Für den Nachwuchs auf der Bühne und im Publikum

Das Festival «Kicks!» fördert junge professionelle Theatergruppen, die ihre Stücke an Kinder richten.

Lustvolles Chaos: Ernestyna Orlowska, Sivan Perlstein und Sebastian Klaey in ihrem Stück «Ritalina».

Lustvolles Chaos: Ernestyna Orlowska, Sivan Perlstein und Sebastian Klaey in ihrem Stück «Ritalina». Bild: zvg/Yoshiko Kusano

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Es muss nicht immer Frau Holle sein, findet der Theatermacher Peter Rinderknecht, auch wenn man damit die Primarschullehrerinnen zufriedenstelle. Seit dreissig Jahren wendet er sich mit seinen Stücken an ein «wachsendes Publikum» und ist nun als künstlerischer Pate im Rahmen des Theaterfestivals «Kicks!» im Einsatz. In dessen Rahmen kommen vier Produktionen für ein junges Publikum in den nächsten zwei Wochen zur Uraufführung, es wird öffentliche Vorstellungen und solche für Schulklassen geben. «Christbaumchugelechopf» heisst das Stück vom Kollektiv Pistazienfuchs, das unter Rinderknechts Betreuung steht. Darin setzt sich eine Figur mit ihrer Andersartigkeit auseinander und findet Halt in einer neuen Freundschaft. Aufgezeichnete Stimmen und Geräusche erklingen via Funk aus der Weihnachtskugel, die sie anstelle eines Kopfes trägt.

Auf welche Andersartigkeiten man diese Kugel übertragen kann, bleibt den zuschauenden Kindern überlassen. Wenn auch nicht alle Themen für ein junges Publikum geeignet seien, so traue man diesem immer noch zu wenig zu, sagt Rinderknecht.

Elf Bewerber, vier Gruppen

Dass die vier Projekte professionell umgesetzt werden, ist mehreren Initiatoren zu verdanken. Den hoch dotierten Burgerpreis, den das Schlachthaus-Theater vor drei Jahren erhielt, investierte die Leiterin Maike Lex zu weiten Teilen in das Festival «Kicks!». Unter elf Bewerbungen wurden vier Gruppen ausgewählt, die konzeptuell und theaterpädagogisch sowie mit je 20'000 Franken unterstützt wurden.

Es ist eine zweifache Nachwuchsförderung, da ausschliesslich junge Theaterschaffende für das Festival Stücke entwickeln und sich damit dem begeisterungsfähigem Jungpublikum zuwenden. Ein Kinderpublikum sei durch seine Ehrlichkeit immer eine besondere Herausforderung: Doro Müggler, die ausgebildete Schauspielerin, die «nie ins Engagement» wollte, kennt von ihrem eigenen Sohn dessen «gnadenlose, direkte Rückmeldung». Auch sie ist als Mentorin für die jungen Künstler und Künstlerinnen wohl ausgewählt, denn viele Stücke ihres Weltalm-Theaters fallen in die Sparte, welche Maike Lex gerne prominenter sehen würde: professionelles Theater für Kinder, aber in der freien Szene. Ausser ein paar etablierten Gruppen finde man an den freien Bühnen wenig Programm für die kleinen Leute.

Im Dialog mit den Kindern

Die meisten Gruppen, die am «Kicks!» uraufführen, entstanden im Umfeld der Berner oder Zürcher Schauspielschulen. Doch einzig im Studiengang Theaterpädagogik ist die Beschäftigung mit jungem Publikum vorgesehen. Als junger Theaterschaffender stürzt man sich lieber ins zeitgenössische Erwachsenentheater. «Dabei müssen wir gerade für die Kinder die Besten haben», sagt Rinderknecht.

Den vier Gruppen am «Kicks!» ist eines gemeinsam: Sie haben ihre Stücke im Dialog mit dem Zielpublikum erarbeitet und führten Gespräch über einzelne Szenen. Nur so scheint es möglich, die Kinder richtig abzuholen.

Während des ganzen Festivals wird thematisch viel gewagt: Die Gruppe Graf Hartwig zu Frei lässt kranke Elfen über die Bühne humpeln, weil zu wenig an sie geglaubt wird. Und Auftrag:Okapi drehen in ihrem Stück «Vo Aafang a» sämtliche Schöpfungsmythen auf den Kopf, um über den Ursprung des Lebens zu fantasieren. Das brisanteste Thema haben Perlstein / Orlowska / Kläy für ihre Büro-Komödie «Ritalina» gewählt, die sie als «ein Stück von und mit Konzentrationsschwierigkeiten» ankündigen.

Das ADHS hält einen Angestellten von seiner Arbeit ab, verleitet ihn aber zu einfallsreichen Spielchen mit Kettenreaktionen. Wie viel grossartigen Unsinn man mit einer Büroeinrichtung anfangen kann, glaubt man erst, wenn man ihm zusieht. Die Ambivalenz zwischen der hinderlichen Krankheit und dem lustvollen Chaos gipfelt darin, dass eine Labormaus vorbeikommt und Ritalin anbietet. Nun brauchen die Gruppen nur noch ihr Publikum, das sich den Herausforderungen stellt. Auch bei solch einem glänzenden Beispiel von Kulturförderung sind Zuschauer eine Grundvoraussetzung.

Aufführungen ab Mittwoch, 17. Februar. Am 27. und 28. 2. zeigt «Kicks! kompakt» nochmals alle Stücke. Das ganze Programm unter www.schlachthaus.ch (Der Bund)

(Erstellt: 17.02.2016, 08:19 Uhr)

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