Endstation Duschvorhang

Ein einziger erster Akt: Petra Schönwald adaptiert den Psychiatrie-Film «4 Könige» für das Theater an der Effingerstrasse.

Mischung zwischen Apathie und Geläuf: «4 Könige».

Mischung zwischen Apathie und Geläuf: «4 Könige». Bild: Severin Nowacki

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Na, ist denn heut noch Weihnachten? Ja, gewissermassen, aber jeder der vier Jugendlichen hier in der Psychiatrie hat mit dem Fest der Liebe seine liebe Mühe. Dunkle Erinnerungen an das Fehlverhalten der Eltern überlagern die aufgeregte Vorfreude, die sie als Kind empfunden hatten. Lara, Alex, Timo und Fedja sitzen also mit ihrer je eigenen Diagnose an Heiligabend auf der Station und machen das Beste daraus.

«Irrenhausfilme» wurden spätestens mit Milos Formans «Einer flog übers Kuckucksnest» (1975) zu einem eigenen Genre. Der Spielfilm «4 Könige» von Theresa von Eltz war 2015 eine weitere Variante, das Leben in der Anstalt darzustellen. Diesen adaptiert nun Petra Schönwald für das Theater an der Effingerstrasse.

Sie wagt dabei den freien Blick hinter die matte Psychiatrie-Fassade. Alles spielt sich hinter, vor und zwischen Duschvorhängen ab, die im Minutentakt auf- und zugezogen werden. Das schöne Bild wird arg strapaziert, und wenn die Plastikfetzen ein Wald sein sollen, werden sie grün angestrahlt.

Auch der schräge Bühnenboden glänzt und reflektiert. Darauf ereignet sich eine eigenartige Mischung aus Apathie und nervösem Geläuf. Aggressionsgeladen tigert Fabian Guggisberg herum. Julia Sewig macht aus ihrer Figur ein überdrehtes, übersexualisiertes Nervenbündel. Ständig zupft sie ihr enges Space-Kostüm (Sybille Welti) zurecht und illustriert gestisch den Text. Dagegen sind Aaron Defant und Antonia Michalsky zu phlegmatisch, um Ruhe zu stiften. Während Depressivität von einer Kamera vielleicht noch einzufangen ist, verliert sie auf der Bühne leicht jegliche Wirkung.

Psychiater und Vater

Die Anlage mit den vier Figuren, deren Leiden nicht im Vordergrund steht, überzeugt so weit. Doch bleibt sie eine Andeutung und die Bühnenfassung damit ein einziger erster Akt. Die Handlung entwickelt sich kaum, und am Schluss steht wieder vieles auf Anfang: Antonia hatte sich freiwillig einquartiert («Man gönnt sich ja sonst nichts», kommentiert Lara). Und sie geht auch wieder freiwillig. Und Timo kehrt zurück in die Geschlossene, wo er herkam.

Dazwischen gibt es zwei Ausbrüche unter musikalischem Gefrickel, die sich einprägen. Und vier Jugendliche, die zueinander finden, ungeachtet der familiären und psychiatrischen Regeln, die sich zwischen sie stellen. Dr. Wolff, den Lukas Waldvogel antiautoritär und kumpelhaft auf der Augenhöhe seiner Patienten spielt, hat seine eigenen Probleme. Er leidet selbst unter dem Weihnachtsdruck und wird bisweilen hysterisch, bleibt dabei aber immer verständnisvoll. Seine Figur und deren Konflikte sind am differenziertesten von allen gezeichnet: Ein guter Psychiater ist nicht zugleich ein guter Vater. Und wer im Alleingang seine Zöglinge frei laufen lässt, bekommt es mit den Vorgesetzten zu tun.

Plastischer Plastik

Wie sich seine Kollegin Simone dazu verhält, bleibt wiederum höchstens angedeutet. Lilian Fritz nimmt alles ernst und genau. Jede Empörung über Dr. Wolff wird von einem Lächeln begleitet, um darüber zu stehen, fehlt ihr aber die Souveränität. Schliesslich gelingt es ihr, den gewaltbereiten Timo zu bändigen. Sie wickelt ihn in ein Stück Plastik. Die Duschvorhänge bleiben omnipräsent. Sie sind das Einzige, was in dieser Inszenierung wirklich plastisch wurde.

Weitere Aufführungen bis 10. Februar. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2017, 18:36 Uhr

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