Spoerlis cholerische Ausbrüche sind gefürchtet
Von Marlies Strech. Aktualisiert am 03.09.2010 43 Kommentare
«Eine Kurzschlusshandlung»
Auf den Eklat folgte gestern die allseitige Zerknirschung. Spoerli bedauerte, das Opernhaus bedauerte ebenfalls. Alexander Pereira (der am Mittwoch im Haus war, aber nicht informiert wurde) sprach von einer «unerklärlichen Kurzschlusshandlung» und ordnete Wiedergutmachung an: Die Besucher können eine andere Aufführung des verpassten Programms besuchen, dazu noch den Ballettabend «Raymonda» am kommenden Sonntag (oder ein anderes Ballett).
Es ist also alles wieder gut – oder wenigstens fast alles. Es gibt einen Satz im überaus diplomatisch gehaltenen Mediencommuniqué, der Klartext spricht: Man werde die notwendigen Massnahmen einleiten, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden, «da die Absage einer Vorstellung allein in der Kompetenz der Opernhausdirektion liegt». Also in der des Intendanten.
Das ist der eine Punkt, der eine Rolle gespielt haben dürfte bei diesem Eklat. Pereira ist die Nummer eins am Opernhaus, Spoerli die Nummer zwei. Dass ihm diese Rangordnung nicht behagt, ist bekannt – und war auch in der Vergangenheit immer wieder der Hintergrund von Empfindlichkeiten.
Ein zweiter Konfliktherd ist nicht psychologischer, sondern struktureller Art. Spoerli hat seinen Ausbruch gegenüber DerBund.ch/Newsnet gestern mit einer überladenen Agenda begründet: «Wir sind völlig überlastet und am Anschlag», sagte er, und listete auf, was das Ballett in den letzten Tagen an Aufführungen und Proben zu bewältigen hatte. Nun ist es tatsächlich so, dass das Ballett einen intensiven Saisonauftakt präsentiert; aber der war als Sonderaktion zum 70. Geburtstag des Ballettdirektors von Spoerli und Pereira gemeinsam geplant worden. Einen Schwarzen Peter gibt es in diesem Fall also nicht zu verteilen.
Der Eindruck, dass das Opernhaus manchmal an der Grenze des Machbaren operiert, ist trotzdem da, nicht nur beim Ballett, nicht erst seit Mittwoch. Was etwa die Technik leistet (mit bis zu drei Aufführungen pro Tag), was die Werkstätten bieten (mit der Ausstattung sehr vieler Premieren), das ist mehr, als an anderen Häusern üblich ist. Vielleicht ist es manchmal zu viel. Und sicher wäre es ohne den Goodwill aller Beteiligten nicht zu schaffen. Das weiss Pereira, das weiss auch Spoerli. Die Tatsache, dass sich die beiden gestern in einer langen Sitzung zusammengerauft haben, deutet jedenfalls darauf hin.
Susanne Kübler
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Letzten Samstag startete das Zürcher Opernhaus mit einem neuen Ballettprogramm. Den Schwerpunkt bildete eine Uraufführung von Heinz Spoerli, «Der Tod und das Mädchen», zum gleichnamigen Streichquartett in d-Moll von Franz Schubert.
Der Applaus war riesig. Opernintendant Alexander Pereira trat auf die Bühne, um dem Ballettdirektor zu gratulieren – zur Premiere und zum 70. Geburtstag, den Spoerli einen Monat zuvor gefeiert hatte. Pereira drückte ihm einen dicken Strauss roter Rosen in den Arm, nannte ihn einen Choreografen von Weltklasse – was er auch ist! – und liess Champagner auffahren. Das Publikum erhob sich zu Standing Ovations.
Die Kritiken in den Zeitungen und am Radio über die Uraufführung waren lobend bis überschwänglich. Auch die Wiederaufnahmen von Spoerlis «Nocturnes» und Hans van Manens «Solo» kamen gut an. Alles schien wunderbar.
Spoerlis Ausbrüche
Und nun dies: Am Mittwoch, vor der dritten Vorstellung des Ballettabends, rastete Spoerli aus. Er liess die Vorstellung «aus technischen Gründen» platzen. Die Tänzerinnen und Tänzer mussten ohne Erklärung abtreten, das Publikum nach Hause gehen. Am Donnerstag entschuldigte sich Spoerli für die Kurzschlusshandlung. Neben einem Knatsch mit den Vorhangtechnikern nannte er den Hauptgrund: «Wir sind völlig überlastet und am Anschlag.»
Ist Spoerli «schwierig»? Wer ihn im Gespräch oder bei Proben erlebt, lernt einen eher ruhigen, zurückhaltenden, doch innerlich brodelnden
Menschen kennen. Er spricht vorsichtig, zuweilen auch witzig. Sieht rundlich-gemütlich aus, biedert sich trotzdem nicht an. Doch seine Überempfindlichkeit und seine cholerischen Ausbrüche sind gefürchtet. Davon wissen manche Tänzerinnen und Tänzer, auch viele Künstlerkollegen zu berichten. Oder die Kritikerin, die Spoerli nach einer Rezension, die ihm missfiel, anzischte: «Schriibed Sii doch nöd sooo en Saich!»
Internationale Grösse
In den 14 Jahren ihrer Zusammenarbeit sind auch Pereira und sein Ballettchef öfter aneinander geraten. Doch wenn der Opernintendant bei der Premierenfeier seinem hierarchisch Untergebenen «Weltklasse» zusprach, meinte er das ernst. Das Zürcher Ballett gehört zu den bestgeschulten klassisch-modernen Ensembles Europas, und Spoerli ist wirklich ein herausragender Choreograf. Und hyperaktiv! So hat er fast alle Ballettklassiker, von der «Fille mal gardée» bis zu «Raymonda», in eine Form gebracht, die sowohl Traditionalisten als auch das moderne Publikum bewundern. Daneben hat er eigene Handlungsballette («Sommernachtstraum», «La belle vie»), abendfüllende Musikerporträts und zahllose kürzere Werke kreiert.
Der 1940 geborene Basler, international gefragt, ist trotzdem immer wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Nach einigen Jahren als Tänzer (den man sich heute gar nicht mehr so recht vorstellen kann) war er 1973–91 Chef des Basler Balletts. Dann wechselte er nach Düsseldorf. Doch schon 1996 kehrte er in seine Heimat zurück, nun als Zürcher Ballettdirektor. 2012 tritt er zurück. Seine Fangemeinde ist gross.
Jetzt ist der «Tanzmacher», wie er sich selber bezeichnet, kurzfristig ein «Krachmacher» geworden. Er hat sich dafür entschuldigt. Und wir verzeihen es ihm gern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.09.2010, 09:07 Uhr
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43 Kommentare
Künstler sind bekannterweise eine eigene Spezie. Auch wenn viele am Anschlag sind, darf eine unmittelbare Vorstellung nicht einfach abgesagt werden. Man sieht bei diesen Profis einfach auch keine Freude an der Aufführung. Das Ganze wird zu einem Muss. Am Opernhaus Zürich ist dringend eine Auswechselung erforderlich. Nur so kommt neuer Wind hinein und man kann gute Vorstellungen geniessen. Antworten
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