.

Leseraktion: Widmers neues Wanderbuch - es erscheint sofort nach Ostern - für 30 statt 34 Franken porto- und spesenfrei auf www.echtzeit.ch/tages-anzeiger.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.03.2010, 14:44 Uhr

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