Kultur

Warhol in der Disco

Von Simone Meier. Aktualisiert am 09.05.2011

Die zweite Premiere des Neumarkt-Theaters im Club Saint Germain war ganz einem Genie der Oberflächen gewidmet. Stephan Müller zeigte sein Warhol-Projekt «A.N.D.Y.».

Alles andere als cool: Cecilia Steiner (mit Mikrofon) singt in die glitzernde Nacht hinein.

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Bild: Doris Fanconi

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Just am Tag vor der zweiten grossen Neumarkt-Premiere in seinem Club Saint Germain an der Bahnhofstrasse hatte sich Carl Hirschmann mal wieder einen kleinen Coup, gewissermassen ein Cüpli geleistet, der bewies: Carl bleibt Carl, bleibt reich, bleibt dekadent, bleibt irgendwie hoffnungslos. Im Netz veröffentlichte er Bilder seiner «life changing experience», nämlich seiner spirituell und karitativ superwichtigen Asienreise im Privatjet, auf der ihn der Society-Fotograf Michel Comte begleitet hatte, dem man in diesem Fall wirklich einen sinnvolleren Job gewünscht hätte. Carl schrieb auf seiner Website: «Wir bitten nicht um Spenden, weil wir wirklich glauben, dass der beste Weg, um Asien zu helfen, darin liegt, hinzureisen und die Wärme und Magie zu spüren.» Was für eine weise, budgetschonende und überaus hilfreiche Einsicht.

Immerhin hatte er es so geschafft, dass über dem Premierenabend am Samstag mal wieder ein prickelnder Hauch von frivoler Neugier lag, und wer bis jetzt noch immer nicht im Saint Germain gewesen war, erwartete erst recht viel, nämlich ein Eintauchen in eine Spiegelwelt von verkommener Versnobtheit. Und dann war man enttäuscht. Über die Kleinheit und die schwarze Schäbigkeit, die man exakt so aus allen Provinzdiscos einer Landjugend in den 80ern und 90ern kannte.

Lametta und ein silbernes Sofa

Das Neumarkt-Theater hatte den schwarzen Club aufgepeppt mit viel Lametta, und auch ein grosses, silbernes Sofa machte sich sehr gut (Raum: Hyun Chu), und es schien, als würden diese beiden Farben die Oberfläche des Andy Warhol recht gut reflektieren, dieses Mannes, der stets in Schwarz und mit silbrigweissem Haar aufgetreten war. Und es war schön, dass der Abend an diesem Ort, der so sehr vom Oberflächlichkeitswahn seines Patrons durchdrungen ist, von den Schauspielern mit ein paar Warhol-Spitzfindigkeiten über die Ausschliesslichkeit beziehungsweise das zufälligerweise mögliche Zusammenfallen von Schönheit mit Spatzenhirnigkeit eröffnet wurde.

Hübsch, allerdings auch ein bisschen billig kalkuliert, war dann auch wieder das Ende, als zum Ausklang der samstäglichen Clubpremiere alle gemeinsam «Sunday Morning» von Velvet Underground sangen, deren Debütalbum einst von Warhol produziert worden war. Überhaupt wurde viel und sehr schön gesungen aus dem samtigen Untergrunde jener Zeit (um die Musik kümmerte sich Fabian Kalker), besonders Jakob Leo Stark und Tabea Bettin muss man dabei hervorheben und loben. Und auch die Texte – die meisten stammten aus Warhols verschmitzt-vergnüglichem Büchlein «Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück» – brillierten als solche. «Sex ist wehmütige Erinnerung an Sex» oder «Alles ist sowieso viel toller, wenn man es im Bett macht, auch das Kartoffelschälen» oder «‹Being a man› ist genauso sehr nichts wie ‹being a woman›: Beide müssen sich rasieren, das ist doch ein grosses Nichts» – das waren Sätze eines Genies, das in seinen amüsanten Aphorismen zwischen Schüchternheit und Koketterie schwankt und auf sehr sympathische Art nur eines ganz sicher nie ist, nämlich cool.Vielleicht war es also Absicht, dass dem Abend von Regisseur Stephan Müller jede Coolness fehlte. Und auch jede erkennbare Absicht. Die Stimmung von Warhols Texten fing er so treffend ein, aber sonst fragte man sich: Regie, wo bist du bloss, in diesem seltsam unfokussierten, ahistorischen Schweben zwischen szenischer Lesung, bodenständigem Liederabend und dekorativem Tanzen? Wieso heisst die Inszenierung nicht nur «A.N.D.Y.», sondern «A.N.D.Y. (All Nerds Die Young)»? War Warhol, als er mit 58 Jahren starb, wirklich noch so legendär jung gewesen? Abend, wo ist dein Stachel, deine Verführung, dein grösserer Sinn? Was willst du uns mitgeben in die silbrige Nacht hinein? Man hatte viel erwartet. Vom Raum, vom Regisseur. Sie hatten beide ein wenig enttäuscht. Nur der Andy nicht, der Nerd, der ist und bleibt unsterblich.

Bis 9. Juni. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2011, 06:54 Uhr

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