Kultur

Tanz als innere und äussere Revolution

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 13.01.2010

Im Tanz sucht sie Antworten auf das Leben und im Lebensalltag den Stoff, aus dem sie ihre Tanzstücke macht: Begegnung mit der 90-jährigen amerikanischen Tanzikone Anna Halprin, die heute Mittwochabend nach Bern kommt.

«Jeder ist ein Tänzer, jede eine Tänzerin», sagt Anna Halprin. (zasfilm/zvg)

«Jeder ist ein Tänzer, jede eine Tänzerin», sagt Anna Halprin. (zasfilm/zvg)

Halprin in Bern

Lecture Demonstration mit Anna Halprin heute Mittwoch, 18.30 Uhr, im Kino Kunstmuseum.

Der Film «Breath Made Visible» (Regie Ruedi Gerber) läuft ab Samstag im Kino Kunstmuseum.

Das Buch: «Anna Halprin. Tanz Prozesse Gestalten.» Gabriele Wittmann, Ursula Schorn, Ronit Land, Verlag K. Kieser, München 2009. 208 S., Fr. 29.80.

Dumpf prallen die nackten Füsse auf den Boden. Eins, zwei, eins, zwei. Immer vorwärts, immer im Kreis. Männer, Frauen aller Altersgruppen. Das Pochen einer Trommel hält den Bewegungsstrom am Fliessen. Zehn, zwanzig Minuten lang. Die Energie im Raum schwillt mächtig an. Man wähnt sich in einem Kraftwerk. Immer wieder brechen die Kreise auseinander, führen weiter in noch grössere Kreise.

Mandalas aus Menschen, die plötzlich an die Grenzen des Raumes stossen. In der Natur kennen wir das Phänomen, wenn ein Stein ins Wasser fällt und sich die Wellen gleichmässig nach allen Seiten ausbreiten.

Wir befinden uns weder unter Indianern noch in freier Natur. Sondern in einem Tanzraum in der Nähe des Bahnhofs Zürich Oerlikon. Fast hundert Menschen aus dem In- und Ausland sind an diesem Wochenende gekommen, um sich bewegen zu lassen von jener filigranen Erscheinung, die barfuss am Rand der Tanzfläche steht.

Es ist die amerikanische Tanz- und Performance-Ikone Anna Halprin, eine der einflussreichsten Grössen des modernen Tanzes. Vital ist sie und witzig, körperlich und geistig fit. «No, I don’t feel tired at all», sagt sie abends nach dem mehrstündigen Workshop und strahlt.

Im Juli wird sie 90. Ein Dokumentarfilm über ihr Leben und Schaffen ist der Grund, weshalb sie noch einmal nach Europa gereist ist. «Breath Made Visible» heisst der Film des Berner Regisseurs Ruedi Gerber, ein Vermächtnis, das dramaturgisch brillant historische Tanzeinlagen aus dem Leben von Anna Halprin mit Interviews an Originalschauplätzen und fotografischen Rückblicken verknüpft.

«Jeder ist ein Tänzer»

Als Vierjährige begann Anna Halprin zu tanzen, die 1920 als Hannah Dorothy Schuman geborene Anna Halprin. Sie lebte mit ihrer Familie in einer jüdischen Einwanderergemeinde nördlich von Chicago und erfuhr früh, was es heisst, zu einer Minderheit zu gehören. Sie bekam Ballettstunden und spürte, dass Ballett nicht ihre Welt ist. Sie liess sich in modernem Tanz ausbilden und absolvierte ein Tanzstudium bei Margaret H’Doubler an der Universität Wisconsin.

Später folgte sie Lawrence Halprin, ihrem späteren Ehemann, nach Cambridge, Massachusetts. Hier studierte er Landschaftsarchitektur, sie belegte Design und übertrug das neu gewonnene Wissensmaterial auf die Kunst des Choreografierens. Begegnungen mit emigrierten Mitgliedern des Weimarer Bauhauses wie Walter Gropius oder Wassily Kandinsky wurden prägend für ihre Bewegungsforschung. Nach der Übersiedlung an die Westküste der USA gründete sie die Company San Franciscos Dancer’s Workshop und experimentierte mit Künstlern aller Richtungen. Sie kam zur Erkenntnis, dass authentische Tanzkunst nur aus dem intensiven Wahrnehmen des Hier und Jetzt entsteht. «Jeder ist ein Tänzer, eine Tänzerin», sagt sie.

Auf ihre Initiative entstand ein Austausch zwischen Künstlern der West- und der Ostküste. So kamen Trisha Brown, Yvonne Rainer oder Steve Paxton in ihre Workshops, grosse Namen, die später als Judson Church Troup in die Tanzgeschichte eingehen sollten. Aber auch die Butoh-Künstler Eiko und Koma oder John Cage wurden durch sie beeinflusst. Und Merce Cunningham sah in ihr eine «Prophetin und Philosophin».

Radikal anders

In ihren Arbeiten konnte Halprin alltägliche Handlung zum Ausgangspunkt für die künstlerische Erkundung einer Bewegung machen. Das war radikal anders, als was man bisher gekannt hatte. Sie erhielt Einladungen nach Europa. Am Teatro La Fenice in Venedig kreierte sie 1963 auf Einladung des Komponisten Luciano Berio ein Stück für die Biennale, das heftige Reaktionen auslöste.

Noch heftiger reagierte das Publikum auf «Dress and Undress», in dem splitternackte Tänzer sich in lange fleischfarbene Packpapierbahnen hüllten wie in dünne, raschelnde Haut. Bis dahin gab es keine nackten Tänzer auf der Bühne. Auch die Gründung der ersten multikulturellen Tanzcompany in Los Angeles geschah auf Halprins Initiative. Es war ihre Antwort auf die Rassenkrawalle.

Mitte der 1970er-Jahre erfuhr Anna Halprins künstlerische Arbeit eine Wende. Sie erkrankte an Krebs und nahm Abschied von der Bühne. Doch ihre tänzerische Forschungsarbeit ging weiter. In der Selbstporträt-Ritual-Performance entdeckte sie die Kraft des Tanzes als Heilungsritual. Ihre eigene Spontanheilung nahm sie zum Anlass, um fortan mit Krebspatienten zu arbeiten. «Bevor ich Krebs hatte, schöpfte ich aus dem Leben Kunst. Nachdem ich Krebs gehabt hatte, half mir die Kunst, wieder ins Leben zurückzufinden.» Sie habe sich den Weg zur Heilung freigetanzt, sagt Anna Halprin.

Der Weg zur Heilung

Man möchte mehr wissen, viel mehr. Doch die Zeit ist plötzlich zu kurz angesichts dieses reichen Lebens. Im Film, in dem auch ihr im Oktober 2009 verstorbener Mann zu sehen ist – mit ihm war sie 70 Jahre verheiratet – ist sie als über Achtzigjährige wieder als Performerin zu sehen. Die Besuche bei ihrem Mann auf der Intensivstation hätten sie zu einer neuen Choreografie inspiriert, sagt Anna Halprin. Das Stück «Intensive Care», in dem sie sich mit dem Sterben auseinandersetzt, ist eines der eindrücklichsten Tanzsolos im Film.

Die Frage bleibt. Was ist Tanz? Die Choreografin, die in ihrem Leben über 150 Tanzstücke kreiert hat, lässt sich Zeit mit der Antwort. «Dance is what you see, what you smell, what you hear», sagt sie. Oder eben: «Breath Made Visible», Lebensatem, der sichtbar wird. Auf die Frage, was für sie als Tänzerin das Älterwerden bedeutet, reagiert die 90-Jährige ohne Zögern: «Altern ist Erleuchtung mit vorgehaltener Pistole.» (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2010, 13:55 Uhr

Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.