Kultur

Wie ein komischer Onkel aus Havanna stürzt Schlingensief auf die Bühne

Von Simone Meier. Aktualisiert am 07.12.2009 1 Kommentar

René Pollesch legt die theoretische Basis, dann kommt Christoph Schlingensief und stirbt stellvertretend für die Leute. «Calvinismus Klein» am Schauspielhaus beweist, wie erfrischend radikales Denken ist.

Ein Spiel mit Leib und Leben, aber auf klappriger Boulevardbühne: Carolin Conrad und Martin Wuttke in René Polleschs «Calvinismus Klein».

Doris Fanconi

Der Abend beginnt mit einem grossen Problem: Sie (Carolin Conrad) und er (Martin Wuttke) wollen ins Theater. Aber nicht in eines, in dem Leute im Publikum sitzen und sich als Teil einer nach dem gleichen Sinn suchenden Gemeinschaft verstehen, also nicht in ein «interaktives» Theater. Sondern in ein «interpassives» Theater, wo man nicht mehr selbst Rührung verspüren muss, denn Gefühle zu produzieren, ist auch bloss eine Form von Arbeit.

Sie suchen also nach dem Theater, in dem man die Erledigung seiner Gefühle an einen Schauspieler delegieren kann. Er könnte einem Zuschauer etwa die Liebe abnehmen und sich einen Abend lang um dessen Frau kümmern. Der Zuschauer könnte sich so entspannen und calvinistischer Askese hingeben. Und danach zu einem ganz neuen Welt- und Wertverständnis kommen. Einem, bei dem die Grössen, die einen Menschen so definieren – Geburt, Nation, Natur, Familie – nicht mehr wichtig sind, sondern nur noch das Jetzt, das Gegenüber, zwei Körper, Berührung statt Rührung. Alles andere ist «voll yesterday». Und damit auch alles, was das Premierenpublikum vom Freitag wohl bisher im Pfauen gesucht hat.

Entspannen im Unsinn

Das traditionelle Sinnsuchertheater dagegen ist absolut hohl: «Irgendwelche schweren Wörter ziehen an einem leichten Band gasförmige Körper hinter sich her», sagt Wuttke. Und damit man sieht, wie bar jeder Illusion das Theater sein kann, hat das Bühnenbild (Janina Audick) rein gar nichts zu verbergen. Es ist ein monströs sinnloses Ding, eine Art zweidimensionale Sperrholz-Boulevardbühne – so wie im Boulevardtheater ja niemand nach Tiefsinn sucht, sondern nach Entspannung im Unsinn. Türen klappern, Balkone werden beklettert, es gibt ein Drehpodest und in einer Wand ein rosa Klappbett. Hinter den Türen ist nichts, bloss weiterer Bühnenraum, der vom Filmteam nach vorne gebeamt wird. Die beiden Schauspieler bewegen sich mal vorn, mal hinten.

Sie spielen, wie immer bei Pollesch, mit Leib und Leben, denn ihre Körper sind ja nicht gasförmig erhaben, sondern sehr präsent. Und wie immer bei Pollesch verschmilzt die hochkomplexe Interaktiv-Interpassiv-Theorie (die er sich beim Philosophen Robert Pfaller geliehen hat) mit einer sehr handfesten Verkörperung, deftigen Kostümen, Tricks und Zauberei. Feuerwerk sprüht, Lämpchen leuchten, Conrad wird in Einzelteile zerlegt. Höhepunkt dieser Publikumsentspannung ist eine dreist amüsante Giftkelchnummer, bei der sich die beiden pythonesk verhaspeln.

Die Kostüme (Aino Laberenz) sind aus den Spielcasinos und Tanzpalästen der 20er-Jahre geklaut, wo der Stummfilmbösewicht Dr. Mabuse den Reichen mittels Hypnose das Geld aus den Taschen zog. Und hypnotisch ist auch, wie schamlos charmant Pollesch dem Pfauen-Publikum da eigentlich eine Beschimpfung unterjubelt.

Besuch von Onkel Schlingensief

Dass an drei Abenden René Pollesch und Christoph Schlingensief zu einem Pollensief verschmelzen, ist natürlich grenzgenial. Wie ein komischer Onkel aus Havanna im Boulevardtheater stürmt Schlingensief nach etwa einer Stunde mit allen seinen Darstellern durch die Foyertüren auf die Bühne. Es gibt ein kurzes gemeinsames Geplänkel, dann zeigt Wuttke auf Schlingensief, sagt: «Mein Freund stirbt», und meint damit den realen Freund, der real stirbt. Und weil Christoph vor uns auf der Bühne steht und stirbt, delegieren wir im Zuschauerraum – der interpassiven Theatertheorie zufolge – nun unser Sterben kollektiv an ihn. Womit dann recht eigentlich Christus auf der Bühne stünde. Was für ein Theatermoment.

Doch die Prozession muss weiter, zurück ins Neumarkt (siehe Artikel zum Thema). Dazu prescht eine von Polleschs Lieblingsmelodien durch den Pfauen, die sentimental-pompöse Titelmusik aus «Pirates of the Caribbean» – und wir sitzen da und sind eben doch gerührt, weil einem die Theaterpiraten das Herz gestohlen haben. Ob «Calvinismus Klein» in all seinen theoretischen Verästelungen wirklich ganz aufgeht, können wir hier nicht sagen. Dafür müssen wir uns den René ohne Christoph noch einmal anschauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2009, 10:44 Uhr

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1 Kommentar

Pedro Ruegg

07.12.2009, 12:28 Uhr
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Endlich ist wieder mal Theatergeschichte in Zürich geschrieben worden. Danke Herr Schlingensief und Herr Pollesch. Die Bethlehemszene im Kunsthaus ging in diesem Artikel leider unter, war aber wunderschön. Antworten



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