Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


«Man muss enormen Mut haben in diesem Beruf»

Aktualisiert am 04.04.2012 19 Kommentare

Wie keine andere Institution steht das Theater derzeit in der Subventionskritik. Janina Schauer, Darstellerin am Zürcher Schauspielhaus, über den Wert und die Emotionen der Theaterkunst.

1/7 Derzeit in Zürich engagiert: Schauspielerin Schauer.
Mozarteum

   

Zur Person

Janina Schauer (*1986) ist in München aufgewachsen und hat sich am Mozarteum in Salzburg zur Schauspielerin ausbilden lassen. Am Schauspielhaus Zürich ist sie derzeit in den Stücken «Der ideale Mann», einem von Elfriede Jelinek adaptierten Oscar-Wilde-Stück, und «Illusionen», einem Kammerspiel von Iwan Wyrypajews, zu sehen.

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Frau Schauer, wir sind – mehr oder minder berechtigt – umgeben von medialem Krisen-Geflüster und -Geschrei. Setzt das Ihnen als Schauspielerin, seit jeher ein prekärer Beruf, besonders zu?
Natürlich macht das einem zu schaffen. Und es werden ja auch konkret Stellen abgebaut, die Aussichten auf eine Festanstellung als Schauspielerin sind heute so schlecht wie noch nie. Der Lohn als Anfängerin entspricht an fast allen Häusern genau dem vorgeschriebenen Mindestlohn. Das ärgert, klar.

Einen Plan B haben Sie nicht?
Nein, da bin ich jetzt schon zu weit gegangen und zu sehr auf den Geschmack gekommen (lacht). Früher dachte ich mal daran, Ärztin zu werden, Chirurgie ist für mich ungemein faszinierend. Die Adrenalinausschüttung bei einer OP ist wahrscheinlich ähnlich wie die auf der Bühne.

Das Theater steht derzeit im Fokus von Subventionsskeptikern, aufs Neue wird moniert, es gäbe zu viele Spielstätten. Droht das Theater auszusterben?
Nie! Das Theater entsteht und vergeht – im Gegensatz etwa zum Film – ganz im Moment: acht Leute auf der Bühne, dreissig im Hintergrund, 700 im Publikum, man erlebt ein Stück miteinander, in voller Intensität. Jeder Abend ist wieder anders, einmalig. Bei den Aufführungen des «Idealen Manns» sehe ich jeweils, wie arrivierte Schauspieler wie Isabelle Menke oder Markus Scheumann ihre Texte intuitiv variieren, damit im Kleinen etwas Neues, Einmaliges entstehen kann.

Wie wichtig ist das Publikum für die Schauspieler?
Das Publikum kann eine Aufführung stark beeinflussen. Wann wird geklatscht? Wann gelacht? Hats Lücken in der Reihe? Das wirkt sich alles extrem auf die Atmosphäre aus. Übrigens gibt es ja immer irgendwo einen Alten, der schläft. Letzthin bei der Aufführung von «Illusionen» waren gleich mehrere eingenickt, und ich schaute so in die Runde und dachte: «Mensch, ich erzähl euch doch grad was!» (lacht)

Und nach einer Aufführung, wie fühlt man sich dann?
Voller Energie, man könnte Bäume ausreissen. Egal, wie man sich vor dem Auftritt gefühlt hat. Fantastisch.

Wann wurde Ihnen eigentlich klar, dass Sie Schauspielerin werden wollen?
Mit 14 hatte ich ein Erweckungserlebnis, als Schülerin einer Waldorfschule nahm ich an einer Aufführung vor mehreren Hundert Zuschauern teil; ich war bis dahin ein eher schüchternes Mädchen, aber auf der Bühne konnte ich mich voll ausleben. Schauspielerin zu sein, ist wohl einer der intensivsten Berufe, bei dem man sehr viel von sich und seinen Gedanken, Ängsten und Wünschen auf der Bühne veröffentlicht.

Merken Sie manchmal, wie Sie den Beruf ins Privatleben hineintragen? Wie zeigt sich das?
Klar, man muss immer wieder Unsicherheiten überwinden und stösst an Grenzen. Man muss enormen Mut haben in diesem Beruf. Ich versuche mich schon manchmal zu einer Pause zu zwingen, weil man in einer Probenphase doch ununterbrochen mit so einem Stück beschäftigt ist – man schläft damit ein und wacht damit auf. Nach einem Shakespeare-Tag finde ich es herrlich auf dem Sofa zu fläzen, banale Fernsehserien zu schauen und Schokopudding zu essen...

Inwiefern unterscheidet sich das reale Theaterleben vom erträumten?
Gar nicht so sehr. Gut, der Eintritt in die Schauspielschule war ein grosser Schritt, klar; ich habe damals nicht erwartet, dass es so anstrengend werden würde. Auch hat man keinen eigentlichen Lebensmittelpunkt mehr, zieht von Stadt zu Stadt, von Engagement zu Engagement. Darunter leidet das Sozialleben.

Wie erleben Sie das Schauspielhaus Zürich als in Bayern aufgewachsene und in Salzburg ausgebildete Darstellerin?
Sehr positiv. In Salzburg musste ich häufig Mottenkisten-Theater anschauen, das vor 100 Jahren genau gleich ausgesehen und geklungen hätte; das Theater hier ist hundertmal besser, näher an unserem Leben, berührt mich, bedeutet etwas für mich. Auch die institutionellen Rahmenbedingungen sind hier besser, als Schauspielerin werde ich in Zürich, im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, anständig bezahlt.

Im Mai läuft Ihr Engagement am Schauspielhaus bereits wieder aus. Wie gehts weiter? Welche Rollen möchten Sie in Zukunft spielen?
Seit einigen Tagen habe ich ein zweijähriges Engagement am Schauspielhaus Regensburg, was mir einige Sicherheit gibt. Ich glaube, dass ich noch viele Rollen übernehmen kann, noch nicht in ein Muster reingepresst bin – dass ich das unschuldige Mädchen ebenso spielen kann wie die böse Hexe. Horváths «Kasimir und Karoline», «Drei Schwestern» von Tschechow und Strindbergs «Fräulein Julie», das möchte ich irgendwann mal spielen, das ist der Traum. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2012, 13:55 Uhr

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19 Kommentare

Patrick Meier

04.04.2012, 15:14 Uhr
Melden 29 Empfehlung 0

Ich gehe lieber ins Kino als ins Theater. Trotzt steigenden Ticketpreisen würde es mir nie und nimmer in den Sinn kommen, vom Staat Subventionen zu fordern. Wer Theater mag soll auch dafür zahlen. Antworten


Karl Lang

04.04.2012, 16:55 Uhr
Melden 25 Empfehlung 0

Kein Zweifel: Das Theaterschaffen macht Spass, vor allem den direkt Beteiligten (und Subventionierten). Als Germanistikstudent ging ich früher mehrmals pro Woche ins Theater. Heute ziehe ich das Kino dem Theater vor. Das Deklamieren, Chargieren und Brüllen ertrage ich nicht mehr. Das Theater ist eine tote, überholte Präsentationsform. Der Film bietet mehr: Nuancen, Nähe, Direktheit, Musik, Emotion Antworten



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