Der vermeintliche Wahnsinn im Kopf

Baden in der Aussichtslosigkeit: Die Frauentruppe Playades nimmt sich mit dem Theaterstück «Luftschwimmen» des Schicksals zweier Frauen in fürsorgerischer Verwahrung an.

Es geht vergessen, welches Jahr wir schreiben: «Luftschwimmen» handelt von zwei Frauen, die in eine Anstalt gesperrt werden.

Es geht vergessen, welches Jahr wir schreiben: «Luftschwimmen» handelt von zwei Frauen, die in eine Anstalt gesperrt werden. Bild: zvg

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Miss Kitzen und Miss Baker wurden vor gut hundert Jahren wegen unehelicher Kinder in einem britischen Krankenhaus verwahrt. Für fast fünfzig Jahre. Charlotte Jones’ Theaterstück «Luftschwimmen» baut auf diesen historischen Frauen auf und zeigt die aussichtslose Isolation der zwei Unangepassten von innen. Keine Spur von Wärtern und der Anstalt, was alles nur noch bedrückender macht, denn die Figuren Dora und Persephone sind sich selbst und der Routine überlassen. Beim täglichen Politurdienst wechseln sie sich mit der Treppe und der Badewanne ab. Die beiden fabulieren sich aus der Monotonie heraus, streiten sich und finden wieder zueinander. Als Dori und Pori, auf Walliserdeutsch, spinnen sie sich weite Innenwelten aus.

Chirurgie am eigenen Schädel

Die damaligen Herren, die Väter, Liebhaber oder Psychiater, tauchen nicht selbst auf. Dora wäre gern diensttauglich und träumt von ihrem eigenen Regiment. Denn sie interessiere sich schon für Männer in Uniform, aber nur wegen der Uniform. Die Schauspielerin Lilian Naef hat hier eine Paraderolle gefunden. Mit ihrer Physis und ihrer Stimme steckt sie alles ab, von kraftvoll bis fein, von hager bis rund. Sie scherzt trocken, schaut traurig, handelt forsch. Und die 50 Jahre in dieser «Anstalt für kriminelle Geisteskranke» machen sie sichtbar gebrechlich. Es kostet die androgyne Dora Überwindung, mit ihrer Mitinsassin Persephone (Cindy-Jane Armbruster) zu tanzen, schliesslich hätte man «Johanna von Orléans nie beim Charleston erwischt».

Lieber denkt sie an ihr Frauenbataillon des Todes, oder versucht sich mit einem Schaumschläger selbst zu trepanieren. Die Frau also, die wegen ihres Wunsches, Mann zu sein, weggesperrt wird, versucht sich den vermeintlichen Wahnsinn aus dem Kopf zu meisseln. Es ist ein dichtes Stück, mit dem die Britin Charlotte Jones debütierte. Bisweilen geht unter den historischen Referenzen die Übersicht verloren. Die Regisseurin Eva Mann hat «Luftschwimmen» für ihre Frauentruppe Playades adaptiert und gemeinsam mit Cindy-Jane Armbruster übersetzt. Und zwar teilweise ins Standard- und teilweise ins Walliserdeutsche.

Beim Wechsel zum heimatlichen Idiom der beiden Schauspielerinnen wird das Licht wärmer, die Realität rückt ferner. Dann wird es skurriler und Dori und Pori verzerren die Zeit. Die Mundart-Szenen bereichern das knapp zweistündige Stück. Denn damit treffen auch Sprachen zweier verschiedenen Zeiten aufeinander, fusionieren schliesslich. Im Dialekt schweift Armbruster ab ins Morbide, möchte etwa ihre Nachgeburt «mit Parmaschinken und Waldpilzen» verzehren. Dann schwärmt sie wieder von der Modell-Frau Doris Day. Fabienne Imoberdorf, in pinkem Kleid und weissen Schuhen, steuert Geigenklänge bei.

Arrangiert mit dem Ungewissen

Ein liebevolles Bild geben Naef und Armbruster ab, wie sie in der gleichen Badewanne schlafen, oder wie sie traumhaft synchronschwimmen – ein Planschbad in der Aussichtslosigkeit. Wann sie herauskommen, oder was sie danach tun, können sie nicht sagen. Sie setzen zu einem Ende an, auch des Stückes, und dann zu einem zweiten. Dora und Persephone haben sich mit dem Ungewissen abgefunden. Vergessen geht auch, welches Jahr wir schreiben.

Es ist eines, in dem die Misogynie wieder zunimmt. Ob heute, vor hundert Jahren, oder in hundert weiteren – Gleichheit ist erreichbar. Gut möglich aber, dass wir noch vorher durch die Lüfte schwimmen.

Weitere Vorstellungen am Freitag und Samstag um jeweils 20.30 Uhr im Tojo Theater der Reitschule. (Der Bund)

Erstellt: 17.02.2017, 07:13 Uhr

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