Kultur

Unheilbar gesund

Von Alexander Sury. Aktualisiert am 09.11.2010 2 Kommentare

Georg Kreisler gastierte mit seiner Frau Barbara Peters in der Cappella – möglicherweise war es der letzte Schweizer Auftritt des 88-Jährigen, der auch ohne Klavier das Publikum in seinen Bann ziehen konnte.

Er staunt ob der wundersamen Vermehrung des Dilettantismus in allen Lebensbereichen: Georg Kreisler. (Christoph Hoigné/zvg)

Er staunt ob der wundersamen Vermehrung des Dilettantismus in allen Lebensbereichen: Georg Kreisler. (Christoph Hoigné/zvg)

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Es ist Pause. Der lange, mit einem schwarzen Tuch bedeckte Tisch auf der Bühne ist leer und erinnert an ein Leichenmahl, leer sind auch der hellblaue und der rote Stuhl. Vorher sass Georg Kreisler auf dem hellblauen, Barbara Peters auf dem roten Stuhl. Im eleganten grauen Anzug, die markante Brille von schlohweissem Haar gerahmt, liess er gar nicht erst Begräbnisstimmung aufkommen und begann sogleich mit einer lustvollen Publikumsbeschimpfung: Ein Schaf auf zwei Beinen, das sei noch kein Mensch, aber eine Schafherde auf zwei Beinen – das sei zweifelsfrei ein Publikum.

Zuschauerinnen und Zuschauer quittierten die Schmähung mit Entzücken. «Viele Kritiker und vor allem die Veranstalter mochten mich nicht», hatte Kreisler dem «Kleinen Bund» vor einigen Jahren zu Protokoll gegeben, «es war immer das Publikum, das mich gerettet hat.» Und besagten Kritikern im Publikum gab Kreisler gleich den Tarif durch: Ein Kritiker könne intelligent sein, nicht aber, während er die Kritik schreibe.

In der Pause vermisst eine Zuschauerin auf dem Balkon den singenden Georg Kreisler am Klavier. Speziell für diesen Abend hat sie wieder einmal seine «Everblacks» angehört. Zu ihrem Begleiter sagt sie: «Ich kenne ihn halt nur als Diseuse, oder wie lautet die männliche Form?» Der Begleiter ist auch unsicher («Diseur?»), findet aber den lesenden und rezitierenden Georg Kreisler sehr amüsant – ja, der 88-Jährige tritt seit rund zehn Jahren nicht mehr am Klavier auf.

Zusammen mit seiner Ehefrau und Bühnenpartnerin Barbara Peters ist er auf Abschiedstournee – im Gepäck hat er «unbeabsichtigte Gedichte» aus seinem kürzlich veröffentlichten ersten Gedichtband «Zufällig in San Francisco» (Verbrecher-Verlag), Gedichte unterschieden sich ja gewaltig von Liedtexten, hat Kreisler zu Beginn des Abends in der Berner Capella erklärt: «Gedichte sollten eigentlich nicht vertont werden, sie sind ja selbst eine Art von Musik.» Also doch ein musikalischer Abend, wenn auch ohne Klavier, dafür aber mit dem kurzen Auftritt einer Mundharmonika.

Schwermütig heiter

Im Laufe seiner langen, fast sechzig Jahre währenden Karriere hat sich Kreisler vom schwarzen Humoristen zum versponnenen Surrealisten, vom Autor «seltsamer Liebeslieder» zum ätzenden Gesellschaftskritiker und melancholischen Zeitgeistdiagnostiker entwickelt. Schnell wird an diesem ebenso vergnüglichen wie wehmütigen Abend deutlich, dass Kreislers Blick auf die Welt auch in seinem 89. Lebensjahr von existenzieller Traurigkeit erfüllt ist – von einer Schwermut, die aber nicht Resignation bedeuten muss. Er blendet zurück ins Jahr 1914 und präsentiert eine Sammlung von kriegslüsternen Ergüssen bekannter Dichter deutscher Sprache, er staunt einmal mehr ob der wundersamen Vermehrung des Dilettantismus in allen Lebensbereichen – ins Theater geht er schon lange nicht mehr – und widmet sich lieber der Widerlegung des Sprichworts «Aller Anfang ist schwer». Kreisler tritt in seinem Buch «Anfänge» (Arche-Verlag) den Beweis an, indem er etwa den Beginn eines hochkomplexen (und urkomischen) Familienromans à la «Buddenbrooks» vorträgt mit einer geballten Ladung Mesalliancen, Intrigen und unglücklichen Liebschaften.

Altersmilde strahlt dieser Mann wahrlich nicht aus, auch wenn er manch bittere Einsicht mit Wiener Charme serviert. Mit seinen Liedern habe er vielleicht einen kleinen Beitrag zu bescheidenen Verbesserungen geleistet, sagt Kreisler. «Aber an der Unrechtsgesellschaft hat sich fundamental nichts geändert.» Dazu zitiert Barbara Peters eine Stelle aus dem Lied «Zu leise», das Kreislers Credo wohl ziemlich nahekommt: «Ich singe Lieder in die blau wattierte Ferne. Ich hänge Klagen an die pausenlose Zeit. So hebt ein jeder seine winzige Laterne, und ich lerne: Nur das Lied bleibt. Und die Hoffnungslosigkeit.»

Der ominöse «Bluntschli»

Nein, hoffnungslos wird man nicht in die kühle Nacht entlassen. Die vor der Pause noch etwas distanzierte Zuschauerin auf dem Balkon taut im zweiten Teil hörbar auf und summt die Melodien leise mit, als Kreisler Lieder wie «Tauben vergiften» oder «Wie schön wäre Wien ohne Wiener» mit Schalk und einem immer noch beeindruckend geschmeidigen Stimmorgan deklamiert. Und beim «Bluntschli», diesem geheimnisvollen Gegenstand in einer Schachtel, der seinen Besitzer so interessant macht, entfalten Kreislers Vokalkünste eine derartige Virtuosität, dass das Publikum in einen Begeisterungssturm ausbricht: «Ja, ohne diesen Bluntschli / wär ich ein andrer Mann / denn wenn ich nicht den Bluntschli hätt / wer schauet mich schon an?» Wir haben Georg Kreisler und Barbara Peters mit grösstem Vergnügen angeschaut. (Der Bund)

Erstellt: 09.11.2010, 09:35 Uhr

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2 Kommentare

medea bichsel

09.11.2010, 12:29 Uhr
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ich verneige mich vor diesem mann! Antworten


Berit Schrickel

09.11.2010, 14:53 Uhr
Melden

Mist. Da habe ich doch den einzigen Mann, dem es sich überhaupt noch lohnt, zuzuhören, verpasst. Ich frage mich ja, ob es seine Auftritte auch auf DVD gibt? Ich hoffe es! Antworten



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