«Türen auf am Stadttheater!»
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 18.01.2012 3 Kommentare
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«Wenn alle Fenster dunkel sind, erinnert mich das Haus am Abend an einen alten, traurigen Elefanten, der seinen Rüssel in die Aare hängt», sagt Stephan Märki. Im Stadttheater am Kornhausplatz brannte in den letzten Jahren immer weniger häufig Licht. Umso heller ist es dafür in den Vidmarhallen im Liebefeld geworden, wo die meisten Schauspielproduktionen gezeigt wurden. «Das Schauspiel ist am Stadtrand wieder aufgeblüht, das ist toll, doch wenn es ums Überleben des Theaters geht, wird die Hauptschlacht hier, im Zentrum der Stadt, geschlagen», sagt der neue Intendant.
Mit der Auslagerung des Schauspiels habe die Abwärtsspirale eingesetzt, analysiert Märki weiter. Die Zuschauerzahlen sind zwar in der letzten Saison wieder gestiegen, aber die Oper, die noch bis vor wenigen Jahren zu 80 Prozent und mehr ausgelastet gewesen ist, bleibt das Sorgenkind.
Der Entscheid von Märkis Vorgänger, in der Oper aufwendigere Produktionen zu inszenieren und weniger zu spielen, erwies sich als untaugliches Rezept gegen den anhaltenden Publikumsschwund. Der Apparat wurde immer schwerer, der Druck auf einzelne Produktionen immer grösser. «Das Theater muss leichter werden, und um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, müssen alle Sparten wieder zusammenspannen.»
«Fast wie auf einem Friedhof»
Da steht er, der neue Direktor, im Entree des über hundertjährigen Hauses und schaut sich um, studiert die Marmortafeln mit den goldenen Inschriften. «Eine Stimmung fast wie auf einem Friedhof», sagt er. «Warum hat es hier kein Kassenhäuschen mehr, warum wird das Publikum nicht von vertrauten Gesichtern begrüsst?» Am meisten stört Märki, dass die schweren Holztüren des Theaters fast immer geschlossen sind. «Die Türen eines Stadttheaters müssen weit offen sein.» Und die Gänge hätten ein neues Outfit verdient. «Ein Bühnenbildner könnte da viel bewirken.» Allerdings nicht sofort. «Eine weitere Baustelle liegt nicht drin.»
Zahlreich sind sie, die Baustellen, auf denen der neue Intendant seit ein paar Monaten arbeitet. Offiziell beträgt sein Pensum in Bern bis 1. Juli 2012 zwar nur 25 Prozent, noch ist er für das Nationaltheater von Weimar zuständig, das er seit elf Jahren führt. Doch zu knapp bemessen sind diese 25 Prozent, also müssen häufig auch Wochenenden für Sitzungen herhalten. Aber eigentlich ist das, was er bewerkstelligen muss, gar nicht zu bewältigen, nämlich gleichzeitig an einem Ort abschliessen und am andern anfangen. Dass dieses Übergangsjahr sehr anstrengend wird, wusste Märki, als er im Mai 2011 seinen Vertrag unterschrieb. «Allein der Vollzug der Fusion ist eigentlich ein Fulltime-Job.»
Mit den Änsten beider Seiten vertraut
Auf dem Papier existiert zwar die neue Institution Konzert Theater Bern (KTB), in der das Stadttheater und das Berner Symphonieorchester (BSO) zusammengeführt sind, schon seit mehr als einem halben Jahr. «Im Alltag gibt es aber noch einiges Entwicklungspotenzial. Viel läuft noch immer parallel.»Bezüglich der Fusion von Theater und Orchester macht sich Märki keine Illusionen. Bis die beiden zu einer neuen, gemeinsamen Identität fänden, werde es wohl noch eine Weile dauern. «Ein Wirgefühl lässt sich nicht befehlen. Aber ich weiss, dass sie zusammengehören und dass es funktioniert.» Kommt er doch aus einem Haus, wo Orchester und Theater seit Jahrhunderten eng zusammenarbeiten.
Mit den Ängsten beider Seiten ist er mittlerweile gut vertraut, und er weiss auch, was es braucht, um sie abzubauen. Für ihn ist eine Verkleinerung des Orchesters zugunsten des Schauspiels, wie es der KTB-Stiftungsrat eigentlich vorgesehen hat, vom Tisch. «Als Erstes Orchesterstellen zu streichen, wäre denkbar schlecht für den Neustart gewesen.» Und zu gross sei das Orchester übrigens auch nicht, sagt Märki dezidiert. «Das bürgerlich kulturelle Selbstverständnis hängt auch von der Grösse des Orchesters ab, es muss der Stolz der Stadt sein.» Auch ohne das Orchester zu verkleinern, will er das Schauspielensemble vergrössern. Zwar nicht um die vom Stiftungsrat in Aussicht gestellten sechs Positionen, aber wenigstens um deren vier. Sein Zauberwort heisst Synergie im administrativen Bereich. «Da kann man noch einiges herausholen.»
«Ferrari-Motor in VW-Chassis»
Zwei Jahre hat üblicherweise ein neuer Intendant Zeit, um sich auf die erste Saison vorzubereiten, und häufig bringt er auch noch seinen eigenen Tross, ein eingespieltes Team, mit. Märki kommt allein. «Wenns hoch kommt, werden drei Leute aus Weimar hier arbeiten.» Mit den Engagements von Iris Laufenberg (Schauspiel) und Xavier Zuber (Musiktheater) ist ihm zwar ein Coup gelungen, der weit über Bern hinaus auf Beachtung gestossen ist, aber zusammengearbeitet haben die drei noch nie.
«Ein Ferrari-Motor in einem VW-Chassis», sagt Märki und warnt gleichzeitig vor allzu grossen Erwartungen. Gar kurz sei die Vorbereitungszeit, und im ersten Jahr werde man das künstlerische Potenzial der Leitungscrew, zu der auch Chefdirigent Mario Venzago und Cathy Marston (Ballett) gehören, nicht ausschöpfen können. Weil das Theater Verluste gemacht habe, stehe für den Aufbruch faktisch weniger Geld zu Verfügung, und man werde mehr spielen müssen. Märki macht sich nichts vor; er weiss, in der ersten Saison wird er vor allem am wirtschaftlichen Erfolg gemessen. «Es wird einen ausgewogenen Spielplan geben, das Risikokapital müssen wir uns erst erarbeiten. Bei jedem Stück müssen wir uns fragen, ob es nach Bern passt.» Und er erinnert daran, dass Subventionen eigentliche Risikoförderung seien. «Gelingt es uns im ersten Jahr, Konzert Theater Bern wirtschaftlich zu konsolidieren, können wir im zweiten Jahr künstlerisch aufdrehen.»
Auf sorgfältig aufgebaute Ensembles setzte er in Weimar, eine Strategie, die er auch in Bern weiterverfolgen möchte. Mit Iris Laufenberg hat er sich darauf geeinigt, den Kern des Schauspielensembles zu behalten. «Wir wollen an das anknüpfen, was Erich Sidler aufgebaut hat.»
Täglich Kompromisse aushandeln
Es ist das sprichwörtliche Wechseln der Räder am rollenden Wagen, das Märki und seine Crew vornehmen, und somit nicht der Moment, grossartige Konzepte auszuarbeiten. Zu knapp ist die Zeit. «Ich muss mir jeden Morgen die Frage stellen, was heute wichtig ist», sagt Märki, «und jeden Tag Kompromisse aushandeln, die nicht alle zufriedenstellen.» Plane doch das Orchester zwei bis fünf Jahre im Voraus, die Oper ein bis zwei Jahre und das Schauspiel am liebsten nur zwei Monate. Kommt dazu, dass der KTB-Stiftungsrat entschieden hat, dass die Spartenleiter künftig über eine grössere Autonomie verfügen. «Wieweit ich mich da einmischen werde? Das wird man sehen.»
Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Publikum - dass das Jammern noch nie geholfen hat, weiss Märki, der in Weimar ein gut bestelltes Nationaltheater zurücklässt. 75 Prozent beträgt die Auslastung dort, und ziehen liess man den Schweizer nur ungern, den Querelen der letzten Jahre zum Trotz. Dass er mit allen Mitteln und erfolgreich für die Eigenständigkeit des Nationaltheaters gekämpft hat, das haben die Weimarer ihm nie vergessen. Doch was hat ihn bewogen, nach Bern zu kommen, der Stadt, die er vor mehr als einem halben Jahrhundert, nach dem frühen Tod seiner Mutter, verlassen musste? Wäre der nächste Karriereschritt nicht die Übernahme eines Theaters in einer der grossen deutschen Städte gewesen? «In einer mittelgrossen Stadt kann ein Theater viel mehr zum kulturellen Klima beisteuern als in einer Grossstadt», sagt Märki. «Das ist es, was mich an Bern reizt.»
So angenehm er überrascht worden ist vom grossen Interesse am Theater und der lebendigen Kulturszene - ihm ist aufgefallen, wie schwierig es ist, in Bern Veränderungen durchzusetzen. «Der Wille dazu ist zwar da, aber vor der Umsetzung schreckt man hier gern zurück. Am liebsten hätte man Veränderungen, ohne etwas verändern zu müssen.»
Pragmatisch geht Märki, der Teamplayer, vor. Auch räumlich sollen die verschiedenen Abteilungen zusammenrücken, die Büros unter einem Dach untergebracht werden, damit der tägliche Austausch selbstverständlicher wird, die Abläufe reibungsloser funktionieren und das Bewusstsein wächst, dass Theater und Orchester nur eine Zukunft haben, wenn sie ihre Ziele geeint verfolgen.
Und die Generation Internet?
Denn weit grösser, gewichtiger als die internen Probleme der Fusion sind die äusseren Herausforderungen, die in dieser Umbruchzeit auf Märki und seine Crew warten. «Wie begegnet man der aktuellen gesellschaftlichen Revolution, wenn eine ganze Generation heranwächst, die weder Zeitung liest noch ins Kino geht und schon gar nicht ins Theater oder ins Konzert?» Das ist für Märki die grosse Frage. Und er gibt zu bedenken, dass sich das Theater bisher eigentlich nur fürs Bild verantwortlich fühlte, nicht aber für die Farbenlehre. «Es wird immer wichtiger, das Publikum ans Bild heranzuführen, ihm Interpretationshilfen zu geben, auf dass es eine eigene Haltung entwickeln kann.»
Die Rolle des Theaters als Ort der Kontemplation in einer Zeit der medialen Überflutung will Märki weiter ausbauen und festigen. «Zieht da die Bildungspolitik nicht mit, hat das Theater in Zukunft keine Chance mehr.»
«Das Unmögliche probieren»
Doch Märki ist zuversichtlich, nicht nur wegen der vielen positiven Signale, die den Neuanfang begleiten. «Das einzige theaterwissenschaftliche Institut der Schweiz ist hier, Bern hat eine fantastische Kunsthochschule, und auch andere Institutionen bekunden ihr Interesse an gemeinsamen Projekten.» Doch bevor da losgelegt werden könne, müsse Konzert Theater Bern erst seine neue Identität finden.
Ganz wichtig ist ihm da die Schaffung einer neuen Abteilung, die sich nur um Vermittlung und Kooperationen kümmert und für die er noch Sponsoren sucht. Unter anderem möchte er eine Bürgerbühne für Spielfreudige schaffen, um Theater mit der Stadt zu machen, und Open Airs und Projekte für Stadtinterventionen organisieren.
Wie er das alles bewältigen will? «Man muss das Unmögliche probieren, um das Mögliche möglich zu machen», lautet einer seiner Lieblingssätze. Haufenweise hat er noch Ideen, um den alten Elefanten am Aarehang aus seinem Dornröschenschlaf aufzuschrecken: «Warum ist die Theaterkantine im Keller? Wäre der Raum, wo Bern Billett untergebracht ist, nicht ideal für ein Café, wo Künstler und Publikum sich begegnen und Billette gekauft werden können?» Und am liebsten würde er einen Glasbau vors Theater stellen, auf dass die Türen immer weit offen blieben und auch tagsüber dort Kaffee getrunken werden könnte.
Er kennt die strengen Vorschriften des Denkmalschutzes, aber ein weiteres seiner Zauberwörter heisst Zuversicht. «Wenn unter den Meinungs- und Entscheidungsträgern dieser Stadt bezüglich des dringend nötigen Aufbruchs des Theaters Konsens herrscht, wird viel möglich.» (Der Bund)
Erstellt: 18.01.2012, 08:37 Uhr
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3 Kommentare
Wie kommt es, dass nur Chefdirigent Mario Venzago in diesem Communiqué erwähnt wird. Chefdirigent und Musikalischer direktor, Srboljub Dinic, hat das BSO seit seinem Wirken im Musiktheater des Stadttheaters Bern auf ein sehr beachtliches Niveau geführt. Wo bleibt seine Stimme bei all diesen Bekanntmachungen ? Antworten
Die Jungen gehen nicht mehr ins Theater, weil es zu teuer ist. Dasselbe beim Kino. Ich habe zuhause einen Beamer, da bezahle ich nicht 18.- fürs Kino. Die Zeitungen lese ich übers Netz. Aber wie immer sind die Jungen die Bösen.
Ich hoffe, es wird bald mal zur Diskussion über Subventionen kommen, welche den eh schon Privilegierten da zufliessen. Und zwar pro Zuschauer. Im Vergleich mit YB...
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