Das Abziehbild einer Heldin

In Betroffenheit erstarrt: Das Stück «Eine nicht umerziehbare Frau» von Stefano Massini handelt von der ermordeten Reporterin Anna Politkowskaja.

Alles dient der Untermalung, nicht aber der Erkenntnis: Anna Politkowskajas Geschichte am Stadttheater.

Alles dient der Untermalung, nicht aber der Erkenntnis: Anna Politkowskajas Geschichte am Stadttheater. Bild: Annette Boutellier

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Immer wieder lächerlich: Der russische Präsident mit nacktem Oberkörper hoch zu Ross. Auf dem Foto daneben Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow mit einem Kätzchen im Arm. Nur wenig präsidial wirken sie auf den Bildern, die in der Vidmar 2 an der Bühnenrückwand hängen. Vor allem das Foto von Putin und dem Pferd erlangte Internet-Berühmtheit. Es ist ein sogenanntes Meme: ein Inhalt, der unaufhörlich und immer wieder neu bearbeitet durchs Netz geistert.

Jetzt handelt «Eine nicht umerziehbare Frau» aber nicht vom Web, sondern von der Wirklichkeit. Es ist die Geschichte der Journalistin Anna Politkowskaja, die während des zweiten Tschetschenienkriegs vor Ort war und von den Verbrechen der russischen Armee berichtete. Als Reporterin sah sie sich der Wahrheit verpflichtet; als «nicht umerziehbare» Staatsfeindin wurde sie dafür klassifiziert. Ihren Mut bezahlte sie mit dem Leben: Am 7. Oktober 2006, ausgerechnet an Putins Geburtstag, wurde Politkowskaja per Auftragsmord in ihrem Wohnhaus in Moskau erschossen.

Horror aus dem Kriegsgebiet

Seither kennt auch der Westen ihren Namen. Und nun hat ihr der italienische Dramatiker Stefano Massini ein Theater-Memorandum geschrieben. Einen Monolog in Collagenform, in dem sie den Horror im Kriegsgebiet beschreibt, Gespräche mit Kämpfern nacherzählt oder Wissenswertes zur Geschichte Russlands vermittelt – alles fiktiv, aber basierend auf Politkowskajas Berichten.

Packend bis grauenvoll sind diese Szenen. Und in der Vidmar? Die Inszenierung von Jennifer Whigham erstarrt in Betroffenheit. Natürlich: Kriegsrealität macht selten einen heiteren Theaterabend. Aber ebenso wenig bedeutet das blosse Zitat automatisch eine Reflexion. Dazu müsste man schon wissen, wozu man einen Stoff wie diesen auf die Bühne bringt. Geht es darum, Kritik an Russland zu üben, zu warnen vor Putin? Vor dem Fremdenhass? Oder will man einfach nur eine Heldin würdigen? Alles von dem und doch nichts richtig, so scheint es bei dieser Schweizer Erstaufführung.

Auch daheim ein Chaos

Eindeutiger ist hingegen die Szenerie, die Politkowskajas Arbeitszimmer darstellt und an das Büro einer verrückten Fernsehkommissarin erinnert. An der Hinterwand bringt die Protagonistin Fotos, Artikel und Illustrationen an; es fehlen nur noch ein wildes Mindmap und rote Stecknadeln in der Karte der Kaukasusregion. Und bei einer Frau, deren Alltag der Krieg ist, muss sicher auch zuhause ein Chaos herrschen: Überall stapeln sich die Aktenordner (Bühne: Janine Fischer).

So kann man sich das vorstellen, aber so ist es eben ein Klischee. Das Problem beginnt allerdings schon früher. Genauer dort, wo Massini aus Fakten Fiktion werden lässt, so wie er es schon bei seinem letzten Stück «Lehman Brothers» getan hat, in dem er den Bankencrash als Familiensaga nacherzählte. Und so ist auch am Stadttheater höchst unklar, wo die Wirklichkeit aufhört und wo die Imagination beginnt. Die dramatisierte Erzählung über Anna Politkowskaja hegt einen Realitätsanspruch, will aber gleichzeitig Theater sein. Worauf also zielt ein solches Stück ab? Jedenfalls nicht auf die Aufklärung des Zuschauers.

So schön kann sterben sein

So gesehen tut Kornelia Lüdorff in der Rolle der Anna Politkowskaja das einzig Richtige: Sie verkörpert die Journalistin nicht nach ihren Vorstellungen, etwa indem sie ihr persönliche Motive unterstellt. Sie spricht die Textfragmente stattdessen kühl und sachlich. Kämpferisch wirken einzig ihre kniehohen Stiefel (Kostüme: Milena Hermes). Besonders unterhaltsam ist das nicht, aber Krieg ist ja auch kein Entertainment. Oder? Ganz sicher sein kann man sich nicht bei Regisseurin Whigham, die etwa die Szene, in der Politkowskaja nach einer Vergiftung im Spital erwacht, als zauberhaften Traum inszeniert. Ein Hellraumprojektor wirft das faszinierende Bild von zerlaufender Tinte an die Wand, während Lüdorff in Unterwäsche und drapiert wie eine Leiche an der anderen Seite der milchglasigen Wand lehnt.

So schön kann sterben sein. Und so betriebsam ein Monolog: Zu Politkowskajas Schilderungen ihres Alltags tickt ein leiser Beat, später wirft sie Flugblätter ins Publikum, tanzt zu käsigem Discosound oder zupft gedankenverloren eine Geige. Das alles dient der Untermalung, nicht aber der Erkenntnis. Politkowskajas Geschichte wird reproduziert wie ein Abziehbild. Sie wird zum isolierten Bewusstseinsinhalt, der ohne Angebot zur Auseinandersetzung weitergereicht wird. Sie wird zum Meme.

Bis 15. Februar, Vidmar 2 (Der Bund)

Erstellt: 09.01.2017, 07:09 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder … und dann kam Alex

KulturStattBern #BernNotBrooklyn Safariversion

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...