Miezen mit Patina

So schmissig die Musik, so überholt die Inszenierung: Mit «Cats» zeigen die Thunerseespiele eines der erfolgreichsten Musicals überhaupt.

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Eigentlich ist der Erfolg von «Cats» nur schwer erklärbar. Das Musical von 1981 hat weder einen Handlungsstrang noch eine Pointe und schon gar keine Botschaft. Dafür so viel Bühnenpersonal, also Menschen, die singende Katzen spielen, dass man nicht nur rasch die Übersicht verliert, sondern auch feststellt: Es ist im Prinzip ganz egal, wer hier wer ist. Mitsingen kann man meistens.

Dieses Musical also gehört heute zu den meistgespielten Bühnenproduktionen überhaupt. 18 Jahre lang lief es am Broadway in New York, wo man es letztes Jahr sogar wieder ins Programm genommen hat. Wieder hat Trevor Nunn Regie geführt, jener Mann, der damals gemeinsam mit Andrew Lloyd Webber ein Kinderbuch des amerikanischen Lyrikers T. S. Eliot zum Musiktheater verarbeitet hat. Und wieder hat man denselben Kostüm- und Bühnenbildner engagiert, John Napier, der das Geschehen erneut in einer Müllhalde ansiedelte und die Darsteller wie früher in eng anliegende Elastan-Körperanzüge steckte.

Die Zeit, sie scheint in der Welt des Musicals stehen zu bleiben. Ein Eindruck, der sich auch an den Thunerseespielen breitmacht, wo man dieses Jahr «Cats» zum ersten Mal als Schweizer Freilicht-Aufführung zeigt. Das wärs aber auch schon mit den Neuerungen. Ansonsten ist es, als wären sie nie weggewesen, die wendigen Katzen des Jellicle-Stamms mit den niedlichen Öhrchen und aufgemalten Schnurrbärten. Zusammengekommen sind sie, damit ihr Oberhaupt bestimmt, welches Tier die Wiedergeburt erlangt, das heisst: aufsteigt in die «Heaviside Layer». Eine Anspielung von T. S. Eliot auf die damalige Entdeckung einer neuen Schicht in der Atmosphäre, der Kennelly-Heaviside-Schicht.

Zauberkater im Spagat

Der Rest ist Zerstreuung. Fast jede Katze wird mit einem Song vorgestellt und spielt im weiteren Verlauf des Abends doch keine prägende Rolle. Einzig vielleicht der Zauberkater Mr. Mistoffelees (Dmytro Karpenko), ein gar gelenkiges Tier, das nicht nur den Spagat beherrscht, sondern auch den vom harmlosen Bösewicht Macavity (Andreas Langsch) entführten Stammesvater wieder herbeihext. Den Binnenplot aber nimmt man höchstens am Rande zur Kenntnis, denn da ist ja auch noch Rum Tum Tugger (Chadi Yakoub), der Draufgänger mit dem Hüftschwung, der die Miezen zum Schnurren bringt.

Die Musik enttäuscht nicht

Aber das sind natürlich keine Charaktere, sondern eher Abziehbilder. Halbwegs eine Entwicklung durchläuft nur die vom Clan verstossene Glamour-Katze Grizabella, die auch den sehnsüchtigen Hit «Memory» singt. Vermutlich stellt sie deshalb so etwas wie eine Hauptrolle dar; mit Kerstin Ibald ist sie jedenfalls ideal besetzt («Kleiner Bund» vom 11. Juli): Die Bruststimme der deutschen Darstellerin klingt rau, fast kratzig, wenn sie als Grizabella vom Schmerz der Erinnerung erfasst wird. Im Kontext der Musical-Künstlichkeit wirkt das erfrischend unverfälscht.

Überhaupt hängt bei so wenig erzählerischer Dichte alles an der Musik. Und die enttäuscht auch in Thun nicht. Der musikalische Leiter Iwan Wassilevski dirigiert das Orchester stilbewusst durch das eklektische Medley. Fliessend, aber doch auf die Note exakt sind die Wechsel zwischen lasziv verschleppten Swing-Passagen, reduzierten Unglücksballaden und hitzigem Rock-’n’-Roll-Pomp.

Stellenweise hat das so viel Schmiss, dass man die Musicalbegeisterten dieser Welt verstehen kann. Fesselnd ist das, wie auf einen Schlag Dutzende von Katzenmenschen in der Kulisse auftauchen – einem stillgelegten Jahrmarkt mit kahlem Karussell, rostigen Rampen, Rutschen und Trampolinen (Bühnenbild: Walter Vogelweider). Und beeindruckend präzis sind die synchronen Gruppenchoreografien. Sie stammen zwar allesamt aus dem Bewegungsfundus des Achtzigerjahre-Musicals, und doch hat gerade die fehlende Ironie hinter dem tänzerischen Überschwang etwas Anrührendes. Dann sind da aber auch die gänzlich überflüssigen Szenen. Bei ihnen wünscht man sich, die amerikanische Choreografin und Regisseurin Kim Duddy, die 1986 als «Cats»-Darstellerin nach Europa kam, hätte die Revue mutiger zusammengestrichen. So wird die Fehde zweier verfeindeter Hundestämme ebenso ausschweifend nacherzählt wie die Abenteuer eines Piratenkaters, wozu das Katzenvolk dann jeweils ein eigenes kleines Kasperletheater aufführt.

Wie ein Junggesellinnen-Abschied

Das ist gar nicht unbedingt nötig. Ebenso wenig wie all die angenähten Schwänze, die seltsamen Dreadlock-Perücken und die vielen Stulpen (Kostüme: Monika Buttinger). Sie lassen den Reigen wirken wie einen Junggesellinnen-Abschied, bei dem die Teilnehmerinnen in sexy Katzenmaskerade auf Männerjagd gehen.

Schon klar: Bei «Cats» stimmt das alles so. Und doch stellt sich die Frage, ob nicht allmählich die Zeit gekommen ist, das Erfolgsmusical nach über dreissig Jahren und einer sozusagen unveränderten Broadway-Wiederaufnahme auch mal zu aktualisieren. Und hiesse das auch nur, es zu straffen. Am Thunersee jedenfalls gibt es das volle Programm, die umfassende Zeitreise. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.

Weitere Vorstellungen bis 24. August. www.thunerseespiele.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2017, 07:37 Uhr

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