Punk statt Beitritt – oder die Milka-Kuh im Tessin

Feinste Satire: Der Dramatiker Jeton Neziraj beleuchtet im Schlachthaus-Theater das Verhältnis des Kosovos zur EU.

Das Stück des Dramatikers Jeton Neziraj bietet Zynismus und Dauerironie.

Das Stück des Dramatikers Jeton Neziraj bietet Zynismus und Dauerironie. Bild: zvg

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Vor neun Jahren erst feierte der Kosovo seine Unabhängigkeit, und jetzt will er schon wieder dazugehören; diesmal zur Europäischen Union. Ein Anliegen ist das zumindest den Figuren des kosovarischen Dramatikers Jeton Neziraj, der schon mehrere Stücke fürs Schlachthaus-Theater geschrieben hat, und dessen neuste Produktion nun wiederum in Bern Schweizer Premiere feiert.

Für einen EU-Beitritt aber müssten seine Protagonisten erst einmal die «3000 einfachen Vorschriften» lesen, die es zu befolgen gilt. Ein Punktesystem regelt die Zugehörigkeit. Zwischenstand Kosovo: minus 20. Es sieht also nicht gut aus für den Staat und seine Bewohner. Zu ihnen gehört auch ein Metzgerpaar aus Pristina, das von seiner Regierung unbedingt ein Gütesiegel braucht, um sein Fleisch in ganz Europa verkaufen zu können. So wollen es die EU-Standards. Allerdings gibt es auch im Kosovo Richtlinien: zur Bestechung.

Was wir von Nezirajs Gruppe Qendra Multimedia zu sehen bekommen, ist feinste Satire. Das beginnt beim nüchternen Stücktitel, der schon mal die Auslegeordnung des Abends umreisst: «Ein Theaterstück mit 4 Schauspielern, ein paar Schweinen, ein paar Kühen, ein paar Pferden, einem Ministerpräsidenten, einer Milka-Kuh und ein paar einheimischen und internationalen Inspektoren». Zu ernst nimmt sich hier jedenfalls niemand.

Konfuse Pointenjagd

Vielmehr regiert die Anarchie auf der fast leeren Bühne des Schlachthaus-Theaters. In Punk-Kluft (Kostüme: Vesa Kraja) und zu zornigem Pussy-Riot-Rock (Schlagzeug: Drin Tashi, Gitarre: Art Lokaj) werfen sich die Darsteller (Shengyl Ismaili, Adrian Morina, Ernest Malazogu, Shpetim Selmani) in Pose. Sie schütteln das Haar, tanzen Choreografien, schmiegen sich an den Mikrofonständer und sind überhaupt die Stars in ihrer Show. Eine Show ohne Anlass allerdings, denn was gibt es nochmal zu feiern? Wurde man nicht soeben vom Premierminister übers Ohr gehauen?

Statt Logik gibt es Gags und Songs. Das Lied der Milka-Kuh aus dem Tessin etwa, die jeden Morgen nach dem Melken den «Tages-Anzeiger» liest. Ob sich so der Kosovare die Schweiz vorstellt: als Paradies mit freier Presse? Bringt man keine näheren Kenntnisse der balkanischen Kultur mit, lässt sich vieles nur erahnen in der Inszenierung von Blerta Neziraj, Jeton Nezirajs Ehefrau.

Richtig konfus macht währenddessen die pausenlose Pointenjagd; insbesondere in Kombination mit den deutschen Übertiteln, die dem gesprochenen Albanisch hinterherhinken. In der Summe aber ist dieses Stück alles andere als Unfug, seine Dauerironie mehr als nur die Scheu vor Ernsthaftigkeit. Sein Zynismus erzählt vielmehr von der Resignation freier Staatsbürger, die doch seit jeher nur die Abhängigkeit kennen. Im Schlachthaus tritt man die Flucht nach vorne an. Regellos und mitreissend. (Der Bund)

Erstellt: 22.01.2017, 15:36 Uhr

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