Die Verwechslung der Aufklärung mit einem Gemüsebeet

Das Theater Neumarkt eröffnet die Saison mit Simone Blattners listiger – und hinterlistiger – Inszenierung von «Candide oder der Optimismus» nach Voltaire.

Verspannte Freundlichkeit des Berufsoptimisten: Maximilian Kraus überzeugt in seiner Rolle als Candide. Foto: Caspar Urban Weber

Verspannte Freundlichkeit des Berufsoptimisten: Maximilian Kraus überzeugt in seiner Rolle als Candide. Foto: Caspar Urban Weber

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Der Roman «Candide ou l’optimisme», der berühmteste des Philosophen Voltaire (1694_1778), ist ein leichtfüssiger Klassiker des gesunden Menschenverstands. Er erzählt vom krankhaften, allzu menschlichem Versuch, sich die Wirklichkeit schön zu denken. Und das kam – man könnte sich das so vor­stellen –, weil Voltaire, als er 1759 in ­seiner Villa Les Délices am Genfersee über die Unvernunft nachdachte, zum Schluss gelangte, das Allerunvernünftigste sei das optimistische Geschwätz, an dem der deutsche Meisterdenker Gottfried Wilhelm Leibniz schuld sei.

Denn der Leibnizianismus bewies in einem barocken Kunstwerk aus Gedanken, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben; dass es seine göttliche Logik habe, wenn es uns miserabel geht, und dass Gottes Güte sich erweise im Übel, das er zulässt. Aber der Franzose sah die Leichenhaufen des Siebenjährigen Kriegs und die 30 000 Opfer des Erdbebens von Lissabon (1755), er spürte schmerzhafte Reflexe der em­pirischen Vernunft gegen ein welt­harmonisches Frömmeln, und derart wurde der «Candide» geboren.

Zeitlupe und Schnelllauf

Es wurde ihm jetzt von der Regisseurin Simone Blattner Gestalt und theatralisches Leben gegeben in «Candide oder der Optimismus», der ersten Saisonpremiere am Zürcher Theater Neumarkt. Es stürmen zu diesem Behuf fünf Schauspielerinnen und Schauspieler (Simon Brusis, Martin Butzke, Carolin Haupt, Miro Maurer, Yanna Rüger) die Bühne, das ganze candidsche Personal und die fünffache Verkörperung Voltaires, wie es scheint. Links steht ein Klavier zur musikalischen Untermalung der Dissonanzen und Harmonien im Weltgebäude (Musik: Christopher Brandt), rechts hängt das Bild eines Heiligen, der eine nackte Frau a tergo notzüchtigt, und den Candide (Maximilian Kraus) holen sie dann sozusagen aus dem Barockschrank der Aufklärung im Hintergrund (Bühne: Janina Audick).

Was folgt, ist die recht getreue, wiewohl gestraffte Nacherzählung einer Satire auf den optimistischen Masochismus. Ist Singspiel und Comic, Zeitlupe und Schnelllauf. Sprachwitzig ist es und sprachaberwitzig, laut, hektisch, hysterisch, Guignol mit leisen Klängen von Tragik, manchmal rührend im leid­vollen Sarkasmus (gutes Theater kann so was, Simon Brusis beispielsweise kann es in der Rolle einer oft geschändeten ­Alten mit halb abgesäbeltem Gesäss, ­Maximilian Kraus in der verspannten Freundlichkeit des Berufsoptimisten kann es ebenfalls). Und es ist, so nachträglich betrachtet, auch nicht der dümmste theatralische Trick, mittels Selbstironie einer auf Kohärenz begierigen Kritik das Argumentationsinstrument aus der Hand zu schlagen, mit dem sie grad auf ein paar inszenatorische Sprunghaftigkeiten hinweisen wollte.

Das lassen wir also. Es war ja einfach schön und hat einen sehr gefreut im elenden Gewusel der prästabilierten Harmonie. Ein paar inhaltliche Erinnerungen sind zum vollen Genuss der ­temporeichen Sache vielleicht nützlich: Dass dies die Geschichte eines Jünglings ist, der vorzeiten auf dem Schloss des Barons von Tundertentronck in West­falen lebte (Am Neumarkt heisst es «Donnersstrunckhausen». Warum ­eigentlich? Es klingt etwas aufdringlich nach «Entenhausen».) Dort hielt man sich auch einen Philosophen namens Pangloss, der die Metaphysico-theologo-cosmolonigologie lehrte und eigentlich nur dazu da war, immer wieder zu ­beweisen, dass alles in der besten der Welten zum allerbesten Zweck erschaffen sei, was man zum Beispiel daran sehe, dass der Mensch eine Nase habe, um Brillen zu tragen. Item, das Leben war eine Lust und wär eine geblieben, hätte Candide nicht das Fräulein Kunigunde geküsst, die Tochter des Barons. Man jagte ihn aus dem Haus, mit nichts als dem Pangloss im Kopf.

Philosophie des kleinen Glücks

Das grobstoffliche Leben zeigt ihm bei Voltaire – und bei Simone Blattner – dann die Instrumente und probiert sie an ihm aus. Das heisst unter anderem: Spiessrutenlaufen in Bulgarien, bis Muskeln und Sehnen vom Genick bis zum Hintern blossliegen; eine Geisselung durch die portugiesischen Inquisition; Kannibalen in Paraguay. Der Optimismus hält das nur aus durch ständige ­philosophische Selbstvergewaltigung – irgendwann geht das nicht mehr, und es reift die Idee, man sei überall gleich jämmerlich unglücklich und bestelle am besten den eigenen kleinen Garten. Das ist der Satz des Candide, er hat sich längst selbstständig gemacht: «Il faut cultiver notre jardin.»

Im Sinn der voltairschen Vernunft, der keinen Anlass zu mehr Optimismus sah, war das ja noch wohlverstandene Aufklärung: eine Art Philosophie des kleinen Glücks, skeptisch zwar und resignativ, aber immerhin voll selbstversorgerischer Energie. Also die vorläufige Theorie von der zweitbesten aller Welten. In Simone Blattners listiger und hinterlistiger Inszenierung, die auch ein wenig von sich selbst handelt und vom Theater 250 Jahre nach Voltaire – in ­dieser ists nur noch ironisches Mantra: quasi ein Revenant des Leibnizianismus in der Form von Urban Gardening oder die Verwechslung von Aufklärung mit einem Gemüsebeet. Es ist der jammernden Bitterkeit dieses Candide kaum zu trauen. Womöglich hat er gar nichts gelernt zwischen Bulgarien und Paraguay und wird nichts mehr lernen und jetzt halt sein Gärtchen für die beste aller möglichen Welten halten, auch wenn es ihm die Tomaten verhagelt.

Bis 11. November (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2015, 04:28 Uhr

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