«Mein Herz ist ein Grammophon!»

Mit einer hinreissenden Neuadaption des «Kunstseidenen Mädchens», mit dem es 1996 eröffnet wurde, feiert das Theater an der Effingerstrasse seinen Zwanzigsten.

Das traurige Lied fängt wieder von vorne an: Bettina Buchard & Oliver Daume.

Das traurige Lied fängt wieder von vorne an: Bettina Buchard & Oliver Daume. Bild: Severin Nowacki

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«Ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr sein. Und wenn ich später lese, ist alles Kino!» Wenn Bettina Burchard, strahlend vor Optimismus, dem Publikum diese Sätze zuruft, ist sie zugleich Doris, das kunstseidene Mädchen, und Irmgard Keun, die Autorin, und der Film, den sie ankündigt, läuft nicht im Kino, sondern im Theater an der Effingerstrasse.

Dutzende Male hat die kleine Bühne in den 20 Jahren ihres Bestehens aus dem Medium Film das Medium Theater gemacht, und auch Markus Kellers Umsetzung von Irmgard Keuns Roman «Das kunstseidene Mädchen» aus dem Jahre 1932 ist im Grunde eine wunderbar geglückte Adaption von Julien Duviviers Verfilmung von 1959, die trotz Giulietta Masina ein totaler Flop war.

Keller hat allerdings nur den äusseren Rahmen, die Konzentration des Geschehens auf die Liebesgeschichte zwischen Doris und Ernst, vom Film entlehnt, geht ansonsten aber sehr direkt vom Roman selbst und von dessen frech-origineller Sprache und deftiger Bildhaftigkeit aus. Sodass ein Spieltext entstand, der in seiner frischen Unmittelbarkeit auch der Bühnenfassung Gottfried Greifenhagens weit überlegen ist, mit der das Effinger-Theater im Oktober 1996 mit Karen Hempel in der Titelrolle seine Erfolgsgeschichte begann.

Doris will «ein Glanz werden»

Hatte das damalige Bühnenbild das Berlin der Zwanzigerjahre im Kirchner-Look evoziert, so begnügt sich Peter Aeschbacher diesmal mit einer Litfasssäule und einem nackten schwarzen Raum, der die Evokation der Bilder der Sprache und der Fantasie des Publikums überlässt.

In die absurd-komische Leidensgeschichte dieser Doris, die in Köln und Berlin «ein Glanz» werden will, aber es in der Begegnung mit immer neuen Männern bis zuletzt nicht schafft, aus der halbseidenen in die seidene Welt der Arrivierten vorzustossen, bringt Bettina Burchard ihr ganzes schauspielerisches Können ein. Mal freche Göre, mal «grande dame», mal kleine Hure, mal grosse Liebende, verbindet sie Sex-Appeal mit Intelligenz und Selbstbewusstsein und macht es so absolut glaubwürdig, dass sie zugleich auch die Autorin Irmgard Keun verkörpert.

Vom Monolog zum Theaterstück

Dies wiederum hat es Markus Keller ermöglicht, aus dem Monolog ein veritables Theaterstück zu machen und den wunderbar wandlungsfähigen Oliver Daume nicht nur in diversen Männerrollen, sondern auch als Gesprächspartner der Autorin agieren zu lassen. Köstlich, wie Doris sich mit einem fiesen Trick eine Theaterrolle ergattert, wie sie dem arroganten Rechtsanwalt als Schreibmamsell eine Abfuhr erteilt und wie sie bei einem Kriegsblinden ein einziges Mal die wahre Liebe erlebt.

Im Mittelpunkt des Ganzen aber steht die Beziehung zu dem staubtrockenen, überaus höflichen und ekelhaft vernünftigen Ernst, der mit ihr zusammen ihr Tagebuch liest und mit dem ihr Herz, das «ein Grammophon ist und aufregend mit spitzer Nadel auf ihrer Brust spielt», am Ende doch noch «ein Glanz» finden könnte, wenn, ja wenn der von seiner Ehefrau Verlassene beim ersten wirklichen Kuss nicht «Hanne!» flüstern würde. So bleibt kunstseiden eben kunstseiden, fängt das traurige Lied wieder von vorne an und denkt Doris am Ende, dass es «auf den Glanz vielleicht gar nicht so furchtbar ankommt!».

Im Abstand von zwanzig Jahren zweimal die gleiche Vorlage, zweimal eine völlig andere, in sich wiederum schlüssige Deutung, zweimal die gleiche einhellige Begeisterung des Publikums: Überzeugender hätte am Samstagabend die Jubiläumspremiere des Theaters an der Effingerstrasse nicht ausfallen können.

Weitere Aufführungen bis 21. Oktober. (Der Bund)

Erstellt: 26.09.2016, 07:56 Uhr

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